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2020-02-14

J.W.v.Goethe: Einige allgemeine chromatische Sätze




Einige allgemeine chromatische Sätze
Handschriftlich. 1793 

Die Farbe ist eine Eigenschaft, die allen Körpern, die wir kennen, unter gewissen Bedingungen zu- kommen kann.

Die Körper sind entweder farblos, oder können doch in den farblosen Zustand versetzt werden.

In und an den Körpern kann durch bestimmte Behandlung Farbe erregt, sie kann ihnen mitgeteilt, die erregte oder mitgeteilte kann verändert werden.

Das Licht kommt auf eine doppelte Weise in Betrachtung, erstens als Mittel, durch welches wir die Farben erkennen, und hier ist es in seinem höchsten, absolutesten Zustande farblos, zweitens als der reinste, feinste Körper, der teils mit allen übrigen Körpern Affinität hat, teils an welchem, wie an den übrigen Körpern, Farben erregt werden, welchem Farben mitgeteilt werden können.

Wie das Licht sich an Reinheit und Energie gegen die übrigen Körper verhält, so verhalten sich auch seine Farben zu den Farben der übrigen Körper. Diese nennen wir mit einigen Alten einstweilen eigene Farben (colores proprios), jene nennen wir apparente die Alten nannten sie fürtrefflich colores emphaticos.

Die Farben des Lichts, sowie der übrigen Körper, gehen manchmal nur vorüber, sie wechseln, kehren sich um.

Diese Sätze machen, wie man sieht, keinen Anspruch, irgendeine Ursache der Farbenentstehung anzuzeigen, eben sowenig wagen sie es, auch nur die näheren Gesetze bezeichnen zu wollen, deren Bedingungen wir erst noch aufzusuchen haben, sie sprechen gewissermaßen nur die Erfahrungen aus, die wir beinahe so oft machen, als wir die Augen eröffnen.

Es fragt sich, ob ich mich hierin nicht irre? ob sie zulässig und insofern zweckmäßig sind: daß wir den Punkt, von dem wir ausgehen und zu dem wir oft zurückkehren werden, dadurch deutlich bezeichnen wie man sich in die vorzunehmenden Arbeiten teilen könne.

Der größte Vorteil, der aus einer gemeinsamen Bearbeitung einer so weit verbreiteten Wissenschaft entspringen könne, ist außer der Vollständigkeit auch der, daß keine einseitige Behandlungsart das Übergewicht gewinnen und die übrigen, die ebensoviel recht haben, wo nicht ausschließen, doch wenigstens genieren dürfe.

Wir wollen hier nur die allgemeinste Übersicht geben.

Der Chemiker 

behandelt gleichsam privative
die unorganischen Körper
insofern sie farblos sind, insofern Farben an ihnen erregt^ sie ihnen mitgeteilt an ihnen verändert und abgewechselt werden können, und wie sie aus dem farbigen Zustande in den farblosen wieder zu versetzen sind.

Er beobachtet gleichfalls die sogenannten Elemente, d. i. die unzerlegbaren, oder wenigstens bis jetzt unzerlegten Körper. Hier trift er mit dem Physiker zusammen, dem er die Bearbeitung der Bedingungen überläßt, unter welchen das Licht farblos oder gefärbt erscheint. Dagegen untersucht er die Affinität des Lichtes zu andern Körpern (er untersucht, inwiefern das Licht zur Färbung der Pflanzen beitrage? usw.), besonders zu solchen, die fast ganz aus Farbeteilen bestehen und unter dem Namen Pigmente zu bezeichnen sind. Ferner die Affinität dieser farbigen Stoffe zu andern Körpern, den Metallkalken, Erden, zu den obstringenten Stoffen und durch diese zu den organischen Körpern; so würde teils die reine chemische Farbenlehre, teils die angewendete, die Färbekunst bearbeitet. In beiden ist schon so viel getan, daß man sich beinahe nur über die Ordnung verstehen dürfte, in welcher man die Phänomene und Erfahrungen aufzustellen der Natur gemäß fände. Vorschläge dazu werde ich zur Prüfung darlegen.

Der Physiker 

beschäftigt sich mit den Bedingungen, unter welchen das Licht farblos, vorzüglich aber gefärbt erscheint.

Es ist und bleibt unter mancherlei Umständen farblos, und immer wird es sich rein, einfach, gewaltig, schnell und empfindlich zeigen.

Gefärbt erscheint es sehr oft unter verschiedenen Bedingungen, welche so genau als möglich voneinander zu sondern sind, ob man gleich am Ende findet, daß eine in die andere eingreift. Es ist mir davon folgendes bekannt: In und an dem Lichte werden Farben erregt

1. durch Mäßigung des Lichtes,

2. durch Wechselwirkung des Lichtes auf die Schatten. Diese beiden Bedingungen bringen jederzeit Farben hervor, und kann die Art, wie sie wirken, leicht erkannt werden. Bei den folgenden ist es nicht so, wir sagen daher: Ferner werden in und an dem Lichte Farben erregt bei Gelegenheit,

3. der Beugung, Inflexion,

4. des Widerscheins, Reflexion,

5. der Brechung, Refraktion.

Diese drei bringen nicht immer Farben hervor, sondern sie müssen noch besonders bedingt werden.
Dem Lichte werden Farben mitgeteilt

6. durch farbige durchsichtige Körper. Dieses sind die mir bekannten sechs Bedingungen, unter die sich der größte Teil der Erfahrungen, die apparenten Farben betreffend, ordnen läßt. Ob sie hinreichend sind, wird die Folge der Arbeit zeigen. Von der dabei anzudeutenden Methode rede ich in einem besondern Abschnitt. Es gibt mehrere Erfahrungen, die man nicht gewiß zu ordnen weiß, diese werden einstweilen besonders gestellt.

Der Mathematiker 

wird dem Physiker beistehen, er wird die Methode prüfen, nach welcher die Versuche geordnet sind, er wird dieses nach den allgemeinen Grundsätzen des Denkens tun und scharf bemerken, ob von dem Einfachen zu dem Zusammengesetzteren fortgeschritten worden, ob in dem Vortrag keine Lücken zu bemerken, und ob das, was als Resultat angegeben wird, auch wirklich aus dem Erfahrenen folgt.

Er wird sodann in die Sache hineingehen und alles, was Zahl und Maß unterworfen ist, so rein und einfach als möglich durcharbeiten.

Der Mechaniker 

wird die kürzesten Wege und Mittel überlegen, wie zu den angegebenen Versuchen der Apparat beizuschaffen und herzustellen sei. Er wird Gelegenheit haben, seinen Scharfsinn zu üben und Maschinen zu ersinnen, an denen und durch welche mehrere Versuche gemacht werden können, teils um Kosten, teils um Platz zu sparen. Denn offenbar wird nach diesen Arbeiten der Vorrat eines physikalischen Kabinetts sehr vermehrt werden. Die beste Einrichtung einer dunklen Kammer, die Bequemlichkeit des Apparats verdienen alles Nachdenken, um jeden Physiker in den Stand zu setzen, nicht allein alle nach einer reinen Methode aufzustellenden Versuche mit Leichtigkeit zu wiederholen, sondern auch, wenn es erfordert wird, selbst die komplizierten falschen Experimente, von welchen ihm der Kritiker ein Verzeichnis liefert, darzustellen.

Die gefälligsten und wunderbarsten wird man in die natürliche Magie aufnehmen, um sie bekannt zu machen auch unter Personen, die kein wissenschaftliches Interesse an diesen Erscheinungen nehmen.

Der Naturhistoriker 

wird die organischen Naturen durchgehen, inwiefern sie  farblos oder farbig sind. Er wird die verschiedenen Reiche und Klassen bearbeiten, und sehen, ob sich nicht Gesetze entdecken lassen, nach denen die organischen Körper farblos oder gefärbt sind. Was Element, Klima, Gestalt dazu beiträgt. Er wird die Vorarbeiten des Chemikers und Physikers zu Rate ziehen.

Um nur etwas zu sagen, wie er seine Untersuchungen anschließen könne, so bemerke man, daß reine ganze Farben nur an unvollkommenen organischen Naturen stattfinden: an Blumen, Raupen, Schmetterlingen, Schalen der Würmer, Fischen, Vögeln. An Säugetieren finden sich meist nur gemischte Farben. Reine Farben an der Gestalt des Menschen würden unerträglich sein.

Der Maler 

braucht die Farbe teils mechanisch, worinne ihm der Chemiker vorgeht, mit welchem er sich, was diesen Teil betrifft, verbinden wird. Teils zu ästhetischen Zwecken., und hier steht er höher als alle, die sich mit Farben beschäftigen. Er muß ihre Natur, ihre Wirkung tief und genau kennen, weil er die zartesten und doch verschiedensten Effekte hervorbringen will. Wir können hoffen, daß er uns die wichtigsten Aufschlüsse geben wird, wenn er von seiner Erfahrung ausgeht und durch Beispiel zeigt, wo, wie und warum er die verschiedenen Farben benutzt.

Hoffentlich wird er sich von dieser Seite mit dem Physiker vereinigen können, von dem er bisher sich gänzlich verlassen sah.

Vorläufig merke ich an, daß er folgendes unterscheidet:

1. Licht und Schatten., Hell und Dunkel.

2. Lokalfarbe, Farbe des Gegenstandes ohne Zusammenhang.

3. Apparente Farbe. Die Lehre von der Mäßigung des Lichts und den farbigen Schatten studiert er aufs genauste.

4. Farbengebung. Harmonische Verbindung der Farben durch Zusammenstellung und Vereinigung der Lokal- und apparenten Farben.

5. Ton. Allgemeine Farbe, die über ein ganzes Bild herrscht. Der Historiker wird die Geschichte der Farbenlehre aus der Geschichte der Optik und der übrigen Naturlehre aussondern. Er wird die Meinungen der Alten, die Hypothesen und Theorien der mittlern und neuern Zeit, die Streitigkeiten so unparteiisch als möglich erzählen, er wird die obwaltenden moralisch-politischen Ursachen des Übergewichts dieser oder jener Lehre aufzufinden suchen und die Modifikation der herrschenden Theorien bis auf die neuesten Zeiten verfolgen.

Der Kritiker 

findet durch den Historiker seinen Weg gebahnt und durch die Arbeiten besonders des Physikers und Chemikers die Base seines Urteils befestigt. Er untersucht alle Versuche, von welchen jene zu reden sich enthalten, alle falsch verwickelte, falsch verknüpfte, falsch erklärte Versuche, und zeigt, wie sie einfacher anzustellen und wohin sie zu ordnen sind. Er entdeckt alle Übereilungen des Urteils, die Unrichtigkeiten der Methode, die Lücken der Hypothesen, setzt die Punkte des Streites fest, und kommt dergestalt denen, die ihm vorgearbeitet haben, von seiner Seite zu Hülfe.

Er erfreut sich an den Bemühungen derer, die ihren Geist an diesen Gegenständen geübt und scharfsinnige hypothetische Verbindungen ohne Anmaßung gemacht; er zieht aus der Geschichte einzelne aufgestellte Versuche und Meinungen hervor, die nicht die Aufmerksamkeit erregt, nicht das Glück gehabt, das sie verdient, und bringt verkanntes Verdienst zu Ehren.

Er nimmt die polemischen Bemühungen über sich, damit die reine aufzustellende Lehre nicht getrübt werde. Ferner wird er die von uns eingegangene Methode rechtfertigen und, was sich in der Folge an ihr zu tadeln finden sollte, gleichfalls anzeigen.

Haben wir nun von gedachten Männern die vorzüglichste Beihülfe zu erwarten, so werden wir doch in dem Falle sein, uns den Anteil mehrerer zu wünschen und zu erbitten.

So wird der Physiker dem Anatomen verschiedene Fragen über den Bau des Auges vorzulegen haben.

So wird der spekulative Philosoph eingeladen, den Erscheinungen, mit denen wir uns beschäftigen, einen Blick zu gönnen; als Logiker unsere Methode zu beurteilen und zu reinigen; als Ästhetiker zu prüfen, ob er bei Betrachtung der Werke der Kunst und ihrer Schätzung einen sicherern Maßstab erhält, als der war, dessen er sich bisher bedient, usw.

Jeder aufmerksame Mensch wird uns an Phänomene erinnern, über die wir hinweg sahen. Sehr viel bin ich schon teilnehmenden Freunden schuldig geworden.

Wie viel eine Wissenschaft durch allgemeineren Anteil gewinnt, braucht nicht ausgeführt zu werden, und wie wohltätig sie besonders in unsern Zeiten werden kann, wenn sie das Gemüt von andern zudrängenden Gedanken ableitet, erfahre ich an mir selber.

Lager bei Marienborn d. 21 Jul. 1793.




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