> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: II. Vorarbeiten zur Morphologie der Pflanzen

2020-02-09

J.W.v.Goethe: II. Vorarbeiten zur Morphologie der Pflanzen



II. Vorarbeiten zur Morphologie der Pflanzen 


Wenn ich das Beispiel von einem Halme nehme, so wird wohl niemand leugnen, daß hier viele ähnliche Teile aus- einander hervorkommen, auf- und übereinander stehn, einer aus dem andern entspringt, einer aus dem andern entwickelt oder hervorgebracht wird. 

Hier will ich die Worte Ausdehnung und Zusammenziehung nur gleichsam vorläufig und im allgemeinen anwenden, ohngeachtet ich weiß und schon erklärt habe, daß sie allein nicht hinreichend seien. Nah an der Erde, bei einigen unter der Erde, sind die Teile zusammengedrängter, breiter, wäßriger, fleischiger. Es scheint, daß die Gefäße, welche das Wasser enthalten, in die Breite gestaltet sind, die, welche die Öle und das Geistige enthalten, in die Länge. Nach und nach werden die Zwischenräume der Knoten länger und schmäler. Auf ein- mal entscheidet sich der Zwischenraum und wird unmäßig lang und zieht sich alsdann auf einmal in die Krone zusammen. Darauffolgt die Ausdehnung in die Blumenblätter, dann die Zusammenziehung zum männlichen Werkzeug, zuletzt die Ausdehnung in das weibliche. Ich protestiere hier nochmal, daß ich diese Art, die Pflanze Ich protestiere hier nochmal, daß ich diese Art, die Pflanze anzusehn, nur bedingt vorbringe und als unvollständig selbst angebe; sie wird uns aber in der Folge doch zu manchem helfen. 

NB. Je größer die Zusammenziehung, desto stärker die Ausdehnung, daher die Zwiebel- und Bulbengewächse die längsten Zwischenräume zwischen den beiden Knoten haben (den längsten Blumenstiel). 

NB. Ich darf das Wort Stiel nicht brauchen, weil es alle Begriffe, die ich aufeinander setzen will, verwirren würde.

NB. Es gibt Pflanzen, wo diese einfache Zusammenziehung und Ausdehnung des Kelchs und der Krone nicht hinreicht, um die Gefäße zu Staubfaden zu verändern; es entstehn daher Zwischenkronen, welche der Blume fast ein gefülltes Ansehn geben, wie zum Beispiel bei denen Narzissen, dem Oleander nerium. (Hier ist die Lehre von denen Nektarien zu erläutern.) Nirgends aber erscheinen sie wunderbarer als bei der Passiflora deren sonderbare Gestalt sich von dieser dreifachen Krone, worauf erst die Staubfaden folgen, allein beschreibt.

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