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2020-02-27

J.W.v.Goethe: Fossiler Stier




Fossiler Stier
[Zur Morphologie. Ersten Bandes viertes Heft. 1822]


Herr Dr. Jäger teilt in den "Würtembergischen Jahrbüchern für 1820", Seite 147, Nachrichten mit über fossile Knochen, welche in den Jahren 1819 und 1820 zu Stuttgart gefunden worden. 

Bei Kellerausgrabung entdeckte man das Stück eines Stoßzahns vom Mammut; es lag unter einer neun Fuß hohen Schicht von rotem Lehm und einer etwa zwei Fuß hohen Gartenerde, welches auf eine Vorzeit hinweist, da der Neckar noch hoch genug stand, um dergleichen Reste nicht nur flutend niederzulegen, sondern sie auch noch in solchem Grade zu überdecken. An einer andern Stelle in gleicher Tiefe fand sich abermals ein großer Backzahn vom Mammut, nicht weniger Backzähne vom Nashorn. Nun zeigten sich aber auch neben gedachten Fossilien Bruchstücke von einer großen Ochsenart, die man also wohl als jenen gleichzeitig ansprechen durfte. Sie wurden von Herrn Dr. Jäger gemessen und mit Skeletten jetzt zeitiger Tiere verglichen; da fand er nun, um nur eins anzuführen, daß der Hals eines fossilen Schulterblattes hundertundzwei Pariser Linien maß, eines Schweizer Stiers dagegen nur neunundachtzig. 

Hierauf gibt uns derselbe Nachricht von früher gefundenen und in Kabinetten aufbewahrten Stierknochen, aus deren Vergleichung unter sich und mit Skeletten von noch lebenden Geschöpfen dieser Art er sich zu folgern getraut, daß der Altstier eine Höhe von sechs bis sieben Fuß wohl er- reicht habe und also bedeutend größer gewesen sei als die noch vorhandenen Arten. Welche nun aber von diesen sich der Gestalt nach jenem am meisten annähern, wird man bei dem Berichtenden gern selbst nachsehen. Auf allen Fall läßt sich das alte Geschöpf als eine weitverbreitete, untergegangene Stammrasse betrachten, wovon der gemeine und indische Stier als Abkömmlinge gelten dürften. 

Als wir nun diese Mitteilungen überdacht, kamen uns drei ungeheure Hornkerne zustatten, welche schon vor mehreren

Jahren im Kies der Um bei Mellingen gefunden worden. Sie sind auf dem Jenaischen Osteologischen Museum zu sehen. Der größte mißt der Länge nach 2 Fuß 6 Zoll und dessen Umkreis, da, wo er auf dem Schädelstücke aufsitzt, 1 Fuß 3 Zoll Leipziger Maß. 

Nun aber kam uns unter diesen Betrachtungen Nachricht, daß im Mai 1820 auf der Torfgräberei zu Frose im Halberstädtischen etwa 10 bis 12 Fuß tief ein solches Skelett gefunden, davon aber nur der Kopf aufbewahrt worden. Hievon gibt uns Herr Dr. Körte (in Ballenstedts "Archiv für die Urwelt", Band 3, Heft 2) eine sehr charakteristische Zeichnung, verglichen mit dem Skelettkopfe eines vogtländischen Stieres, welchen derselbe sich mit eigner besonderer Mühe und Sorgfalt zu bereiten wußte. Wir lassen diesen denkenden Beobachter selbst sprechen. 

"Wie zwei Urkunden liegen sie nun beide vor mir: der des Urstiers als Zeugnis dessen, was die Natur von Ewigkeit her gewollt, der des Ochsen als Zeugnis dessen, wie weit sie es bisher mit dieser Formation gebracht. —Ich betrachte die gewaltigen Massen des Urstiers, seine kolossalen Hornkerne, seine tief eingesenkte Stirn, seine weit zur Seite herausgebauten Augenhöhlen, seine flachen engen Gehörkammern und die tiefen Furchen, welche die Stirnsehnen eingeschnitten haben. Man vergleiche damit des neuen Schädels weit mehr nach vom gestellte größere Augenhöhlen, sein überall mehr gewölbtes Stirn- und Nasenbein, seine weitern, mehr und reiner geschwungenen Gehörkammern, die flacheren Furchen seiner Stirn und überhaupt das viel mehr Ausgearbeitete seiner einzelnen Teile. 

"Der Ausdruck des neuen Schädels ist besonnener, williger, gutmütiger, ja verständiger, die Form im ganzen edler; der des Urstiers roher, trotziger, starrsinniger, stumpfer. Das Profil des Urstiers, besonders in der Stirn, ist offenbar mehr schweinisch, während sich das Profil des neuen mehr dem des Pferdes nähert. 

"Zwischen dem Urstier und Ochsen liegen Jahrtausende, und ich denke mir, wie das Jahrtausende hindurch von Geschlecht zu Geschlecht immer stärkere tierische Ver-

langen, auch nach vorn hin bequem zu sehen, die Lage der Augenhöhlen des Urstierschädels und ihre Form allmählich verändert; wie das Bestreben, leichter, klarer und noch weiterhin zu hören, die Gehörkammern dieser Tierart erweitert und mehr nach innen gewölbt, und wie der mächtige tierische Instinkt, für Wohlsein und Nahrung immer mehr Eindrücke der sinnlichen Welt in sich aufzunehmen, die Stirn allmählich mehr gehoben hat.—Ich denke mir, wie dem Urstier unbegrenzte Räume offen standen und wie seiner rohen Gewalt das wildverschränkte Gestrüpp der Urwildnis weichen mußte, wie hinwiederum der jetzige Stier sich reichlicher wohlgeordneter Weiden und ausgebildeter Vegetabilien erfreut; ich begreife, wie die allmählich tierische Ausbildung den jetzigen dem Joch und der Stallfütterung aneignete, wie sein Ohr der wunderbaren Menschenstimme horchte und unwillkürlich folgte und wie sein Auge der aufrechten Menschengestalt gewohnt und geneigt ward.—Ehe der Mensch war, war der Urstier; er war wenigstens, ehe der Mensch für ihn da war. Der Umgang, die Pflege des Menschen hat des Urstiers Organisation unstreitig gesteigert. Die Kultur hat ihn als unfreies, das ist vernunftloses und der Hülfe bedürftiges Tier zum Fressen an der Kette und im Stalle, zum Weiden unter Hund, Knüttel und Peitsche und bis zum Ochssein tierisch veredelt, das ist gezähmt." 

Um uns aber an so schönen Betrachtungen unmittelbaren Anteil zu gönnen, ereignete sich der glückliche Fall, daß in dem Torfmoore bei Haßleben, Amt Großen Rudestedt, das ganze Skelett eines solchen Tiers im Frühjahr 1821 ausgestochen worden, welches man alsobald nach Weimar schaffte und auf einen Fußboden naturgemäß zusammenlegte, da sich denn fand, daß noch eine Anzahl von Teilen fehle; auch diese wurden aufalbaldige neue Untersuchungen auf derselben Stelle meist entdeckt und nunmehr die Anstalt getroffen, das Ganze in Jena aufzustellen, welches mit Sorgfalt und Bemühung geschah. Die wenigen noch fehlenden Teile wurden, weil bei fortdauernder nasser Witterung die Hoffnung, sie zu erlangen, verschwand, einstweilen künstlich ergänzt, und so steht es nun der Betrachtung und Beurteilung für gegenwärtig und künftig anheimgegeben. 

Von dem Kopfe sei nachher die Rede; vorläufig setzen wir die Maße des Ganzen nach dem Leipziger Fuß hieher. Länge von der Mitte des Kopfs bis zu Ende des Beckens 8 Fuß 6 1/2 Zoll, Höhe vordere 6 Fuß 5 1/2 Zoll, hintere Höhe 5 Fuß 6 1/2 Zoll. 

Herr Dr. Jäger, da er kein ganzes Skelett vor sich hatte, versuchte durch Vergleichung einzelner Knochen des fossilen Stiers mit denen unserer gegenwärtigen Zeit diesen Mangel zu ersetzen, da er denn für das Ganze ein etwas größeres Maß fand als das unsrige, das wir angegeben. Was den Kopf unseres Exemplars betrifft, dürfen auch wir Herrn Körtes charakteristische Zeichnung als gleichlautend annehmen, nur fehlt bei dem unsrigen außer dem Os inter maxillare noch ein Teil der oberen Maxille und die Tränenbeine, welche an jenen vorhanden sind. Ebenso können wir uns auf Herrn Körtes Vergleichung mit einem vogtländischen Stier in bezug auf den vor uns liegenden ungarischen berufen. 

Denn wir haben durch die besondere Gefälligkeit des Herrn Direktor v. Schreibers zu Wien das Kopfskelett eines ungarischen Ochsen erhalten; dieses ist dem Maße nach etwas größer als das vogtländische, dahingegen unser fossiler Kopf etwas kleiner zu sein scheint als der von Frose. Alles dieses wird sich bei genauerer Behandlung, Messung und Vergleichung finden. 

Hiernach kehren wir nun zu jenen Körtischen Betrachtungen wieder zurück, und indem wir sie unserer Überzeugung ganz gemäß finden, fügen wir noch einiges Bestätigende hinzu und erfreuen uns bei dieser Gelegenheit abermals der vor uns liegenden d'Altonischen Blätter ["Die Faultiere und die Dickhäutigen"]. 

Alle einzelne Glieder der wildesten, rohsten, völlig ungebildeten Tiere haben eine kräftige vita proprio; besonders kann man dieses von den Sinneswerkzeugen sagen: sie sind weniger abhängig vom Gehirn, sie bringen gleich- sam ihr Gehirn mit sich und sind sich selbst genug. Man sehe auf der zwölften d'Altonischen Tafel Fig. b das Profil des äthiopischen Schweines und betrachte die Stellung des Auges, das, als wären die Schädelbeine ausgeschlossen, sich unmittelbar mit dem Hinterhauptsknochen zu verbinden scheint. 

Hier fehlt das Gehirn beinahe ganz, wie auch in Fig. a zu bemerken ist, und das Auge hat gerade so viel Leben für sich, als zu seiner Funktion nötig sein mag. Betrachte man nun dagegen einen Tapir, Babirussa, Pecari, das zahme Schwein, so sieht man, wie das Auge schon herunterrückt und zwischen ihm und dem Hinterhauptsknochen noch ein mäßiges Gehirn zu supponieren wäre. 

Gehen wir nun wieder zu dem fossilen Stier zurück und nehmen die Körtische Tafel vor uns, so finden wir, daß bei demselben die Kapsel des Augapfels, wenn wir sie so nennen dürfen, weit zur Seite herausgetrieben ist, so daß der Augapfel als ein abgesondertes Glied an einem etwaigen Nervenapparat erscheinen müßte. Bei dem unsrigen ist es derselbe Fall, obgleich nur eine Kapsel völlig erhalten ist, dagegen sich die Augenhöhlen des vogtländischen sowohl als ungarischen mit ihren etwas größeren Öffnungen an den Kopf heranziehen und im Umriß nicht bedeutend erscheinen. 

Worin aber der größte und bedeutendste Unterschied zu finden sein möchte, sind die Hörner, deren Richtung sich in der Zeichnung nicht ganz darstellen läßt. Bei dem Urstier gehen sie zur Seite, etwas rückwärts, man bemerkt aber von ihrem Ursprung an in den Kernen gleich eine Richtung nach vorn, welche sich erst recht entscheidet, als sie sich etwa bis auf 2 Fuß 3 Zoll entfernten; nun krümmen sie sich einwärts und laufen in einer solchen Stellung aus, daß, wenn man auf die Hornkerne sich die Hornschale denkt, die als sechs Zoll länger anzunehmen ist, so würden sie in solcher Richtung wieder bis gegen die Wurzel der Hornkerne gelangen, in welcher Stellung also diese sogenannten Waffen dem Geschöpfe ebenso unnütz werden müssen als die Hauzähne dem Sus Babirussa. Vergleicht man nun hiemit den ungarischen Ochsen, den wir vor uns haben, so sieht man die Riefen der Kerne gleich eine etwas auf- und hinterwärtse Richtung nehmen und mit einer sehr graziösen Wendung sich endlich zuspitzen. 

Im allgemeinen werde hier bemerkt: das Lebendige, wenn es ausläuft, so daß es wo nicht abgestorben, doch abgeschlossen erscheint, pflegt sich zu krümmen, wie wir an Hörnern, Klauen, Zähnen gewöhnlich erblicken; krümmt nun und wendet sichs schlängelnd zugleich, so entsteht daraus das Anmutige, das Schöne. Diese fixierte, obgleich noch immer beweglich scheinende Bewegung ist dem Auge höchst angenehm; Hogarth mußte beim Aufsuchen der einfachsten Schönheitslinie darauf geführt werden, und welchen Vorteil die Alten bei Behandlung der Füllhörner auf Kunstwerken aus diesem Gebilde gezogen, ist jedermann bekannt. Schon einzeln auf Basreliefen, Gemmen, Münzen sind sie erfreulich, unter sich und mit andern Gegenständen komponiert höchst zierlich und bedeutend, und wie allerliebst schlingt sich ein solches Hörn um den Arm einer wohltätigen Göttin! 

Hatte nun Hogarth die Schönheit bis in dieses Abstrakte verfolgt, so ist nichts natürlicher, als daß dies Abstrakte, wenn es dem Auge wirklich erscheint, mit einem angenehmen Eindruck überraschen müsse. Ich erinnere mich, in Sizilien auf der großen Plaine von Catanea eine kleine, nette, reinbraune Art Rindvieh auf der Weide gesehen zu haben, deren Gehörn, wenn das Tier mit freiem Blick den niedlichen Kopf emporhob, einen höchst angenehmen, ja unauslöschlichen Eindruck machte. 

Daher folgt denn, daß der Landmann, dem ein so herrliches Geschöpf zugleich nützlich ist, höchst erfreut sein muß, den Kopfschmuck ganzer Herden, dessen Schönheit er unbewußt empfindet, sich lebendig durcheinander bewegen zu sehen. Wünschen wir nicht immer mit dem Nützlichen auch das Schöne verbunden und umgekehrt dasjenige, womit wir uns notgedrungen beschäftigen, zugleich auch geschmückt zu finden.

Wenn wir nun aus dem Vorigen gesehen haben, daß die Natur aus einer gewissen ernsten wilden Konzentration die Hörner des Urstiers gegen ihn selbst kehrt und ihn dadurch der Waffe gewissermaßen beraubt, deren er in beinern Naturzustande so nötig hätte, so sahen wir zugleich, daß im gezähmten Zustand ebendiesen Hörnern eine ganz andere Richtung zuteil wird, indem sie sich zugleich aufwärts und auswärts mit großer Eleganz bewegt. Dieser schon den Kernen eigentümlichen Anlage fügt sich denn die äußere Hornschale mit gefälliger Nachgiebigkeit und Zierlichkeit; erst den noch kleinen Hornkern verdeckend, muß sie mit ihm bei dem Wachstum sich ausdehnen, da sich denn eine ring- und schuppenförmige Struktur sehen läßt. Diese verschwindet, wie der Kern sich wieder zuzuspitzen anfängt; die Hornschale konzentriert sich immer mehr, bis sie zuletzt, wo sie selbständig, über den Kern hinausragend, als konsolidiertes organisches Wesen zum Abschluß gelangt. 

Hat es nun die Kultur so weit gebracht, so ist nichts natürlicher, als daß der Landmann bei sonstiger schöner Gestalt seiner Tiere auch regelmäßige Bildung der Hörner verlangt. Da nun dieses schöne herkömmliche Wachstum öfters ausartet, die Hörner sich ungleich vor-, rückwärts-, auch wohl hinabziehen, so muß einer solchen für Kenner und Liebhaber unangenehmen Bildung möglichst vorgebeugt werden. 

Wie dieses zu leisten sei, konnte ich in dem Egerischen Kreise bei meinem letzten Aufenthalte bemerken; die Zucht des Hornviehs als des wichtigsten Geschöpfs zum dortigen Feldbau war sonst höchst bedeutend und wird noch immer, besonders in einigen Ortschaften, wohl betrieben. 

Kommen nun solche Geschöpfe in den Fall, gewissem krankhaften oder unregelmäßigen Wachstum nachzugeben und den Besitzer mit einer falschen Richtung zu bedrohen, so bedient man sich, um diesem Hauptschmuck seine vollkommene Zierde zu verleihen, einer Maschine, womit die Hörner gezügelt werden; dies ist der gebräuchliche Ausdruck, diese Operation zu bezeichnen. 

Von dieser Maschine so viel: sie ist von Eisen, auch wohl von Holz; die eiserne besteht aus zwei Ringen, welche, durch verschiedene Kettenglieder und ein steifes Gelenk verbunden, vermittelst einer Schraube einander genähert oder entfernt werden können; die Rinder, mit etwas Weichem überzogen, legt man an die Hörner und weiß alsdann durch Zuschrauben und Nachlassen dem Wuchs derselben die beliebige Richtung zu geben. Im Jenaischen Museum ist ein solches Instrument zu sehen.

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