> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: II. Versuch über die Gestalt der Tiere- Vorschläge, diese Hindernisse ....biozoo

2020-02-12

J.W.v.Goethe: II. Versuch über die Gestalt der Tiere- Vorschläge, diese Hindernisse ....biozoo






II. Vorschläge, diese Hindernisse aus dem Wege zu räumen

Wie nun aber gegenwärtig, bei so vielen trefflichen Vorarbeiten, bei täglich fortgesetzten Bemühungen so vieler einzelner Menschen, ja ganzer Schulen, die Wissenschaft auf einmal zur Konsistenz gelanget, ein allgemeiner Leitfaden durch das Labyrinth der Gestalten gegeben, ein allgemeines Fachwerk, worin jede einzelne Beobachtung zum allgemeinen Gebrauch niedergelegt werden könne, aufzubauen wäre, scheint mir der Weg zu sein, wenn ein allgemeiner Typus, ein allgemeines Schema ausgearbeitet und aufgestellt würde, welchem sowohl Menschen als Tiere untergeordnet blieben, mit dem die Klassen, die Geschlechter, die Gattungen verglichen, wornach sie beurteilt würden. 

Man würde sich bei Ausarbeitung dieses Typus vor allen unnötigen Neuerungen hüten, man würde die von der menschlichen Gestalt hergenommenen Benennungen immer mehr auf die Gestalt der Tiere überzutragen suchen und sich vielleicht nur um weniges von der Methode und Ordnung, wornach bisher die Anatomie des menschlichen Gebäudes vorgetragen worden, entfernen, um nicht empirisch, nach der besonderen Bildung eines Geschöpfes, das Gebäude der andern zu betrachten und zu beurteilen, sondern eine Methode aufzufinden, wornach vorerst die vollkommensten Tiere rationell betrachtet und vielleicht in der Folge die übrigen Klassen näher erkannt werden können. 

Sollte das bisher Gesagte nicht einen jeden gleich von der Notwendigkeit einer solchen Einrichtung überzeugen,

so wird folgende Betrachtung vielleicht die Sache einleuchtender machen. Da die Vergleichung so sehr verschiedener Gestalten, als die Säugetiere sind, nicht anders als teilweise geschehen kann, so war es natürlich, daß man bei den verschiedenen Tiergattungen die verschiedenen Teile aufsuchte und sie mit den Teilen der andern verglich. Die meisten durch große Verschiedenheit der Gestalt und Richtung der Teile entstandenen Irrtümer rektifizierten sich nach und nach; nur hat man sich von dem Irrtume, der mehr in dem Ausdrucke als der Sache zu liegen scheint, nicht völlig losmachen können: daß man einigen Tieren gewisse Teile ableugnete, ob man gleich die durch eben diese Teile hervorgebrachte Gestalt gerne zugab. So wollte man dem Menschen das Os intermaxillare beharrlich absprechen, der Elefant sollte kein Tränenbein, keinen Nasenknochen haben, da man doch im Gegenteil, wenn auch alle Suturen verwachsen wären, von der über- einstimmenden Gestalt auf die Konsequenz des Baues hätte schließen sollen. 

Wenn wir nun von einer Seite behaupten, daß alle Hauptteile, woraus die Gestalt eines vollkommenen Tieres zusammengesetzt ist, sich bei dem andern Tiere gleichfalls finden müssen, so läßt sich von der andern nicht leugnen, daß gewisse völlig gleichartige Teile besonders gegen die Extremitäten zu in der Zahl variieren. So variiert die Zahl der Rückgratwirbel und Rippen, der Schwanzwirbel, die Zahl des Carpus, Metacarpus und der Finger, des Tarsus Metatarstis und der Zehen. Andere Abteilungen, als die der Ulna und des Radius der Tibia und Fibula verwachsen miteinander und lassen kaum noch Spuren ihrer ursprünglichen Trennung zurück. 

Dieses alles würde ein völlig ausgearbeiteter Typus schon bestimmen und festsetzen: inwiefern ein jeder Teil notwendig und immer gegenwärtig sei, ob er sich manchmal nur durch eine wunderbare Gestalt verberge, durch eine Verwachsung der Suturen zufällig verstecke, in verminderter Zahl erscheine, sich bis auf eine kaum zu erkennende Spur verliere, für überwiegend, untergeordnet oder gar als auf- gehoben betrachtet werden müsse. Ehe wir weiter gehen, wird es rätlich sein, den Typus selbst, und zwar vorerst bloß osteologisch herzusetzen.

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