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2020-02-13

J.W.v.Goethe: Einleitung zu einer Morphologie -IV. Organische Entzweiung (4) Bio




IV. Organische Entzweiung

Vorher ward die Pflanze als Einheit betrachtet. 

Die empirische Einheit können wir mit Augen sehen. Sie entsteht aus der Verbindung vieler verschiednen Teile von der größten Mannigfaltigkeit zu einem scheinbaren Individuo. 

Eine einjährige vollendete Pflanze ausgerauft. 

Ideale Einheit: 

Wenn diese verschiednen Teile aus einem idealen Urkörper entsprungen und nach und nach in verschiedenen Stufen ausgebildet gedacht werden. 

Diesen idealen Urkörper, mögen wir ihn in unsern Gedanken so einfach konzipieren als möglich, müssen wir schon in seinem Innern entzweit denken, denn ohne vorher gedachte Entzweiung des einen läßt sich kein drittes Entstehendes denken.

Diesen idealen Urkörper, der schon eine gewisse Bestimmbarkeit zur Zweiheit bei sich trägt, lassen wir vorerst im Schöße der Natur ruhen. 

Wir bemerken nur, daß sich hier die atomistische und dynamische Vorstellungsarten die Entwicklungs- und Bildungsmethoden gleich einander entgegensetzen. 

Kurze Darstellung des Dualismus der Natur überhaupt. Übergang auf die Pflanze. 

Sie ist, obgleich an einem organischen Körper, beinah physisch. 

Keim der Wurzel und des Blatts. 

Sie sind miteinander ursprünglich vereint, ja eins läßt sich nicht ohne das andere denken. 

Sie sind auch einander ursprünglich entgegengesetzt. 

Wir beantworten die Frage, warum die Wurzelkeime sich abwärts, die Blätterkeime sich aufwärts entwickeln, dadurch, daß wir sagen, sie seien einander nach dem allgemeinen Naturdualism, der hier in ihnen spezifiziert ist, entgegengesetzt. 

Indessen läßt sich über die nähern Bedingungen etwas sagen. 

Eine Pflanze, wie jedes Naturwesen, läßt sich nicht ohne umgebende Bedingungen denken. 

Sie verlangt eine Base der Existenz zur Befestigung, zur Hauptnahrung der Masse nach. 

Sie verlangt Luft und Licht zur mannigfaltigen Entwicklung, feinere Nahrung zur Ausbildung. 

Wir finden, die Wurzel bedürfe der Feuchtigkeit und der Finsternis, das Blatt des Lichts und der Trockne, um sich zu entwickeln. 

Und so sind diese Bedürfnisse von Anfang an bis zu Ende einander entgegengesetzt. 

An jedem Knoten, ja an noch viel mehrern Punkten des Pflanzenkörpers, kann sich die Wurzel entwickeln, wenn die Bedingungen, Feuchtigkeit und Finsternis, ja nur jene gewissermaßen allein, gegenwärtig ist. 

An jedem Punkte der Pflanze kann sich der Blattkeim entwickeln, sobald Licht und Trockne darauf wirken. 

Beispiele.

Hauptunterschied des Wurzel- und Blattkeims. 

Jener bleibt immer einfach. 

Es ist nur eine Fortsetzung der Fortsetzung ohne Mannigfaltigkeit. 

Dieser entwickelt sich aufs mannigfaltigste und nähert sich stufenweise der Vollendung. 

Diese befördern Licht und Trockenheit. 

Feuchte und Finsternis hindern sie. 

Gewisse Pflanzen, besonders die rankenden, welche an ihren Zweigen eine Quasiwurzel trotz Licht und Luft entwickeln, haben bei einer gewissen Zähheit und Reizbarkeit viel Wäßriges in ihrer Mischung. 

Wenn nun ein solches Wesen ursprünglich und anfänglich in seinem Ganzen mit einem Gegensatz gedacht wird, so werden wir in seinen Teilen auch eine solche Trennung wieder finden. 

Wir werden sie wieder finden in der obern und untern Fläche des Blatts. 

Im Splint, der nach innen das Holz, nach außen die Rinde bildet usw., bis wir endlich den Gipfel der organischen Trennung, die Scheidung in zwei Geschlechter, erreichen.

Eigenschaft der Monokotyledonen, daß sie zur Fruktifikation eilen, nicht der Zeit, sondern der Form nach. 

Sie überspringen die Mittelglieder der Bildung, durch welche bei vollkommnern Pflanzen die Gestalt hindurchgeht. Man muß sagen: einige Mittelglieder der Bildung, da man von den Akotyledonen sagen kann: sie überspringen alle Mittelglieder. 

In außerordentlichen Fällen geschieht selbst dieses. So fand sich an einer Serapias etwas den Staubbeuteln Ähnliches an den Stengelblättern entwickelt. 

Jene Formel wird uns bei der Betrachtung aufs beste leiten, da das Überspringen der Bildungsglieder auf mehr als eine Weise geschehen kann. Dagegen wenn ich wie Jussieu sage, daß ihnen die Krone fehle, so kann ich auf keine allgemeine Einstimmung hoffen, weil wir in einzelnen Fällen die Gegenwart der Krone kaum leugnen können. 

Daß oft die Krone fehlt, gibt man gern zu; es ist aber dieses nur eine Art, wie die Bildungsglieder übersprungen werden, und keine Art des Überspringens ist beständig. Das Eilen kann sogar stufenweise geschehen, und unsere Formel bleibt noch immer gültig. 

Die Monokotyledonen eilen zur Fruktifikation, nicht der Zeit nach, denn es gibt viel Dikotyledonen, die weit geschwinder zu Blüte und Frucht gelangen als die meisten Monokotyledonen. 

Vielmehr findet man bei vielen derselben eine Voranstalt in der Erde, durch Zwiebeln und dergleichen, ehe sie Blüte und Frucht hervorbringen können. 

Man hat die Zwiebel mit Recht eine Knospe unter der Erde genannt, und eben diese Neigung, Knospen unter der Erde, nah an dem ersten Entwicklungspunkte zu bilden, kommt bei den Monokotyledonen oft vor. 

Die Gräser entwickeln oft viele Knoten ganz nah an dem ersten Entwicklungspunkte, was man bestocken nennt. 

Eben diese Vorbereitung unter oder an der Erde macht, daß die Entwicklung nachher gar bald vor sich gehen kann. 

Ihre Haupteigenschaft ist, daß sie sich sehr selten im Auge zum Zweige entwickeln, sondern daß jedes Auge, sobald es hervortreibt, sogleich zum Blütenstande hineilt. 

Entwickeln sich Augen zu einer Art von Zweigen, so ist sogleich etwas Sonderbares dabei wie beim Hyacinthus monstrosus, welcher eine sprossende Blume darstellt. Bei den Spargeln, wo die Augen wirklich Zweige treiben, wird man zu weitern Betrachtungen hingewiesen. 

Selbst bei den Palmen, welche so langsam in die große Höhe wachsen, ist der Fall, daß sie nur Stengelblätter treiben; das erste Auge, welches treibt, ist gleich Blüte und Frucht. 

Man könnte also in einem gewissen Sinn der Palme die Eigenschaft eines Baumes absprechen und sie nur eine ungeheure Staude nennen, so wie denn die Monokotyledonen daraus, besonders im Innern, eine weichere Natur sind und man ihnen im eigentlichen Sinne kein Holz zuschreiben kann. 

Hierauf müßte nun die verschiedene Art, wie sie zur Fruktifikation eilen, einzeln durchgegangen werden.

Unblättriger Stengel, besonders der Zwiebelgewächse; unmittelbarer Übergang von der Wurzelnähe zur Blume. 

Färbung des Kelches; dieser vertritt die Stelle der Krone. 

Unmittelbare Kreisstellung der Stengelblätter zu einem Quasikelch: Paris quadrifolia Trillium. 

Annäherung der Kronenblätter zu Pistill und Anthere.

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