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2020-02-28

J.W.v.Goethe: Aphorismen zur Optik-Licht und Farbe Seite 1




Licht und Farbe

Licht und Geist, jenes im Physischen, dieser im Sittlichen herrschend, sind die höchsten denkbaren unteilbaren Energien.

Zur Einleitung 

Indem wir von den Farben zu handeln gedenken, befinden wir uns auf jede Weise im Reiche der Erscheinungen. Die Erfahrung allein kann uns von dem Dasein der Farbe unterrichten, und wenn wir ihnen im Leben von einer Seite eben soviel Wirklichkeit zugestehen als allem andern, das wir durch die Sinne gewahr werden, so bemerken wir sie doch gar oft als einen wesenlosen flüchtigen Schein, so daß wir sie unter die Zahl der Zufälligkeiten zu rechnen nicht abgeneigt sind.

Wohin wir unsre Augen wenden, erblicken wir sie, sich mit unendlicher Mannigfaltigkeit bewegend, dabei unter so mancherlei Bedingungen, in so verschiedenen Fällen, daß uns diese ihre wechselnde Allgegenwart, so sehr sie uns erfreut, sogleich zu verwirren anfängt, wenn wir darüber denken.

So mannigfaltige Wege die Naturforscher eingeschlagen haben, diesen Urchamäleon einigermaßen festzuhalten und zu beherrschen, so haben sie doch die einfachsten Mittel versäumt, die man bei allen andern Naturstudien anzuwenden sucht.

Eine vollständige Sammlung der Erfahrungen einigermaßen methodisch aufzustellen, haben Theophrast und späterhin Boyle allein unternommen.

Die Farben mit den Tönen zu vergleichen, sind schon frühere Versuche angestellt worden; aber sie an die übrigen Naturerscheinungen anzuknüpfen, sie unter eine Formel mit den übrigen Elementarerscheinungen zu subsumieren, war nicht möglich, da die bisherige Hypothese sie in einen besondern Kreis isoliert hatte.

Das Auge 

Bau des Auges. Wirkung des Lichts auf dasselbe. Sehen überhaupt — wird aus der Anatomie, Physiologie und Optik vorausgesetzt; nur was sich zunächst auf Farbe bezieht, kann hier abgehandelt werden.
Das Auge ist vorzüglich das Organ, wodurch wir die Farben gewahr werden; doch sollen die Blinden die Farbe gefühlt, ja gerochen haben.
Die Netzhaut, jene markartige Ausbreitung des optischen Nerven, als Organ des Sehens überhaupt sowie des Gewahr werdens der Farben.
Bau der Retina. Kleine Öffnung mit dem gelben Nimbus in der Mitte.
Konkaver Bau derselben.
Runde Form der Feuchtigkeiten.
Bei manchen Erscheinungen Hindeutung auf kreisartige Wirkungen.
Das Auge sieht keine Gestalten; es sieht nur, was sich durch Hell und Dunkel oder durch Farben unterscheidet.
In dem unendlich zarten Gefühl für Abschattierung des Hellen und Dunkeln sowie der Farben liegt die Möglichkeit der Malerei.
Die Malerei ist für das Auge wahrer als das Wirkliche selbst. Sie stellt auf, was der Mensch sehen möchte und sollte, nicht was er für gewöhnlich sieht.
Das Gefühl für Formen, besonders für schöne Formen, liegt viel tiefer.
Die Freude an Farben, einzeln oder in Zusammenstimmung, empfindet das Auge als Organ und teilt das Behagen dem übrigen Menschen mit. Die Freude an Form liegt in des Menschen höherer Natur, und der innere Mensch teilt sie dem Auge mit.
Das Auge ist das letzte, höchste Resultat des Lichtes auf den organischen Körper.
Das Auge als ein Geschöpf des'Lichtes leistet alles, was das Licht selbst leisten kann.
Das Licht überbeliefert das Sichtbare dem Auge; das Auge überlieferts dem ganzen Menschen. Das Ohr ist stumm, der Mund ist taub; aber das Auge vernimmt und spricht.
In ihm spiegelt sich von außen die Welt, von innen der Mensch. Die Totalität des Innern und Äußern wird durchs Auge vollendet.

Als am 18. Oktober 1821 nachts durch die Tätigkeit des Herrn Hofrat Döbereiner nebst anderen Feuerspielen auch ein Weißfeuer auf dem Hausberg abgebrannt wurde, welches entfernt mir, wie ich stand, etwa um das Doppelte größer und heller als Jupiter erschien, welcher zu gleicher Zeit etwas höher am Morgenhimmel leuchtete, blickte ich unverwandt darauf hin, ohne geblendet zu werden, bemerkte eine regelmäßige Strahlung nach allen Seiten und entdeckte gar bald die erste Figur der Purkinjeschen Tafel; es war ein vollkommenes achtstrahlendes Licht, nur weil die Hellung obwaltete, so zeichnete sich das in gedachter Figur mit zarten Strichen eingefaßte, diagonal gerichtete Kreuz am deutlichsten aus, die vertikalen und horizontalen Strahlen dagegen waren zwar auch zu unterscheiden, aber nicht gleich lebhaft; ich freute mich dieser Entdeckung und blickte nach ausgeruhtem Auge den Jupiter an, wo ich nun dieselbe Erscheinung, obgleich kleiner und schwächer, gewahr werden konnte. Das mehrstrahlige Sternbild, das wir am Himmel sehen, ist die Manifestation unseres eigenen Auges und deutet wieder höchst erfreulich auf die Vermittlung des Objekts im Subjekte. Wer wird bei dieser Gelegenheit nicht auf die ewige Wahrheit hingewiesen, daß wir uns in der Welt spiegeln, die Welt in uns, und daß es daher unsere höchste Pflicht sei, uns selbst möglichst rein und schön zu erhalten, damit wir die Reinheit und Schönheit des Universums, darin sich die Gottheit offenbart. [bricht ab]

Es ist eine Gotteslästerung, zu sagen: daß es einen optischen Betrug gebe. Farbenlehre als Monas.

Perspektivische Gesetze 

Die mit so großem Sinne als Richtigkeit die Welt auf das Auge des Menschen und seinen Standpunkt beziehen und dadurch möglich machen, daß jedes sonderbare, verworrne Gedräng von Gegenständen in ein reines, ruhiges Bild verwandelt werden kann.

Symbolik 

Anthropomorphismus der Sprache In der Geschichte überhaupt, besonders aber der Philosophie, Wissenschaft, Religion, fällt es uns auf, daß die armen beschränkten Menschen ihre dunkelsten subjektiven Gefühle, die Apprehensionen eingeengter Zustände in das Beschauen des Weltalls und dessen hoher Erscheinungen überzutragen nicht unwürdig finden.

Zugegeben, daß der Tag von dem Urquell des Lichts ausgehend, weil er uns erquickt, belebt, erfreut, alle Verehrung verdiene, so folgt noch nicht, daß die Finsternis, weil sie uns unheimlich macht, abkühlt, einschläfert, sogleich als böses Prinzip angesprochen und verabscheut werden müsse; wir sehen vielmehr in einem solchen Verfahren die Kennzeichen düster-sinnlicher, von den Erscheinungen beherrschter Geschöpfe.

Unsere Zustände schreiben wir bald Gott, bald dem Teufel zu, und fehlen ein wie das andere Mal: in uns selbst liegt das Rätsel, die wir Ausgeburt zweier Welten sind. Mit der Farbe gehts ebenso; bald sucht man sie im Lichte, bald draußen im Weltall, und kann sie gerade da nicht finden, wo sie zu Hause ist.

Der Eindruck, der im Auge bleibt, wird klein, wenn er auf einem nähern Gegenstand erneut wird und umgekehrt.

Der Ausdruck ,Trüb

 Es scheint, als könne man, bei Erklärung, Beschreibung, Bestimmung des Trüben, nicht füglich dem Durchsichtigen aus dem Wege gehen.

Licht und Finsternis haben ein gemeinsames Feld, einen Raum, ein Vakuum, in welchem sie auftretend gesehen werden. Dieser ist das Durchsichtige. (Ohne Durchsichtiges ist weder Licht noch Finsternis. Dieses Vakuum aber ist nicht die Luft, ob es schon mit Luft erfüllt sein kann.) Wie sich die einzelnen Farben auf Licht und Finsternis als ihre erzeugenden Ursachen beziehen, so bezieht sich ihr

Körperliches, ihr Medium, die Trübe, auf das Durchsichtige. (Jene geben den Geist, dieses den Leib der Farbe.) Die erste Minderung des Durchsichtigen, d. h. die erste leiseste Raumerfüllung, gleichsam der erste Ansatz zu einem Körperlichen, Undurchsichtigen, ist die Trübe. Sie ist demnach die zarteste Materie, die erste Lamelle der Körperlichkeit. (Der Geist, der erscheinen will, webt sich eine zarte Trübe, und die Einbildungskraft aller Völker läßt die Geister in einem nebelartigen Gewand erscheinen.)

Eine Verminderung des Durchsichtigen ist einerseits eine Verminderung des Lichts, anderseits eine Verminderung der Finsternis.

Das zwischen Licht und Finsternis gewordene Undurchsichtige, Körperliche wirft Licht und Finsternis nach ihnen selbst zurück. Das Licht heißt in diesem Falle Widerschein, die Finsternis heißt Schatten.

Wenn nun die Trübe die verminderte Durchsichtigkeit und der Anfang der Körperlichkeit ist, so können wir sie als eine Versammlung von Ungleichartigem, d. h. von Undurchsichtigem und Durchsichtigem ansprechen, wodurch der Anblick eines ungleichartigen Gewebes entspringt, den wir durch einen Ausdruck bezeichnen, der von der gestörten Einheit, Ruhe, Zusammenhang solcher Teile, die nunmehr in Unordnung und Verwirrung geraten sind, hergenommen ist, nämlich trübe.

(Dunst, Dampf, Rauch, Staubwirbel, Nebel, dicke Luft, Wolke, Regenguß, Schneegestöber sind sämtlich Aggregate, Versammlungen von Ungleichartigem, d. h. von Atomen und deren vactio, wovon jene keine Durchsicht, dieses aber eine Durchsicht gestattet.

Trübes Wasser ist ein Durchsichtiges mit Undurchsichtigem in Vermischung, dergestalt, daß Wasseratome und Erdatome, kopuliert, das dichteste Netz von Körperchen und deren vacuo vorbilden.) Auf diese Weise drücken sich auch die lateinische und deren Töchtersprachen aus:

turbo, are.
turbidus, von turba.
torbido, ital.
torbio, span.
trouble, franz.

Griechischer Text fehlt

Auch in diesem Falle ist das Trübe eine Versammlung von Durchsichtigem und Undurchsichtigem, ein netzartiger Überzug von undurchsichtigen Atomen und deren durchsichtigen vacuis.

Wie der Magnet im Eisen wirkt, so wirkt die Farbe im Auge, und ich möchte sagen: so hoch das Auge über dem Eisen steht, so viel höher steht die Farbe über der magnetischen Wirkung.

Wer die physischen Wirkungen, die höchsten, die wir kennen, Farbe und Ton, hinunterziehen wollte, würde sich sehr verkürzen, wer jene untere heraufziehen wollte, würde sich einen bloßen imaginativen Spaß machen; alles kommt darauf an, was der organischen Natur und dieser in ihren höchsten Zuständen gemäß ist, es mag, darf und soll übrigens in Kombination mit seiner irdischen Base bleiben. Das Chromatische hat etwas sonderbar Doppelhaftes, und wie ich unter uns wohl reden darf: eine Art von Doppelhermaphroditischem, ein sonderbares Fordern, Verbinden, Vermischen, Neutralisieren, Nullisieren usw., ferner einen Anspruch an physiologische, pathologische und ästhetische Effekte, daß man, selbst bei der größten Bekanntschaft damit, noch immer darüber erschrickt. Und doch ist es immer so stoffhaft, materiell, daß man nicht weiß, was man dazu sagen soll.

Die sonoren Wirkungen ist man genötigt beinahe ganz obenan zu stellen. Wäre die Sprache nicht unstreitig das Höchste, was wir haben, so würde ich Musik noch höher als Sprache und als ganz zu oberst setzen.

Wenigstens scheint mir, daß der Ton noch viel größerer Mannigfaltigkeit als die Farbe fähig sei, und obgleich auch in ihm das einfachste physische Gesetz der Dualität stattfindet, so wie er auch in seinen ersten Ursprüngen betrachtet durch viel gemeinere Anlässe als die Farbe erregt wird, so hat er doch eine unglaubliche Biegsamkeit und Verhältnismöglichkeit, die mir über alle Begriffe geht und vielleicht zeitlebens gehen wird; ob ich gleich die Hoffnung nicht aufgebe, aus der konventionellen eingeführten Musik das physisch Einfache noch herauszufinden.

Zahl der Farben 

Man streitet oft und viel über die Zahl der Farben und zeigt dadurch, daß man nicht wohl überlege, wovon die Rede sei: denn da, wo die Natur so zarte und bedeutende Unterschiede in verwandte Erscheinungen gelegt hat, sollte mehr von Eigenschaften als von Zahlverhältnissen die Rede sein.

Man kann sagen, es gebe nur zwei Farben, Gelb und Blau: denn diese können ganz rein und ursprünglich und im Gegensatze voneinander erregt werden. Man kann sie darstellen, ohne daß sie die mindeste Nebenempfindung erregen. Drei, besonders wenn man von Pigmenten ausgeht und (las völlig fertige, im Gleichgewicht stehende Rot als das Dritte annimmt.

Viere, wenn man Gelb und Blau zusammenbringt und eine Farbe darstellt, in welcher beide genannten abermals völlig das Gleichgewicht halten.

Fünfe, wenn man das reine Rot aufgibt, eine Skala annimmt, worin Grün die Mitte macht, Gelbrot und Blaurot aber die beiden Enden. Dieses ist das Newtonische Spektrum, dem eine Hauptfarbe fehlt.

Sechs Farben kann man annehmen, wenn man die erst- gedachte Skala von fünfen in einen Kreis schließt und das reine Rot wie billig darin gelten läßt. Dies ist der Kreis, den wir zu unsern Vorträgen gewählt haben, welcher vollständig, bequem und naturgemäß ist.

Sieben Farben enthält die Newtonische Skala, wenn man bei den obigen fünfen die beiden roten Seiten noch um eine Stufe unterscheidet. Acht Farben würden es werden, wenn man diese Skala abermals in einen Kreis zusammenböge und das vollendete Rot darin aufnähme. Nun könnte man zu sechzehn fortschreiten, indem man

zwischen jede Schattierung noch eine hineinstellte, oder zu zweiunddreißig und so ins Unendliche: denn indem der Farbenkreis als eine ewig stetige Reihe erscheint, so ist ja seine Teilbarkeit ins Unendliche hiermit schon ausgesprochen.

Lassen sich nun unendliche Farben denken, ohne daß man gewissermaßen auf Hell und Dunkel reflektiert, so läßt sich ihre Zahl abermals vermehren, indem man sie sämtlich entweder erhellt oder verdüstert und sie zu den unendlichen Stufen des helldunklen Grauen hinzugesellt. Aber auch hier sind wir noch nicht am Ende: denn die besondern Körper zeigen uns abermals unendliche, oft unbestimmbare Farben, welche durch seltsame Mischung verschiedener Teile oder durch organische und chemische Kochung entspringen.

Bedenkt man ferner, was die schillernden oder sonst wechselnden Widerscheine für eine unendliche Mannigfaltigkeit in die Oberflächen bringen, was sonst für Zufälligkeiten bei andern farbigen Naturphänomenen obwalten können, so sieht man recht gut, daß hier nicht von Zahl, sondern von einem unendlich lebendigen Spiel die Rede sein könne.

Zum nachstehenden Aufsatz 

Einen auf der Achse des Prismas perpendikular aufstehenden Rand kann man (subjektive) in die Höhe heben, herunterdrücken, zusammenziehen, es wird keine Farbenerscheinung geben. Es muß notwendig der schwarze Rand gegen den weißen oder der weiße gegen den schwarzen geführt werden. In dem ersten Falle wird das Dunkle über das Helle, in dem zweiten Falle das Helle über das Dunkle gleichsam gezogen, und es entsteht ein Doppelbild, das in dem ersten Falle gelb und gelbrot, im zweiten blau und blaurot erscheint. Hier ist nun zu untersuchen, ob der Rand wirklich ganz von der Stelle rückt, indem er gefärbt wird, und . . . [bricht ab]

Da ich an einem andern Orte umständlich gezeigt, daß Refraktion an und für sich keine Farbenerscheinung hervorbringe, sondern daß sich zu derselben noch eine Beschränkung des Lichtstrahls bei objektiven, des Bildes aber bei subjektiven Versuchen gesellen müsse, so will es Zeit sein, daß ich nunmehr die Resultate zusammenfasse und die wenigen Phänomene vorlege, aufweiche sich alle übrigen reduzieren lassen.

1. Man denke sich zuerst einen durch eine runde Öffnung in eine dunkle Kammer fallenden beschränkten Sonnenstrahl, wie selbiger von einer weißen Tafel aufgefangen wird, wodurch denn eine helle Kreisfläche auf einem dunklen Grunde entsteht. Die erste Figur^ bezeichnet den Durchschnitt, der Buchstabe a die Kreisfläche auf der Tafel.

2. Diese oder eine jede andere weiße, auf einen dunkeln Grund gebrachte Kreisfläche wird von dem Auge unter gewissen Winkeln gesehen, wie Fig. andeuten mag.

3. Die Größe dieser Kreisfläche kann an der Wand oder im Auge auf zweierlei Weise durch Refraktion verändert werden, entweder daß dieselbe zusammengezogen und verkleinert oder ausgedehnt und erweitert werde.

4. Wird der Kreis zusammengezogen, so erscheint das Phänomen b, und der Rand ist jederzeit gelb eingefaßt. Wird der Kreis ausgedehnt, so stellt sich uns das Phänomen c dar, jedesmal ist der Rand blau eingefaßt.

5. Wenn man mit einer erhabenen Linse den einfallenden Sonnenstrahl auffängt, so werden die parallelen Strahlen alle nach einem Brennpunkte zu gebogen; bewegt man eine weiße Tafel vom Brennpunkte nach der Linse zu, so werden die Lichtkreise sämtlich mit einem gelben Rande umgeben sein. In der dritten Figur zeigen uns die schwarzen Striche, welche durch die Linse gehen, den Weg der Sonnenstrahlen vor der Refraktion, die roten aber ihr Zusammenneigen nach derselben.

6. Will man nun aber im Auge einen an der Wand befindlichen Kreis zusammengezogen und mit einem gelben Rande gefärbt sehen, so ist natürlich, daß man ein konkaves Glas dazu anwenden müsse. Die vierte Figur zeigt uns erst mit schwarzen Linien den Winkel, unter dem wie einen Gegenstand an der Wand vor der Refraktion sehen; die roten Linien zeigen, wie er sich durch die Refraktion zusammenzieht, wodurch also das Phänomen b im Auge entstehen muß.

7. Bringen wir nunmehr, wie die fünfte Figur zeigt, ein konkaves Glas vor den einfallenden Sonnenstrahl, so werden die Ränder desselben, wie hier die roten Linien abermals zeigen, auseinander getrieben, und das auf der Tafel vergrößerte Bild c erscheint nun mit einem blauen Rande eingefaßt.

8. Wollen wir hingegen im Auge einen weißen Kreis mit einem blauen Rande eingefaßt sehen, so müssen wir ein konvexes Glas zwischen dasselbe und das Bild bringen. Der weiße Kreis wird dadurch vergrößert, erweitert, wie die roten Linien der sechsten Figur zeigen, und wir wer- den das Phänomen c erblicken.

9. Dieses sind die Erfahrungen, auf welche alle übrigen, die wir bei der Refraktion gewahr werden, sich zurückführen lassen; es sind die Grundversuche, von denen man ausgehen muß, um nach und nach die übrigen zu entwickeln, welche uns sonst nur verwirren.

10. Wir haben die Ursache gesehen, warum bei demselbigen Glase das Phänomen im Auge (subjektiv) auf eine andere Weise gefärbt erscheint als das Phänomen, das das Sonnenlicht an die Wand wirft (objektiv); sie liegt darinne, daß nach der Natur des Lichts und des Sehens einerlei Phänomene durch entgegengesetzt gebildete Mittel hervorgebracht werden.

11 . Gehn wir nun zu parallelen und winklicht gebildeten Mitteln über, so werden wir abermals dieselbigen Gesetze wirksam finden.

12. Sieht das Auge durch ein paralleles Mittel Fig. 7 nach dem weißen Kreise auf dem dunkeln Grund, so ist es eben, als wenn dasselbe durch ein Vergrößerungsglas sähe. Der Gegenstand wird näher gerückt, dehnt sich aus, und es erscheint also das Phänomen c mit einem blauen Rande eingefaßt. (Hierzu gehört eine gewisse Dicke des Mittels und eine gewisse Entfernung des Auges, wie anderwärts ausgeführt wird.)

13. Die Lichtstrahlen, mit einem parallelen Mittel senkrecht aufgefangen, werden hinter demselben, weil sie sich weder ausdehnen noch zusammenziehen, kein farbiges Phänomen hervorbringen; läßt man aber einen eingeschränkten Lichtstrahl schief auf ein paralleles Mittel fallen, so zeigen die roten Linien der achten Figur, daß das Bild an der Wand höher erscheinen muß, als es vor der Refraktion fiel. Dieses hinaufgerückte Bild bringt das Phänomen d hervor, und zwar aus den uns schon bekannten Ursachen. Der obere Rand muß blau sein, weil das helle Bild dort nach dem Dunkeln zu gerückt und also gleichsam erweitert wird. Der untere Rand muß gelb sein, weil hier der Rand des Bildes nach dem Hellen zu gerückt und also gleichsam verengt wird.

14. Sehen wir aber durch ein paralleles Mittel schief nach dem bekannten weißen Kreise, Fig. 9, so erscheint uns das Bild heruntergerückt, wie die punktierten roten Linien zeigen, indem die Strahlen, die von den Rändern kommen, den Weg nehmen, der durch die roten Linien ausgedrückt ist. Hier wird also das Phänomen e in unserm Auge entstehen, der obere Rand wird gelb erscheinen, weil er nach dem Lichte zu gerückt und gleichsam zusammengezogen ist, der untere erscheint blau, weil er nach dem Dunkeln zu rückt und gleichsam ausgedehnt ist.

15. Ebenso verhalten sich die Phänomene, welche durch die eigentlich sogenannten Prismen hervorgebracht werden, welche ich nur kürzlich durchführe. 16. Ein Prisma, den brechenden Winkel unter sich gekehrt, Fig. 10, das den beschränkten Sonnenstrahl auffängt, lenkt den Strahl in die Höhe und bringt das Phänomen d hervor. 17. Sieht hingegen ein Auge, Fig. 11, durch ein Prisma gleichfalls den brechenden Winkel unter sich gekehrt, so wird das Bild heruntergerückt, und das Phänomen e erscheint im Auge. 18. Fängt man mit dem Prisma, den spitzen Winkel über sich gekehrt, Fig. 12, den Sonnenstrahl auf, so wird er heruntergelenkt, und das Phänomen e erscheint; sieht man hingegen durch ein Prisma in gleicher Richtung, Fig. 13, nach dem weißen Gegenstande auf einem dunkeln Grunde, so wird er hinaufgerückt werden und das Phänomen d sich im Auge präsentieren.

19. Diese Versuche hegen allen übrigen zum Grunde; diese wenigen Phänomene sinds, woraus alle die übrigen sich entwickeln lassen.

Es ist kein so kompliziertes Phänomen, das sich nicht leicht und bequem auf diese ersten Grunderfahrungen zurückführen lasse. Es versteht sich von selbst, daß es noch mühsam genug ist, um von hier an methodisch fortzuschreiten und aus diesen Phänomenen alle übrige abzuleiten, daß durch Nebenumstände manche neue Bestimmung herbeigeführt werde, und was bei so einer Arbeit alles noch mehr vorkommen mag. So viel wird aber leicht jeder sehen, daß hier nicht von einer Theorie die Rede sei, welche aus wenigen Versuchen erst festgesetzt wird, um derselben nachher alle und jede Erfahrungen zu akkommodieren, sondern daß hier bloß einfache unerklärte Grundversuche dastehen, an welche sich alle übrige Erfahrungen leicht anschließen können, wodurch eine Sammlung derselben, zum Behuf einer Theorie (wenn anders eine möglich ist), nunmehr durch Fleiß und Methode aufgestellt werden kann.





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