> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Versuch einer allgemeinen Knochenlehre - I. Der Schneide-Knochen biozoo

2020-02-24

J.W.v.Goethe: Versuch einer allgemeinen Knochenlehre - I. Der Schneide-Knochen biozoo




Versuch einer allgemeinen Knochenlehre
[Handschriftlich. Wahrscheinlich 1794] 

Wenn es natürlich war, daß man die Betrachtung des menschlichen Schädels mit dem Stirnknochen anfing, als dessen Gestalt die menschliche Natur am meisten bezeichnet, so finden wir uns dagegen, indem wir den Tierschädel beschreiben wollen, zu einer anderen Methode genötiget, wozu uns das Anschauen die einfache Anleitung gibt.

Wir mögen nämlich das Tier ansehen, wie es im freien Zustand sein Haupt trägt, oder dessen Schädel zur Betrachtung vor uns legen, so finden wir immer, daß die Werkzeuge der Nahrung uns am stärksten in die Augen feilen.

I. Der Schneide-Knochen 

Am skelettierten Kopfe des Tiers bemerken wir zuerst denjenigen Knochen, durch welchen es seine Nahrung ergreift. Ich darf ihn gegenwärtig getrost in den allgemeinen Typus einführen, da er nun auch an dem Menschen anerkannt wird, wo er sich selbst den scharfsichtigsten Beobachtern eine Zeitlang eigensinnig zu verbergen schien.

Es ist dieser Knochen höchst merkwürdig einem jeden, welcher die Tiergestalt betrachtet; denn es können offen- bar nach demselbigen Tiere gewissermaßen zusammengestellt und beurteilt werden. Das Verhältnis des Tieres zu seiner Nahrung wird durch die Gestalt und Bestimmung dieses Knochens sogleich deutlich; er bestimmt: ob das Tier ruhig Gras abrupfen und abweiden, festere Körper benagen, lebendige Geschöpfe gewaltsam festhalten und sich zueignen solle und könne. Da nun dieser Knochen in allen seinen Funktionen durch die daranstoßende obere Kinnlade unterstützt wird, da eine allgemeine Harmonie in allen Teilen eines lebendigen Wesens notwendig ist, so läßt sich aus diesem Knochen fast allein schon auf die Lebensweise eines Tieres schließen, wie denn überhaupt die Einteilung der Tiere nach ihrem Gebiß meist natürlich ist und uns wenigstens die Betrachtung derselben sehr erleichtern kann.

Es ist dieses ein doppelter Knochen, der aus zwei völlig gleichen Hälften besteht, die an dem vorderen Ende der ganzen tierischen Bildung zusammenstoßen und gleichsam den Schlußstein des ganzen Gebäudes machen. Um nun aber die höchst abweichenden Gestalten desselben übereinstimmender Weise zu beschreiben, wird man das Ganze in den Körper, den Kinnladenfortsatz und den Gaumenfortsatz einteilen können. Diese Teile sind jederzeit beständig, obgleich die Gestalt derselben so sehr wechselt, daß man, in derselbigen Gegend, bei dem einen Tier einen Rand finden wird, wo man bei dem anderen eine Fläche zu beschreiben hat.

Der Körper ist beständig der vordere Teil; es enthält solcher die Schneidezähne, wenn das Tier mit solchen versehen ist. Hat es keine Schneidezähne, so ist der Körper flach, unten schaufelförmig wie beim Ochsen, oder er wird fast ganz Null, wie bei dem Reh; sind Schneidezähne zugegen, so bildet er sich meistens nach ihrer Gestalt. Bei den nagenden Tieren ist er nur eine leichte spitze Scheibe, worin die langen scharfen Zähne befestigt sind. Bei den fleischfressenden Tieren, welche mehrere Schneidezähne haben, fängt er erst an, den Namen eines Körpers zu verdienen; er wird stark, fest und unterstützt die gewaltige Zahnreihe. Es kommen Fälle vor, wo dieser Körper mächtiger ist als die in ilun wachsenden Schneidezähne und derselbe gar keine Veränderung der Gestalt durch sie erleidet. So ist der Schneideknochen des Trichechus rosmarus, in dessen schwere plumpe Gestalt geringe Zähne eingesetzt sind, ohne sie nur im geringsten zu verändern.

Der Gaumenfortsatz dieses Knochens reicht von vorne nach hinten, und ist standhaft sowohl in seinen Teilen als in seiner Verbindung. Es verbindet sich dieser Gaumenfortsatz zuerst mit seinem gepaarten Knochen, bildet eine mehr oder weniger entschiedene Rinne zur Aufnahme der Scheidewand der Nase, indem er sich hinterwärts mit dem Gaumenfortsatz der oberen Kinnlade verbindet. Die Kanäle sind sinuos. Es ist dieser Fortsatz manchmal ein

bloßer Dorn, wie bei dem Reh, manchmal ein stärkerer Körper, bald eine wirkliche Fläche; so wie die durch diesen Fortsatz gebildete Rinne bald Null wird, bald eine sehr entschiedene Rinne, ja manchmal am Ende der Rinne ein vertieftes Gefäß hervorbringt. Ebenso beständig ist auch die Gegenwart des Nasenfortsatzes, obgleich derselbe mit seinem hinteren und oberen Ende seine Nachbarschaft zu verändern pflegt. Es verbindet dieser Fortsatz den Knochen mit der oberen Kinnlade und mit dem Nasenbein, indem sich dessen obere und hintere Spitze zwischen beide hineinschiebt. Ein seltener Fall aber läßt sich bei der Bildung des Hasen bemerken, wo dieser Fortsatz, sehr spitz verlängert, die obere Kinnlade von dem Nasenknochen völlig trennt und, nachdem er vor dem Tränenbein vorbeigegangen, sich mit der Spina nasalis des os frontis verbindet. Einen gleich merkwürdigen Fall habe ich an dem Schädel eines nordischen Bären gesehen: wo die Spina nasalis des ossis frontis sich spitz herunter und vorwärts, der Processus maxillaris des ossis incisivi mit eben einer solchen Spitze auf- und hinterwärts begibt, bis beide in der Mitte mit einer ganz zarten Spitze zusammenstoßen. Dadurch wird gleichfalls der Nasenknochen von der Kinnlade getrennt, und es gibt uns dieser Knochen das erste Beispiel von jenen abwechselnden Verbindungen und Verschränkungen, von welchen wir oben gesprochen haben. Was in der tierischen Bildung diesem Knochen oberwärts verbunden ist, kann hier nicht betrachtet werden, weil es, als Knorpel und Fleisch, aus der osteologischen Betrachtung herausfällt.

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