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2020-02-28

J.W.v.Goethe: Aphorismen zur Optik-Licht und Farbe Seite 2



Nachdem die Wirkungen des Lichts, zur Bequemlichkeit der Demonstration, auf ideale Linien zurückgeführt, unter Linien vorgestellt und solche angenommene Licht-Linien Strahlen genannt werden, so ist in der Lehre vom Licht und den Farben dadurch eine große Verwirrung entstanden, daß man diese abstrakten Geistesprodukte als wirklich existierende physische Wesen ansah. Man hört nun bei Versuchen von gebrochnen Strahlen, von zurückgeworfnen, gebeugten, zerstreuten, gespaltnen; ja zuletzt wollte man gar unsichtbare Strahlen beobachtet haben.

Jene zu gewissem Behuf dienliche Supposition muß daher der Physiker durchaus von sich entfernen, solange er Versuche anstellt und die Bedingungen, unter denen die Phänomene erscheinen, genau bestimmen will. Für ihn bleibt ein bedeutender Hauptsatz:

Überall wo die Sonne wirkt, wirkt sie ganz, als ein rundes Bild von gewisser Ausdehnung. Kein einzelner Strahl kann von derselben abgesondert, abgezwackt werden. Mit keinem Sonnenstrahl operiert der Physiker, sondern ihr ganzer Inhalt und Umfang, ihr völliges Bild, ihre Mitte, ihre Ränder kommen in jedem einzelnen Falle in Betracht.

Wir haben bei unserer Darstellung das Wort Lichtstrahl sorgfältig vermieden, es ist ein angenommener Kunstausdruck, der an seiner Stelle gute Dienste leisten kann, aber wenn man physische Erscheinungen damit bezeichnen will, zu einem Irrtum nach dem andern verleitet. In der Erfahrung kann man von keinem leuchtenden Körper einen Strahl abzwacken, um damit zu operieren; es ist immer sein ganzes Bild, das wirkt und zwar als Bild wirkt. Wir sprechen daher folgendes aus: Bei objektiven Versuchen werden \ leuchtende Bilder und bei subjektiven Versuchen alle sichtbare Bilder verrückt.

Die Ränder des Bildes dürfen mit der Richtung, in der es; verrückt wird, nicht parallel gehen.

Man nimmt gewöhnlich an, daß die Sonnenstrahlen parallel fallen. Diese Vorstellungsart ist zu einem gewissen Behufe brauchbar und mag gelten, wenn man von breiten, von der Sonne beschienenen Flächen spricht. An dem Sonnenlichte, das durch eine beschränkte Öffnung oder an einem schmalen Körper herfällt, zeigt die Erfahrung ein anderes. Man mag sich von dem Bilde der Sonne grad abstrebende Strahlen denken, sie gehen aber auch von den Rändern aus übers Kreuz. Nicht das Ganze allein gibt Licht, sondern i auch die Teile. Der Rand einer Öffnung kann die eine : Sonnenhälfte verdecken, die andre Hälfte scheint noch daran vorbei.

Dies gilt von allen Rändern einer großem Öffnung. Das Sonnenlicht fällt durch keine Öffnung parallel. Das Bild einer jeden Öffnung, in einiger Entfernung aufgefangen, ist größer als die Öffnung selbst. Die mehrere Größe setzt an jeder Seite den Winkel des halben Sonnendiameters voraus. Das Bild jeder Öffnung ist daher mit einem halbhellen Rand geendigt, der sich nach und nach in den Schatten verliert. Das Sonnenbild durch die kleinstmögliche Öffnung ist daher nur ein Halblicht.

Der Schatten eines schmalen Körpers verschwindet zuletzt ganz im Sonnenlichte, daran die Strahlen, welche sich kreuzen, gleichfalls Ursache sind.

Lichtstrahlen, Strahlenbündel sind hypothetische Wesen, von denen man in der Erfahrung nicht sprechen sollte. Durch die kleinste Öffnung eines Ladens wird weder ein Lichtstrahl noch ein Lichtbündel eingelassen, sondern das ganze Sonnenbild fällt herein, ja das Bild des ganzen Himmels und der ganzen Umgebung, wie man sich in jeder Camera obscura überzeugen kann.

Man mache die Öffnung so klein als möglich, so wird das Sonnenbild auf dem Papiere nahezu die Größe haben, wie es der Winkel seines Diameters von etlichen dreißig Sekunden erfordert. Man vergrößere die Öffnung, und der auf dem Papier erleuchtete Fleck wird die Größe der Öffnung haben und etwas mehr, beinahe so viel, als der Winkel des Sonnendiameters verlangt.

Man schneide in eine Pappe oder Blech mehrere Quadrate von verschiedener Größe nebeneinander, man lasse durch dasselbe das Sonnenlicht ganz vertikal auf eine weiße Fläche fallen, und man wird die sämtlichen Quadrate größer als die Öffnungen finden, und zwar dergestalt, daß das größere sowohl als das kleinere Quadrat eins nicht mehr als das andre zugenommen hat. So wird z. E. in einer Entfernung von neun Fuß das einzöllige Quadrat zwei Zoll an jeder Seite haben; das dreizöllige wird vier Zoll, das vierzöllige fünf Zoll an jeder Seite sein.

Farben des Himmels 

Hängen genau mit dem Witterungszustande zusammen. Nachfolgende Erfahrung muß man sich einprägen, weil sie der Grund aller in der Atmosphäre zu beobachtenden Farbenerscheinung bleibt. Ein trübes Glas vor das Finstere gehalten, von vorne aber erleuchtet, erscheint blaulicht, je weniger trüb, desto blauer, das am wenigsten getrübte violett; umgekehrt erscheint dasselbe Glas gegen das Helle gehalten gelb nach seiner mehreren Dichtigkeit röter so daß endlich die Sonne selbst rubinrot zu schauen ist.

Die Luft als Feuchtigkeitsträger, auch die heiterste, ist immer als trüb anzusehen, weswegen der Himmel der Sonne gegenüber und zur Seite blau erscheinen wird, denn das Finstere des Weltalls wirkt noch durch den Flor hindurch. Eben deshalb erscheinen die Berge in einiger Entfernung dunkler blau als in größerer.

Auf den höchsten Bergen, wegen der Reinheit der Atmosphäre, erscheint die Luft hochblau, zuletzt ins Rötliche spielend; im flachen Lande, bei größerer Verdichtung und Trübung der Luft, wird das Blau immer blässer, verschwindet zuletzt und erscheint ganz weiß.

Die Sonne und der helle Raum um sie her, durch eine stark mit Dünsten angefüllte Atmosphäre gesehen, erscheint gelbrot bis zum Roten.

Vor Sonnenaufgang, nach Sonnenuntergang, wenn die Sonne durch die starken Dünste des Horizonts durchscheint, so beleuchtet sie die Wolken mit gelbem, ja rotem Schein.

Beim Höherauch erscheint die Sonne blutrot wie durch ein stark getrübtes Glas.

Auf beigelegter Zeichnung hat man den Blaumesser mit dem Gelb- und Rotmesser verbunden, jener hat nur die Hälfte seiner Stufen, die nicht einmal alle bei uns vorkommen, dieser ist ganz durchgeführt; obgleich das höchste Rot bei uns wohl selten sein möchte, in Italien kommt es vor zu Zeiten des Schirokko.

Wirkung des Lichts auf organische Körper 

Es kann betrachtet werden als ein Reizmittel das auf die Körper wirkt und verschiedene Wirkungen innerhalb denselben hervorbringt, das etwas aus ihm entbindet und sie disponiert, etwas anderes von außen anzunehmen, oder es kann auch als betrachtet werden, der in die Körper eindringt und nachher einen Teil von ihnen ausmacht.

Die Farben der Pflanzen sind Andeutungen, welches chemische Wirken in ihnen vorgegangen. Die Pflanzensäfte von Haus aus indifferent, als was erscheinen sie sehr oft in Blüten.

Man lasse doch das Licht in Ruhe oder wirkend in seiner Integrität, da wir die Säuren und Basen schon hierunter nachweisen können. Man behandle Blätter und Blüten mit den entgegengesetztesten Reagenzien, und man wird finden, daß gerade das Vereinte und Vereinfachte [?], das Purpur und Schwarz, die grad, die den reinen Spektren fehlen, ihnen zugeteilt sind. Daß sich doch auch gar niemand schämen will.

Die Säfte, welche zur Zeugung gehören, oder sie vorbereiten, oder die Blumenblätter färben, können auch in die Stammblätter dringen — Bupleumm —; und artig ist Salvia horminum, wo zuletzt, wenn der Blütenstand aufhört, die oberen Blätter des Stengels sich anmutig rot färben.

Auch das Buntfärben der Blätter im Herbste scheint mir aus dieser Ursache zu entstehen. Die Blätter haben ihre überflüssige Feuchtigkeit verloren; sie sind also gewissermaßen in den Zustand der Blumenblätter gelangt. Der übrige färbende Saft, den der Blütenstand nicht ganz aufgezehrt, tritt hinein und färbt sie. Hier ist vorzüglich von der roten und violetten Farbe die Rede.

Wenn schon im allgemeinen ohne Frage das Licht zur Pflanzenfärbung das Hauptsächlichste beiträgt, so treten doch auch Umstände ein, wo die Mitwirkung desselben unnötig erfunden wird.

Die Wurzel ist gewöhnlich farblos oder mißfärbig, doch haben die Rüben der Möhren eine gelbe Farbe vom blassen Gelben bis zum Rotgelben. Die rote Rübe vollkommenes Rot. Die Wurzel der Merkurialis ein leichtes Violett, und die Knollen der blauen Kartoffel geben die merkwürdige Erscheinung, daß, wenn man sie mit der blaugefärbten Schale siedet, diese Farbe durch den Körper dringt; siedet man sie hingegen ohne Schale, so zeichnet sich um die Mitte her ein Kreis von blauen Punkten gestellt. Die Schale der roten Radieschen macht uns gleichfalls aufmerksam, daß eine Färbung unter der Erde vorgehen könne. Alle diese Farben durch Weingeist extrahiert, zeigen gegen Säuren und Alkalien die entgegengesetzte Wirkung, besonders hat die Wurzel der Merkurialis eine sehr zarte Empfindlichkeit gegen beide.

Daß auch Färbung ohne Licht stattfinde, sehen wir daraus, daß die Stengelblätter, die aus gewissen Zwiebeln hervordringen, an ihren Spitzen schon vollkommen grün sind und weder von Licht noch Luft berührt worden zu sein [scheinen]. Inzwischen lassen uns im Finstern erzogene Pflanzen bemerken die Einwirkung des Lichts; die Stiele bleiben mißfärbig, die Räume von Knoten zu Knoten verlängern sich wurzelartig, und Metamorphose findet nicht statt. Die grünende Farbe also von der verschiedensten Art dürfen wir als die unterste Stufenfarbe der Pflanzenbildung ansehen; weil die Natur aber keine Sprünge macht, sondern stetig immerfort wirkt, so deutet sie schon in den Stengelblättern von Zeit zu Zeit auf die künftige Farbe der Blumen. Bei den Amaranten ist dies fast durchaus der Fall, die Stengelblätter zeigen sich schon gefleckt, ja sogar Amarantus tricolor hat völlig bunte Blätter, und so wie eine Andeutung auf die Blüte hier geschieht, so werden auch Stengelblätter in Gefolg von Blüten gefärbt, wie bei Salvia horminum und Melampyru marvense und andern Arten desselben.

Nun aber ist die Blüte die Hauptmanifestation aller Farbe; die Blume, Blüte kann vorerst weiß sehn, wie sie sich bei verschiedenen Klassen und Familien zeigt, dann bemerkt man aber eine leise Neigung zum Gelben, besonders da, wo sie mit dem Kelch und Frucht zusammenhängen, wie man an der weißen Rose sieht; auch geht ein entschiedenes und gesteigertes Gelb da, wo sich die Blume der Befruchtung nähert, wovon Narcissus poeticus ein schönes Beispiel gibt; dieses Gelb aber verbreitet sich gar bald über sämtliche Blumenblätter, wie an der Tazette und der gelben Rose zu sehen. Dieses Gelb steigert sich bis zum Stärksten Rot, wie uns die Samtrose sehen läßt, deren Blätter außen noch gelb, inwendig aber vom schönsten Rot sind. Ich glaube bemerkt zu haben, daß diese Rose unter gewissen Umständen in das Reingelbe wieder zurückgeht, wahrscheinlich bei kümmerlichem Stand an Mauern und sonstigen schlechten Boden, so wie eben diese gelbe Rose im fetten Boden sich dergestalt gewaltsam füllt, daß sie sich nicht entwickeln kann, sondern platzen muß.

Nehmen wir nun das reine Rot der Heckenrose und Zentifolie als höchsten Gipfel dieses Geschlechts, so ist den Gartenfreunden gar wohl bekannt, wie sie sich durch mannigfaltige Schattierungen nach dem Bläulichroten hinzieht, ohne das Violette jemals zu erreichen; sie müßte, daher wohl auf die aktive Seite zu ordnen sein.

Ein wundersames Geschlecht ist die Malve, welche vom Weißen durchs Blaßgelbe ins rötlich Gelbe und immer weiter ins Rote sich steigert, bis sie zuletzt ins dunkelste Blaurot gelangt und, indem sie auf der aktiven Seite angefangen, bis über die Grenze der passiven Seite hinüber zu dringen scheint. Daß mit Veränderung der Farbe auch die Eigenschaften sich verändern, wird hier merkwürdig; daß gerade eben diese dunklen ins Blaurote umgewendeten Malven in den Offizinen genutzt und ihre besänftigende Eigenschaft am meisten offenbar wird.

Die Tulpe ist in ihrem wilden Zustand gelb, die Außenseite ihrer Blätter verleugnet das ursprüngliche Grün noch nicht; dieses wird jedoch durch Kultur vertrieben, und das Gelb durch alle Stufen des Rötlichen bis ins Violette gesteigert und verwandelt. Der Gegensatz von Grün und Rot wird höchst merkwürdig bei den monströsen Tulpen; ein Teil des wunderlich eingezackten, ja mit Sporen versehenen Blattes bleibt am längsten grün, und diese Teile gehen sodann unmittelbar in das schönste höchste Rot über, gerade wie es bei allen chemischen Umwendungen zu beobachten ist und bei der subjektiven Forderung des Auges ebenfalls statt hat. So genau hängen die Wirkungen der Natur zusammen.

Die braune Farbe entspringt, wo ein mächtiges Gelb gerötet noch besonders verfinstert wird.

Polemik

Gegen das Papsttum der einseitigen Naturlehren, welches sich anmaßt, durch Zeichen und Zahlen den Irrtum in Wahrheit zu verwandlen, habe ich meine Thesen schon vor vielen Jahren angeschlagen. Aber die knüffliche Behendigkeit dieses Pfaffengeschlechtes hatte eine allgemeine Wirkung meines Unternehmens zu hindern gewußt. Denn indem sie den Irrtum in sich selbst verwickelten und steigerten, verhüllten sie ihn dergestalt, daß er unnahbar noch immerfort von der schlecht unterrichteten Menge verehrt werden mußte. Sie schilderten mein Unternehmen als verwegen, meine Kräfte als unzulänglich, meine Einsichten als mangelhaft. Und warum sollten die Deutschen nicht auf der alten, bequem eingelernten Lehre sich beruhigen, da man ihnen gerade zur Zeit, als die Außenwelt ihnen unsäglich zu schaffen macht . . .
Sammlung ins Innere, neue Studien, frisches Beobachten und freies Urteilen anempfohlen.

Der historische Teil meiner Arbeit spricht von selbst. Die Geschichte muß klarmachen, wie der Mensch bald aufgeklärt bald verdüstert wird, und leider sich im Düstern mehr gefällt als im Klaren, wie es ihm viel mehr gefällt, einen verworrenen Irrtum zu beerben, der ihm ewig zu schaffen macht, als eine Wahrheit zu bekennen, die sogleich ein Gemeingut wird und dem einzelnen nicht mehr angehört.

Dieses nochmals laut auszusprechen, ergreife ich die Zeit, da vor dreihundert Jahren ein Deutscher einem andern Papsttum den Krieg ankündigte, ohne mich mit ihm oder meine Sache mit der seinigen zu vergleichen. Zwar ist keine Wahrheit klein und keine groß zu machen. Das Wahre ist sich durchaus gleich, weil es, einmal erkannt, unendlich fruchtbare, für die Menschheit erfreuliche Folgen hat, und was soll ich von der Gefahr sagen, sie zu bekennen: war es ein kleines, was ich duldete, wenn ich meinem Vaterland, das mir gewogen ist, das mein Bemühen schätzt und liebt, in diesem Falle für halb wahnsinnig, als an einer fixen Idee leidend, vorkommen mußte?

Nun aber ists anders geworden; wir sind vom fremde Herrscherjoche befreit, der Deutsche sieht frei umher, und vom politischen Joche befreit, wird auch das Gefühl sich wieder herstellen für wissenschaftliche Ketten.

Ich erkläre also nochmals, daß ich, was ich seit beinahe dreißig Jahren öffentlich und im stillen bekannt, für wohlgetan und der Wahrheit sich immer mehr annähernd halte. Meine Beiträge zur Optik enthalten Versuche, die jeden, der freie Augen hatte, auf den rechten Weg führen mußten; mein Entwurf einer Farbenlehre ist und bleibt ein Gerüste, wonach ein haltbares Gebäude aufgeführt werden kann. Was ich polemisch ausgeführt, wird bald nicht mehr nötig sein, da das dort Gerügte von selbst wegfallen und dem Wahren Platz machen wird.

Deshalb erlaube man mir, scherzhaft zu sagen, und wenn so viel Teufel in den Hörsälen und Buchläden sich gegen mich widersetzten als Zeichen und Zahlen zugunsten der falschen Lehren seit hundert Jahren verschwendet worden, so sollen sie mich doch nicht abhalten, laut zu bekennen, was ich einmal für wahr anerkannt und worauf ich um so fester bestehe, als ich es für fruchtbar und dem Lebensgebrauch für ersprießlich halte.

Ohne weiteres also erkläre ich, daß die mathematische Physik in ihrem Kreis vor wie nach ihr Wesen treiben möge, sie irrt uns nicht. Denn was geht die Farben sie an. Diese . . . Was ist denn Preßfreiheit, nach der jedermann so schreit und seufzt, wenn ich nicht sagen darf, daß Newton sich in seiner Jugend selbst betrog und sein ganzes Leben anwendete, diesen Selbstbetrug zu perpetuieren. Nun gut, es ist ihm gelungen, das ganze 18. Jahrhundert hat die Albernheiten nachgesprochen; soll sie deshalb das 19. auch nachsprechen und man in Ewigkeit fort irren, weil ein großer Mensch einmal geirrt hat? Denn bisher, indem wir den Irrtum teilweise wegzuräumen suchten, kamen wir uns nicht anders vor als diejenigen, welche Winterszeit von der Polizei beordert Schnee und Eis aus der Stadt schaffen. Es ist ein böses Geschäft, womit man nie zu Ende kommt. Ein laues Frühlingswetter löst die Aufgabe viel geschwinder. Ebenso wohltätig erzeigt sich die Wahrheit. Nur leider mußten wir in unsern Falle gegen den hartnäckigen hundertjährigen Schulwinter uns unsern Frühling erst selbst schaffen.

Denn indessen unsere guten Puristen sich leidenschaftliche Mühe geben, unschuldige Worte und Silben aus der Sprache zu verbannen, so sehen wir die Naturforscher in manchen Fächern fremde, veraltete Irrtümer hegen und pflegen; wir bemerken, ohne großen Scharfsinn, wie sie neu sich bildende Grillen mit Freuden aufnehmen, durch Übersetzen, Ausziehen, Ausposaunen und Verbreiten überall Aufmerksamkeit zu erregen und die geistigen Räume mit Phantomen zu füllen trachten. Dagegen wird das Einheimische nicht gleichmäßig anerkannt und eher beseitigt als gefördert, so daß zuletzt, wenn wir gedeihen sollen, uns der Fremde gegen den Fremden zu Hülfe kommen muß. Möge mancher wahre Naturfreund, der mit mir von gleicher Erfahrung und Überzeugung ist, in seinem Fache dasselbige aussprechen, deutlicher und entschiedener, als ich es gegenwärtig für rätlich halte.

Rekapitulation der acht ersten Versuche 

Da wir nunmehr auf einen Punkt unserer polemischen Wanderung gekommen sind, wo es vorteilhaft sein möchte, still zu stehen und sich umzuschauen nach dem Weg, welchen wir zurückgelegt haben, so wollen wir das Bisherige zusammenfassen und mit wenigen Worten die Resultate darstellen.

Newtons bekannte, von andern und uns bis zum Überdruß wiederholte Lehre soll durch jene acht Versuche bewiesen sein. Und gewiß, was zu tun war, hat er getan; denn im Folgenden findet sich wenig Neues; vielmehr sucht er nur von andern Seiten her seine Argumente zu bekräftigen. Er vermannigfaltigt die Experimente und nötigt ihnen immer neue Bedingungen auf. Aus dem schon Abgehandelten zieht er Folgerungen, ja er geht polemisch gegen Andersgesinnte zu Werke. Doch immer dreht er sich nur in einem engen Kreise und stellt seinen kümmerlichen Hausrat bald so, bald so zurechte. Kennen wir den Wert der hinter uns hegenden acht Experimente, so ist uns in dem Folgenden weniges mehr fremd. Daher kommt es auch, daß die Überlieferung der Newtonischen Lehre in den Kompendien unserer Experimentalphysik so lakonisch vorgetragen werden konnte. Mehr gedachte Versuche gehen wir nun einzeln durch.

In dem dritten Versuche wird das Hauptphänomen, das prismatische Spektrum, unrichtig als Skale dargestellt, da es ursprünglich aus einem Entgegengesetzten, das sich erst später vereinigt, besteht. Der vierte Versuch zeigt uns eben diese Erscheinung subjektiv, ohne daß wir mit ihrer Natur tiefer bekannt würden. Im fünften neigt sich gedachtes Bild durch wiederholte Refraktion etwas verlängert zur Seite. Woher diese Neigung in der Diagonale sowie die Verlängerung sich herschreibe, wird von uns umständlich dargetan.

Der sechste Versuch ist das sogenannte Experimentuni Crucis, und hier ist wohl der Ort anzuzeigen, was eigentlich durch diesen Ausdruck gemeint sei. Crux bedeutet hier einen in Kreuzesform an der Landstraße stehenden Wegweiser, und dieser Versuch soll also für einen solchen gelten, der uns vor allem Irrtum bewahrt und unmittelbar auf das Ziel hindeutet. Wie es mit ihm beschaffen, wissen diejenigen, die unserer Ausführung gefolgt sind. Eigentlich geraten wir dadurch ganz ins Stecken und wer- den um nichts weiter gebracht, nicht einmal weiter gewiesen. Denn im Grunde ist es nur ein Idem per Idem. Refrangiert man das ganze prismatische Bild in derselben Richtung zum zweiten mal, so verlängert es sich, wobei aber die verschiedenen Farben ihre vorherigen Entfernungen nicht behalten. Was auf diese Weise am Ganzen geschieht, geschieht auch an den Teilen. Im Ganzen rückt das Violette viel weiter vor als das Rote, und eben dasselbe tut das abgesonderte Violette. Dies ist das Wort des Rätsels, auf dessen falsche Auflösung man sich bisher so viel zugute getan hat. In dem siebenten Versuche werden ähnliche subjektive Wirkungen gezeigt und von uns auf ihre wahren Elemente zurückgeführt.

Hatte sich nun der Verfasser bis dahin beschäftigt, die' farbigen Lichter aus dem Sonnenlichte herauszuzwingen, so war schon früher eingeleitet, daß auch körperliche Farben eigentlich solche farbige Lichtteile von sich schicken.

Hiezu war der erste Versuch bestimmt, der eine schein- bare Verschiedenheit in Verrückung bunter Quadrate auf dunklem Grund vors Auge brachte. Das wahre Verhältnis haben wir umständlich gezeigt, und gewiesen, daß hier nur die Wirkung der prismatischen Ränder und Säume an den Grenzen der Bilder die Ursache der Erscheinung sei.

Im zweiten Versuche wurden auf gedachten bunten Flächen kleinere Bilder angebracht, welche, durch eine Linse auf eine weiße Tafel geworfen, ihre Umrisse früher oder später daselbst genauer bezeichnen sollten. Auch hier haben wir das wahre Verhältnis umständlich auseinandergesetzt, sowie bei dem achten Versuch, welcher, mit prismatischen Farben angestellt, dem zweiten zu Hülfe kommen und ihn außer Zweifel setzen sollte. Und so glauben wir durchaus das Verfängliche und Falsche der Versuche, so wie die Nichtigkeit der Folgerungen, enthüllt zu haben.

Um zu diesem Zwecke zu gelangen, haben wir immerfort auf unsern Entwurf hingewiesen, wo die Phänomene in naturgemäßerer Ordnung aufgeführt sind. Ferner bemerkten wir genau, wo Newton etwas Unvorbereitetes einführt, um den Leser zu überraschen. Nicht weniger suchten wir zugleich die Versuche zu vereinfachen und zu vermannigfaltigen, damit man sie von der rechten Seite und von vielen Seiten sehen möge, um sie durchaus beurteilen zu können. Was wir sonst noch getan und geleistet, um zu unserm Endzweck zu gelangen, darüber wird uns der günstige Leser und Teilnehmer selbst das Zeugnis geben. (
Farbenlehre, Polemik I. § 187 —193.]





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