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2020-02-23

Rudolf Magnus-Goethe als Naturforscher -Vierte Vorlesung. Die botanischen Arbeiten II. (6)



Vierte Vorlesung. Die botanischen Arbeiten II.

Meine Herren! Wenn ich Ihnen zu Beginn dieser Vorlesung den Inhalt der Pflanzenmetamorphose wieder kurz ins Gedächtnis zurückrufen soll, so kann ich nichts Besseres tun, als dazu die schönen Verse zu benutzen, in denen Goethe selbst dem Kreis seiner Freundinnen und speziell Christiane Vulpius den Inhalt seiner Forschungen in anschaulicher und poetischer Form zu vermitteln versucht hat.

Dich verwirret, Geliebte, die tausendfältige Mischung 
Dieses Blumengewühls Ober dem Garten umher; 
Viele Namen hörest du an und immer verdränget, 
Mit barbarischem Klang, einer den andern im Ohr. 
Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der ändern; 
Und So deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz, 
Auf ein heiliges Rätsel. O, könnt' ich dir, liebliche Freundin, 
Überliefern sogleich glücklich das lösende Wort! 
Werdend betrachte sie nun, wie nach und nach sich die Pflanze, 
Stufenweise geführt, bildet zu Blüten und Frucht. 
Aus dem Samen entwickelt sie sich, sobald ihn der Erde 
Stille befruchtender Schoß hold in das Leben entläßt. 
Und dem Reize des Lichts, des heiligen, ewig bewegten, 
Gleich den zartesten Bau keimender Blätter empfiehlt.
Einfach schlief in dem Samen die Kraft; ein beginnendes 
Vorbild
Lag, verschlossen in sich, unter die Hülle gebeugt, 
Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farblos; 
Trocken erhält so der Kern ruhiges Leben bewahrt, 
Quillet strebend empor, sich milder Feuchte vertrauend, 
Und erhebt sich sogleich aus der umgebenden Nacht. 
Aber einfach bleibt die Gestalt der ersten Erscheinung; 
Und so bezeichnet sich auch unter den Pflanzen das Kind. 
Gleich darauf ein folgender Trieb, sich erhebend, erneuet, 
Knoten auf Knoten getürmt, immer das erste Gebild. 
Zwar nicht immer das gleiche; denn mannichfaltig erzeugt sich. 
Ausgebildet, du siehst, immer das folgende Blatt, 
Ausgedehnter, gekerbter, getrennter in Spitzen und Teile, 
Die verwachsen vorher ruhten im untern Organ. 
Und so erreicht es zuerst die höchst bestimmte Vollendung, 
Die bei manchem Geschlecht dich zum Erstaunen bewegt. 
Viel gerippt und gezackt, auf mastig strotzender Fläche, 
Scheinet die Fülle des Triebs frei und unendlich zu sein. 
Doch hier hält die Natur, mit mächtigen Händen, die Bildung 
An und lenket sie sanft in das Vollkommnere hin. 
Mäßiger leitet sie nun den Saft, verengt die Gefäße, 
Und gleich zeigt die Gestalt zartere Wirkungen an. 
Stille zieht sich der Trieb der strebenden Ränder zurücke. 
Und die Rippe des Stiels bildet sich völliger aus. 
Blattlos aber und schnell erhebt sich der zartere Stengel, 
Und ein Wundergebild zieht den Betrachtenden an. 
Rings im Kreise stellet sich nun, gezählet und ohne 
Zahl, das kleinere Blatt neben dem ähnlichen hin. 
Um die Achse gedrängt entscheidet der bergende Kelch sich, 
Der zur höchsten Gestalt farbige Kronen entläßt. 
Also prangt die Natur in hoher voller Erscheinung, 
Und sie zeiget, gereiht, Glieder an Glieder gestuft. 
Immer staunst du aufs neue, sobald sich am Stengel die Blume 
Über dem schlanken Gerüst wechselnder Blätter bewegt. 
Aber die Herrlichkeit wird des neuen Schaffens 
Verkündung, Ja, das farbige Blatt fühlet die göttliche Hand. 
Und zusammen zieht es sich schnell; die zartesten Formen, 
Zwiefach streben sie vor, sich zu vereinen bestimmt.
Traulich stehen sie nun, die holden Paare, beisammen. 
Zahlreich ordnen sie sich um den geweihten Altar 
Hymen schwebet herbei und herrliche Düfte, gewaltig, 
Strömen süßen Geruch, alles belebend, umher. 
Nun vereinzelt schwellen sogleich unzählige Keime, 
Hold in den Mutterschoß schwellender Früchte gehüllt. 
Und hier schießt die Natur den Ring der ewigen Kräfte; 
Doch ein neuer sogleich fasset den vorigen an. 
Daß die Kette sich fort durch alle Zelten verlange, 
Und das Ganze belebt, so wie das Einzelne, sei. 
Wende nun, o Geliebte, den Blick zum bunten Gewimmel, 
Das verwirrend nicht mehr sich vor dem Geiste bewegt. 
Jede Pflanze verkündet dir nun die ew'gen Gesetze, 
Jede Blume, sie spricht lauter und lauter mit dir. 
Aber entzifferst du hier der Göttin heilige Lettern,
Überall siehst du sie dann, auch in verändertem Zug. 
Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile geschäftig. 
Bildsam andre der Mensch selbst die bestimmte Gestalt! 
O, gedenke denn auch, wie aus dem Keim der Bekanntschaft 
Nach und nach in uns holde Gewohnheit entsproß, 
Freundschaft sich mit Macht in unserm Innern enthüllte, 
Und wie Amor zuletzt Blüten und Früchte gezeugt. 
Denke, wie mannigfach bald die, bald jene Gestalten, 
Still entfaltend, Natur unsern Gefühlen geliehn! 
Freue dich auch des heutigen Tags! 
Die heilige Liebe Strebt zu der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen auf. 
Gleicher Ansicht der Dinge, damit in harmonischem Anschaun 
Sich verbinde das Paar, finde die höhere Welt.

Und nun wollen wir versuchen, gleich an dieser Stelle, nachdem wir zum ersten Male eine wissenschaftliche Arbeit Goethes näher kennen gelernt haben, uns darüber klar zu werden, welches die Stellung und die ihrer Zeit vorauseilende Bedeutung dieser Schrift ist und wollen sogleich hier die ersten Konsequenzen zur Beurteilung von Goethes wissenschaftlicher Methode ziehen, um diese Kenntnis dann später schrittweise erweitern und vertiefen zu können. 

Während Linne und seine Schule versucht hatten, die Gesamtheit der pflanzlichen Formenwelt dadurch für den menschlichen Geist zu bemeistern, daß sie möglichst viel einzelne verschiedene Formen und Arten aufstellten, daß sie also möglichst bis ins kleinste unterschieden und sonderten, beschritt Goethe den umgekehrten Weg. Er unternahm es, das allen Pflanzenformen Gemeinsame herauszuschälen und dadurch eine einheitliche Betrachtung der unendlichen Mannigfaltigkeit des Pflanzenwachstums zu ermöglichen. Die Methode, deren er sich hierbei bediente, ist im letzten Vortrag schon kurz angedeutet worden. Er stellte sich zunächst aus alle den verschiedenen Erscheinungen, die er untersuchen wollte, eine kontinuierliche Reihe her, die er so anordnete, daß sie vom Einfachen bis zum Kompliziertesten stufenweise fortschritt Er suchte und fand in der Natur zwischen den einzelnen Gliedern dieser Reihe dann zahlreiche vermittelnde Übergänge, so daß er direkt die komplizierteren Formen schrittweise auf die einfacheren p zurückführen konnte. In diesem Verfahren, sich  zunächst aus den zu untersuchenden Phänomenen eine kontinuierliche Reihe zu bilden, besteht eigentlich Goethes allerpersönlichste Methode. Er hat sie fast bei allen seinen naturwissenschaftlichen Untersuchungen angewendet, bei den botanischen und zoologischen nicht nur, sondern auch bei den mineralogischen und den optischen. Während er auf diese Weise in der Morphologie der Pflanzen und Tiere die wichtigsten Resultate zeitigte, werden wir sehen, daß der Versuch, diese Betrachtungsweise auch für die Farbenlehre anzuwenden, einen der wesentlichsten Gründe für Goethes Irrtum in der physikalischen Optik darstellt. Für die botanische Forschung erwies sie sich dagegen als außerordentlich fruchtbar. Goethe hat hier zwei verschiedene Reihen aufgestellt. Einmal versuchte er die Formen der verschiedenen Pflanzenarten nebeneinander zu stellen und sie durch zahlreiche Übergänge und Varietäten zueinander in Beziehung zu setzen. So gewann er eine Übersicht über die verschiedenen in der Natur vorkommenden Pflanzenformen vom einfachsten Kraut bis zum kompliziert gebauten Baumriesen. Die zweite Reihe bestand aus der Stufenfolge der einzelnen Seitenorgane ein und derselben Pflanze: vom Keimblatt bis zum voll ausgebildeten Laubblatt, von diesem bis zur ausgebildeten Blumenkrone und Frucht Sobald nun Goethe diese beiden Reihen vor sich hatte, machte er den nächsten Schritt und suchte in das Verständnis dieser fortlaufenden Formenkette durch die Anwendung der vergleichenden Methode einzudringen. Durch Vergleichung war festzustellen, welche Unterschiede zwischen den einzelnen Gliedern der Reihe bestanden, welche Ähnlichkeiten sich finden ließen und welche einzelnen Teile in den zu vergleichenden Objekten unmittelbar aufeinander zu beziehen waren. Dabei wird nun von Goethe selbst darauf hingewiesen, daß man bei Anwendung der vergleichenden Betrachtungsweise vorsichtig darauf achten müsse, daß die Gebilde, welche man miteinander vergleicht, auch vergleichbar seien. Dieser Hinweis war um so notwendiger, als in der damaligen Zeit oft die wildesten Kombinationen gemacht und die heterogensten Dinge miteinander in Beziehung gesetzt wurden. Linn^ selbst hatte gemeint, den Pflanzenkeimling mit dem tierischen Embryo, die Keimblätter mit der Plazenta vergleichen zu können, und es ließen sich noch zahllose Beispiele derartiger Phantastereien finden. Dem gegenüber behielt Goethe bei seinen Untersuchungen den festen Boden stets unter den Füßen, denn er schritt zur Vergleichung immer erst dann, wenn er sich vorher nach dem Prinzip der „Stetigkeit" eine vollständige kontinuierliche Reihe gebildet hatte. Dann konnte er ohne weitere Spekulation durch direkte Anschauung erkennen, welches die vergleichbaren Elemente waren, und blieb so vor allen Trugschlüssen bewahrt. So wird es deutlich, wie Goethe das sorgfältigste Detailstudium zur Voraussetzung seiner schließlichen Verallgemeinerungen nehmen mußte, und wie er schrittweise um den Erfolg rang. 

An dieser Stelle wollen wir auch gleich eine Betrachtungsweise erwähnen, durch welche Goethe seiner Zeit um viele Jahrzehnte vorausgeeilt ist. Er zog nämlich für die Ergründung der Formbildung nicht nur die normalen Formen heran, sondern stützte sich ganz bewußt und eingehend auch auf die abnormen und pathologischen Gebilde. Dieses Vorgehen, welches uns heute so selbstverständlich erscheint, war für jene Zeit durchaus ungewöhnlich. Man nahm damals noch an, daß die krankhaften Zustände gar nichts mit den normalen zu tun hätten, daß die Krankheit etwas sei, was den normalen Körper von außen befalle, und daß man daher die krankhaften Prozesse nicht mit den nor- malen in Verbindung setzen könne. Erst der Vereinigung von Medizin und Naturwissenschaft in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist es zu danken, daß diese Anschauungen beseitigt worden sind. Vor allem war es Rudolf Virchow, der die neue Erkenntnis begründete. Wir sehen heute die krankhaften Prozesse als Lebensäußerungen des Patienten an. Wir wissen, daß sie in vielen Fällen die Reaktion des Organismus auf abnorme Bedingungen darstellen, welche in seinem Innern entstehen, oder von außen, wie die Bakterien, in ihn eindringen. Es Ist längst Gemeingut der medizinischen Forschung geworden, daß man in den krankhaften Prozessen sehr oft wichtige Lebensäußerungen des Organismus studieren kann, welche im gesunden Zustand nur schwer zu fassen und zu ergründen sind. Der gesunde Körper zeigt uns die normalen Leistungen, der kranke Körper in vielen Fällen dagegen das, was der Organismus außerdem noch zu leisten befähigt ist, und so ergänzen sich die Kenntnis des normalen und des pathologischen erst zu dem vollen Bilde der gesamten Lebensäußerungen. Wir sehen nun Goethe genau dieselben Überlegungen für seine Pflanzenmetamorphose anstellen. Auch er ist von der Überzeugung durchdrungen, daß man in jedem Abnormen die normale Grundlage erkennen müsse, und so zieht er die natürlich vorkommenden und die durch Züchtung erzielten Abnormitäten in den Kreis seiner Betrachtungen mit hinein. Sie erinnern sich, daß er die gefüllten Blumen, die durchgewachsene Rose und Nelke und anderes hierher gehörige als vollwertige Beweisstücke in die Entwicklungsreihe der Pflanzenform eingefügt hat. Das, was Goethe als regressive und als zufällige Metamorphose bezeichnet, sind derartige abnorme und pathologische Zustände. Er betrachtet auf diese Weise das Normale und das Pathologische gleichzeitig und ergänzt die Kenntnis des einen durch die des andern. Er hat später, als er diese Studien eingehender fortsetzte, wiederholt betont, daß man aus den Mißbildungen der Pflanzen die normalen Grundlagen oft aufs allerschönste erkennen könne. So hat er auf einem scheinbar weit abliegenden Gebiete grundlegende Anschauungen auch über die Pathologie gewonnen. 

Goethes Schrift nennt sich einen Versuch, die Metamorphose der Pflanze zu erklären, und wir wollen gleich hier bei den botanischen Studien erörtern, was Goethe darunter verstanden hat. Das ist um so nötiger, als wir heutzutage den Begriff der Metamorphose sehr viel enger fassen, als es damals geschah. Der Dichter hat seine zoologischen und botanischen Studien unter dem Sammelbegriff der Morphologie, den er schuf, zusammengefaßt, und er definierte die Morphologie als die Lehre von der Bildung und Umbildung organischer Naturen. Wir können sagen, daß Goethe unter Metamorphose alles das verstanden hat, was sich auf Umbildung organischer Naturen bezieht. Diese Bezeichnung war der damaligen Zeit durchaus geläufig, sie war besonders schon von Linn^ für die Beobachtung der Pflanzenform angewendet worden. Linne wollte nämlich das Verständnis der Pflanze dadurch fordern, daß er ihr Wachstum mit der Metamorphose der Insekten verglich. Es sollte die Blüte aus ihrer Hülle hervorbrechen, wie der Schmetterling aus der Puppe, und demgemäß hat Linn^ die Rinde der Pflanze direkt mit der Larvenhülle der Insekten verglichen. Die Blüten sollten nach ihm aus der Rinde, speziell die Blumenkrone aus dem Bast, die Staubbeutel aus dem Holz, die Narbe aus dem Mark des Stammes hervorgehen. Erst wenn man sich diese wilden Phantasien vergegenwärtigt, sieht man, welchen großen Fortschritt Goethes uns heute so selbstverständlich erscheinende Metamorphosenlehre bedeutet. Statt unbegründeter Vergleiche ist jetzt ein auf zahlreiche Einzelbeobachtungen gestütztes Verständnis möglich. Auch das Ei des Columbus schien nachher den Zuschauern ein selbstverständliches Experiment. 

Goethe unterscheidet nun verschiedene Formen der Metamorphose und stellt als erste die successive Metamorphose auf. So bezeichnet er diejenige Art der Umbildung, die wir auch heute noch Metamorphose nennen: die Metamorphose der Insekten, der Amphibien u. dgl. Wenn sich die Raupe zur Puppe, die Puppe zum Schmetterling umbildet, wenn aus dem Froschei die Kaulquappe und aus dieser der ausgebildete Frosch entsteht, so sehen wir, wie successive ein und dasselbe Individuum als Ganzes sich verwandelt und verschiedenartige Gestalten annimmt. Demgegenüber unterscheidet Goethe eine zweite Gruppe von Umbildungen als simultane Metamorphose und begreift darunter Dinge, welche wir heute nicht mehr mit diesem Ausdruck bezeichnen. Er gibt in seinen Aufzeichnungen dafür die Definition: „Simultane Metamorphose, indem die Teile sich voneinander unterscheiden." Was darunter verstanden wird, möchte ich Ihnen an einem einfachen Beispiel klar machen. Betrachten wir einen einfach gebauten Wurm, wie z. B. den Regenwurm, und sehen wir dabei zunächst von Kopf und Schwanzende ab, so finden wir den Körper zusammengesetzt aus einer Reihe von Ringen, welche aufeinander folgend den Wurmkörper bilden und welche bei der näheren Untersuchung einander so gut wie vollkommen gleichen. Jedes einzelne Teilstück oder, nach der heutigen Ausdrucksweise, Metamere besteht aus einem Muskelring, in dessen Innerem sich das zu- gehörige Nervensystem und die übrigen Organe befinden. Der Regenwurm ist also dadurch ein einfach gebautes Tier, daß er aus einer fortlaufenden Reihe durchaus gleichartig zusammengesetzter Teilstücke besteht. Ganz anders liegen die Verhältnisse, wenn wir zu höheren Tieren fortschreiten. Wir wollen als Beispiel an dieser Stelle ein auch von Goethe mehrfach angeführtes und studiertes benutzen, nämlich das Rückgrat, die Wirbelsäule eines Säugetieres. Betrachten wir die Wirbelsäule eines Hundes, Rindes oder Menschen, so finden wir, daß dieses Organ aus einer Reihe von gleichwertigen Teilstücken besteht, welche alle annähernd nach demselben Plan gebaut sind. Sie enthalten einen Wirbelkörper, Wirbelbogen und Wirbelfortsätze, Bilder welche zusammen den Rückenmarkskanal umschließen. Auch hier also wie beim Regenwurm ein Gebilde, welches aus einer fortlaufenden Reihe von Metameren besteht. Wenn wir aber die Teilstücke genauer betrachten, so finden wir, daß sie im einzelnen außerordentlich große Verschiedenheiten aufweisen, wie ein Blick auf nebenstehende Tafel 3 zeigt, auf der Goethe selbst diese Verhältnisse verdeutlicht hat. Die zierlichen Halswirbel sehen vollständig anders aus wie die plumpen Lendenwirbel. Die Brustwirbel mit ihren charakteristisch ausgebildeten Dornfortsätzen haben eine ganz andere Form als die einfache Knochenspange des Atlas, des ersten Halswirbels. Diese Unterschiede gehen fort bis ins einzelne. Goethe selbst hat das für die Halswirbel genauer durchgeführt und eingehend die Formunterschiede vom 1. bis zum 7. beschrieben Wir sehen also, daß bei einem Organ, welches aus gleichwertigen Teilstücken besteht, diese einzelnen Teile sich sehr stark voneinander unterscheiden. Diese Formunterschiede oder diese Umbildung der Wirbelform von einem Metameren zum andern bezeichnet Goethe als simultane Metamorphose. Wir benutzen heute hierfür den Ausdruck Differenzierung. 

Welche Stellung nimmt nun die Metamorphose der Pflanzen in dieser Einteilung ein? Goethe selbst weist ihr eine Mittelstellung zwischen der successiven und simultanen Metamorphose zu. Betrachtet man die ausgebildete Pflanzenform, so findet man die einzelnen Seitenorgane der Pflanze, Blätter, Blüte, Frucht usw., voneinander unterschieden: simultane Metamorphose. Wenn man aber die Pflanze wachsen sieht, so entsteht Knoten für Knoten der Reihe nach, und jeder Knoten läßt ein oder mehrere Seitenorgane hervorsprießen, welche in immer wechselnder und immer vollkommenerer Weise ausgebildet werden. Die einzelnen Wirbel der Wirbelsäule sind gleichzeitig da. Die einzelnen Knoten der Pflanze mit ihren Seitenorganen werden nacheinander gebildet. So steht die Metamorphose der Pflanzen in der Mitte zwischen der successiven und simultanen Metamorphose und enthält die Elemente von beiden. 

Damit ist aber der Kreis dessen, was Goethe unter Umbildung organischer Naturen zusammenfaßte, noch nicht erschöpft. Es kommt als drittes hinzu die Verschiedenheit der Form, welche sich bei vergleichender Betrachtung der einzelnen Pflanzen und Tierarten ergibt. Oben wurde auseinandergesetzt, daß Goethe die Verschiedenheit der Pflanzen und Tierwelt dadurch anschaulich und untersuchbar machte, daß er die verschiedenen Einzelformen der Pflanzen- und Tierspezies in eine vollständige und kontinuierliche Reihe einordnete. Der Vergleich einzelner charakteristischer Vertreter dieser Reihe ergibt dann natürlich wesentliche Formunterschiede, eine Metamorphose innerhalb des ganzen Tier- und Pflanzenreiches. Die Wissenschaft von diesen Formänderungen ist die vergleichende Anatomie. Goethe hat als das eigentliche Ziel dieser Wissenschaft die Aufstellung einer Grundform angesehen, auf welche sich alle Einzelformen zurückführen lassen müssen. Für die Pflanzenwelt hat Goethe zunächst nach einer solchen Urpflanze wirklich in der Natur gesucht, dann aber erkannt, daß es sich nur um ein Schema handeln könne, welche man konstruieren, aber nicht tatsächlich auffinden müsse. Er hat danach für Pflanzen- und Tierreich das gesucht, was er einen Typus nannte, eine einfachste Grundform, auf die sich alle tatsächlich vorhandenen Formen zurückführen ließen, und er redet später direkt von der Aufgabe, einen solchen Typus zu konstruieren. Diese dritte Form der Metamorphose von Art zu Art ist also eine Betrachtungsweise, welche schließlich den großen Formenkreis der Tier- und Pflanzenwelt in den Bereich ihrer Forschung zieht, und stellt so die höchste Verallgemeinerung von Goethes morphologischen Forschungen dar. 

Diese kurze Einteilung der Metamorphosenlehre enthält in nuce das ganze Programm von Goethes morphologischen Forschungen. Wir haben sie angeknüpft an eine Diskussion der Pflanzenmetamorphose und werden bei den folgenden Besprechungen sehen, wie Goethe dieses Programm der Reihe nach selbst erfüllt hat und wie er so die Gesamtheit des organischen Formenwesens Schritt für Schritt in den Kreis seiner wissenschaftlichen Bemühungen zog. 

Die rein morphologischen Studien bildeten aber nur einen, wenn auch den wesentlichsten Teil von Goethes biologischen Interessen. Er stellte sich nicht nur die Aufgabe, in das Verständnis der Form organisierter Gebilde einzudringen, sondern legte sich auch die Frage nach den Ursachen der Formbildung vor. Diese Forschungen haben nach Goethes Tod lange Zeit geruht, und erst in den letzten Jahrzehnten wendet sich ihnen das Interesse der Naturforscher wieder zu. Die ganze Wissenschaft der Entwicklungsmechanik und Entwicklungsphysiologie ist jüngsten Datums und deshalb muten Goethes Auseinandersetzungen über diese Fragen den Leser als ganz besonders modern an. Er unterscheidet in seinen botanischen Studien zwei verschiedene Gruppen von Ursachen der Formbildung. Die einen sind äußere. Wir haben in der letzten Vorlesung schon erfahren, daß Goethe den äußeren Bedingungen, wie Licht, Luft, Klima, Wärme, Standort, Bewässerung und vielen anderen, einen entschiedenen Einfluß auf die Ausbildung der Pflanzenform zuschrieb. Er stellte dieses durch Beobachtung an frei in der Natur wachsenden Pflanzen und durch die verschiedenartigsten Experimente fest, welche in der Folgezeit noch vielfach fortgesetzt wurden, und kam so zu seiner Überzeugung, daß die Pflanzenformen von diesen äußeren Umständen besonders in der Weise abhängig seien, daß die Ausbildung der ganzen Pflanze durch sie bedingt wäre. Er nahm also die Wirksamkeit äußerer formativer Reize an. Demgegenüber fand er nun noch eine zweite Gruppe von Faktoren von entschiedenem Einfluß auf die Pflanzenform. Er bezog die verschiedene Gestaltung der Seitenorgane bei ein und derselben Pflanze auf innere Ursachen; wenn ein Gewächs zuerst unvollkommene, dann immer vollkommenere Laubblätter hervorbringt, wenn dann nach diesen die zarteren Kelch- und Blumenblätter und darauf die Befruchtungswerkzeuge entstehen, so nahm Goethe, wie Sie sich erinnern, an, daß mit dem Pflanzenwachstum die Säfte allmählich in den Gefäßen des Stammes immer feiner destilliert würden, und daß diese verfeinerten Säfte in den höheren Pflanzenteilen Ursache für die Bildung der zarteren Seitenorgane (Blüte und Frucht) seien. Diese Hypothese ist von prinzipieller und fundamentaler Wichtigkeit, denn sie enthält die Vorstellung, daß im Stoffwechsel der Pflanzen chemische Substanzen gebildet werden können, welche an den Ort gelangen, wo die Seitenorgane ausgebildet werden und welche hier deren Formgebung in entscheidender Weise beeinflussen. Es werden also den äußeren formativen Reizen innere, und zwar chemische gegenübergestellt; die äußeren Reize beeinflussen die Gesamtform der Pflanze, die inneren bedingen die spezielle Ausbildung ihrer Organe. Durch diese Anschauung entwicklungsphysiologischer Art hat Goethe sich zu Problemen erhoben, welche fast 100 Jahre später erst wieder aufgenommen worden sind. Es ist dabei von Interesse, daß ungefähr gleichzeitig und wahrscheinlich unabhängig der Göttinger Anatom Blumenbach, wie von Driesch in letzter Zeit betont worden ist, ebenfalls entwicklungsphysiologische Betrachtungen und Experimente angestellt hat. Hiermit wollen wir diesen Gegenstand verlassen und weitere formphysiologische Ermittlungen Goethes erst berühren, wenn wir die zoologischen Arbeiten näher gewürdigt haben. 

Wir müssen aber an dieser Stelle noch eine andre Frage streifen, welche von Goethe selbst aufgeworfen und zu verschiedenen Zeiten seines Lebens verschieden beantwortet worden ist Es handelt sich um die erkenntnistheoretische Grundlage der Metamorphosenlehre. Wir werden auf diesem Wege auch gleich einen tiefen Einblick in die persönliche Denkweise des Naturforschers Goethe tun. Als Ausgang benutzen wir die viel citierte Scene seines ersten näheren Zusammentreffens mit Schiller. Er hat auf diesen Moment seines Lebens selbst solchen Wert gelegt, daß er ihn uns an mehreren Stellen seiner Werke und auch in seinen naturwissenschaftlichen Schriften schildert. Er erwähnt, daß Schiller ihm anfangs durchaus unsympatisch gewesen und daß er einer Berührung mit ihm sorgfältig aus dem Wege gegangen sei. Schillers Dramen, die Räuber, Fiesko, selbst noch Don Carlos, vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen, schienen Goethes abgeklärter Denkart nur ein Rückfall in Stadien zu sein, die er selbst in der Götz- und Wertherepoche überwunden hatte. Schiller hatte sich dann weiter dem Studium der Kantschen Philosophie zugewendet und in seinem Aufsatz über Anmut und Würde auch die Stellung des Menschen zur Natur berührt. Bei dieser Gegenüberstellung war nun die Natur nicht gerade gut weggekommen und für Goethe, der die Stellung des Menschen in der Natur betonte, war die Schillersche Betrachtungsweise keineswegs anziehend. „Gewisse harte Stellen sogar konnte ich", so schreibt Goethe später, „direkt auf mich deuten, sie zeigten mein Glaubensbekenntnis in einem falschen Lichte; dabei fühlte ich, es sei noch schlimmer, wenn es ohne Beziehung auf mich gesagt worden; denn die ungeheuere Kluft zwischen unseren Denkweisen klaffte nur desto entschiedener. — An keine Vereinigung war zu denken. . . . Niemand konnte leugnen, daß zwischen zwei Geistesantipoden mehr als Ein Erddiameter die Scheidung mache, da sie denn beiderseits als Pole gelten mögen, aber eben deswegen in Eins nicht zusammenfallen können. Daß aber doch ein Bezug unter ihnen stattfinde, erhellt aus Folgendem. Schiller zog nach Jena, wo ich ihn ebenfalls nicht sah. Zu gleicher Zeit hatte Batsch durch unglaubliche Regsamkeit eine naturforschende Gesellschaft in Tätigkeit gesetzt, auf schöne Sammlungen, auf bedeutenden Apparat gegründet. Ihren periodischen Sitzungen wohnte ich gewöhnlich bei; einstmals fand ich Schillern daselbst, wir gingen zufällig beide zugleich heraus, ein Gespräch knüpfte sich an, er schien an dem Vorgetragenen teilzunehmen, bemerkte aber sehr verständig und einsichtig und mir sehr willkommen, wie eine so zerstückelte Art, die Natur zu behandeln, den Laien, der sich gern darauf einließe, keineswegs anmuten könne. — Ich erwiderte darauf, daß sie den Eingeweihten selbst vielleicht unheimlich bleibe, und daß es doch wohl noch eine andre Weise geben könne, die Natur nicht gesondert und vereinzelt vorzunehmen, sondern sie wirkend und lebendig, aus dem Ganzen in die Teile strebend, darzustellen. Er wünschte hierüber aufgeklärt zu sein, verbarg aber seine Zweifel nicht; er konnte nicht eingestehen, daß ein solches, wie ich behauptete, schon aus der Erfahrung hervorgehe. — Wir gelangten zu seinem Hause, das Gespräch lockte mich hinein; da trug ich die Metamorphose der Pflanzen lebhaft vor, und ließ, mit I Die botanischen Arbeiten II. 91 manchen charakteristischen Federstrichen, eine symbolische Pflanze vor seinen Augen entstehen. Er vernahm und schaute das alles mit großer Teilnahme, mit entschiedener Fassungskraft; als ich aber geendet, schüttelte er den Kopf und sagte: „Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee." Ich stutzte, verdrießlich einigermaßen; denn der Punkt, der uns trennte, war dadurch aufs strengste bezeichnet. Die Behauptung aus Anmut und Würde fiel mir wieder ein, der alte Groll wollte sich regen; ich nahm mich aber zusammen und versetzte: „Das kann mir sehr lieb sein, daß ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe"." 

Schärfer konnte der Gegensatz der beiden Männer nicht veranschaulicht werden als in diesen dramatischen Sätzen, und Goethe konnte in der Tat auch nicht schärfer getroffen werden, als durch Schillers kurzen Einwand, durch den er beinahe zu sofortigem Abbruch des Gesprächs veranlaßt wurde. Goethe hatte bis dahin seine Naturstudien tatsächlich „mit unbewußter Naivetät" betrieben, vertraute auf seine gesunden fünf Sinne, glaubte, daß alle seine Resultate durch reine Erfahrung gewonnen worden seien und unterschätzte die Denkoperationen, die zu ihrer Erreichung notwendig gewesen waren. Sein Realismus war ja noch vor wenigen Jahren so weit gegangen, daß er versucht hatte, die Urpflanze als tatsächlich vorhanden in der Natur aufzufinden. Hier wurde er durch Schiller aus seiner Betrachtungsweise unsanft aufgerüttelt. Um was es sich dabei handelt, werden Sie gleich noch deutlicher verstehen lernen, wenn Sie sich klar machen, wie überhaupt menschliche Erkenntnisse zustande kommen. Bedenken Sie, wie ein kleines Kind zuerst Sinneseindrücke empfängt und danach Erfahrungen sammelt Sobald es überhaupt einigermaßen bewußt sehen gelernt hat, bemächtigt es sich der Objekte der Außenwelt mit lebhaftestem Interesse. Jeder Gegenstand, den es sieht, ist eine neue Erscheinung. Der blattlose Baum im Winter, derselbe Baum im Laubschmuck des Sommers, eine blühende Kastanie, eine aufragende Fichte, ein Baum, der vor dem blauen Himmel steht, ein andrer im Dickicht des Gebüschs, alle diese Bäume werden zunächst für unser Kind ebensoviele unzusammenhängende Einzelerscheinungen sein. Jedesmal, wenn es einen neuen Baum sieht, macht es eine neue Erfahrung. Nach kurzer Zeit aber wird das Kind, natürlich völlig unbewußt, beginnen, alle diese verschiedenen Eindrücke einheitlich zusammenzufassen. Durch fort- gesetzte äußere Einflüsse und belehrt durch den Zwang der begriffsbildenden Sprache wird es schließlich das allen diesen Formen Gemeinsame erkennen und den Begriff Baum bilden. In der Erscheinung sind dem Kind nur die einzelnen Elemente jedes einzelnen Baumes gegeben. Um aus diesen den zusammenfassenden Begriff Baum zu bilden und unter diesem Begriff (Idee) nun alle Einzelerscheinungen der Bäume zu subsummieren, dazu bedarf es der Denkoperation des Kindes. Ganz dasselbe vollführt nun Goethe bei seinem Studium der Pflanzenform. Auch er müht sich redlich 10 Jahre lang, die Einzelerscheinungen der verschiedenen Pflanzen zu studieren. Dann erst beginnt der Versuch, alle diese Erfahrungen einheitlich zusammenzufassen. Daß dieses letztere eine reine Denkoperation sei, war Goethe damals noch nicht klar und auch, nachdem er die Urpflanze nicht mehr in der Natur suchte, glaubte er, die Pflanzenmetamorphose mit Augen sehen und mit Händen greifen zu können. Er wurde erst jetzt durch Schiller darauf hingewiesen und erkannte es allmählich immer klarer, daß sein Gesetz der Pflanzenmetamorphose allerdings von der Erfahrung ausgehe, daß aber der Begriff der Urpflanze daraus durch eine Denkoperation abstrahiert, daß der von ihm ermittelte Zusammenhang aller Pflanzen daher ein ideeller sei. So liegt die Wahrheit auch in diesem Fall in der Mitte. Erst durch das Zusammenwirken der von Goethe allein betonten Erfahrung und der von Schiller in den Vordergrund gestellten Idee ist ein Resultat von solcher wissenschaftlichen Tragweite wie Goethes Metamorphosenlehre möglich geworden. Er fand allerdings immer noch „die Schwierigkeit, Idee und Erfahrung miteinander zu verbinden, sehr hinderlich bei aller Naturforschung: die Idee ist unabhängig von Raum und Zeit, die Naturforschung ist in Raum und Zeit beschränkt; daher ist in der Idee Simultanes und Successives innigst verbunden, auf dem Standpunkt der Erfahrung hingegen immer getrennt, und eine Naturwirkung, die wir der Idee gemäß als simultan und successiv zugleich denken sollen, scheint uns in eine Art Wahnsinn zu versetzen. Der Verstand kann nicht vereinigt denken, was die Sinnlichkeit ihm gesondert überliefert, und so bleibt der Widerstreit zwischen Aufgefaßtem und Ideirtem immerfort unaufgelöst. Daß Goethe sich später selbst rückhaltlos auf Schillers Standpunkt gestellt hat, sieht man aus den Worten, die er 1817 in der Einleitung zu seinen morphologischen Heften schrieb: „Daß das, was der Idee nach gleich ist, in der Erfahrung entweder als gleich oder als ähnlich, ja sogar als völlig ungleich oder unähnlich erscheinen kann, darin besteht eigentlich das bewegliche Leben der Natur, das wir in unsern Blättern zu entwerfen gedenken." Die Urpflanze ist jetzt für Goethe das Schema oder, wie er es später nannte, der Typus geworden, auf den sich alle Pflanzenformen durch Vergleichung zurückführen lassen. Sie ist der allen Pflanzen gemeinsame Bauplan.

Gleich nach Vollendung des Manuskripts über die Pflanzenmetamorphosc traten Goethe Schwierigkeiten entgegen. Sein Verleger Göschen, bei dem die früheren Werke erschienen waren, lehnte den Verlag ab, und erst nach Überwindung mehrfacher Hemmnisse konnte das Werk bei Ettinger in Gotha erscheinen. Das war nur das Vorspiel für die Aufnahme, welche die Arbeit im Publikum fand. Daß ein Dichter etwas anderes veröffentlichen könne, wie seine poetischen Werke, wollte der damaligen gebildeten Welt nicht in den Kopf. Man stellte sich dem Versuche Goethes gegenüber auf den Standpunkt „Schuster, bleibe bei deinem Leisten", und so hatte er fast nur Ärger. Dazu kam nun die ziemlich einmütige Ablehnung, die seine Metamorphosenlehre bei den Fachgelehrten fand. Diese standen damals fast allgemein auf dem Standpunkt der sog. Präformationslehre. Es wurde alles Wachstum und alle Entwicklung dadurch verständlich zu machen gesucht, daß man annahm, jeder Keim enthalte alle Organe und Formen, die aus ihm später hervorwüchsen, schon im kleinsten Maßstabe in sich eingeschlossen. Die ganze spätere Pflanze sollte schon in dem Samen stecken und bei der Keimung weiter nichts stattfinden, als ein Auswachsen dieser kleinen Anlage. Auch die Eizelle sollte das ganze spätere Tier mit allen seinen Organen gewissermaßen eingeschachtelt enthalten. Dieses damals herrschende Dogma trat ihm besonders 1792 bei dem schon geschilderten Besuche auf dem Jacobischen Gute in Pempelfort entgegen, wo er der starren Vorstellungsart begegnete: „Nichts könne werden, als was schon sei" oder wie Albrecht V. Haller dieses Dogma formuliert hatte: „nil noviter generari". Goethes Metamorphosenlehre stand natürlich in schneidendem Gegensatz zu einer solchen Anschauung, da sie die Umbildung organischer Teile zum Gesetz erhob, während die Präformationstheorie die Unveränderlichkeit der sich entwickelnden Gebilde lehrte. So dauerte es Jahre und Jahrzehnte, bis die langersehnte Anerkennung wissenschaftlicher Kreise unserm Dichter zu Teil wurde. 

In den folgenden Jahren sammelte nun Goethe weiteres wissenschaftliches Material zu einem zweiten Aufsatz über die Pflanzenmetamorphose. Von diesem ist aber nur der Anfang erhalten. Veröffentlicht wurde er nie. Dagegen begann Goethe in der Mitte der 90 er Jahre wieder in ausgedehnterem Maße an Pflanzen zu experimentieren. Wieder sind es die Bedingungen, welche die Formbildung der Pflanzen beeinflussen und verursachen können, die ihn interessieren. So läßt er Kressen- und Bohnensamen im Licht, im Dunkeln, unter gelben, blauen und violetten Gläsern keimen und führt täglich genaue uns erhaltene Versuchsprotokolle, in denen er die Länge der Wurzeln, der Stengel usw. nach sorgfältigen Messungen registriert. Er beschäftigt sich dabei unter andern auch mit einem Vorgang, der bis in die jüngste Zeit hinein das Interesse der Pflanzenphysiologen erregt: das Etiolement. Darunter versteht man die Erscheinungen, welche an Pflanzen auftreten, wenn sie im Dunkeln auskeimen. Es wird dann der grüne Farbstoff nicht gebildet und die blassen Keimlinge zeigen ein ganz exzessives Längenwachstum, gleichsam als wollte die Pflanze möglichst in die Höhe streben, um der Dunkelheit zu entrinnen. Dieser Vorgang ist nun keineswegs etwa von Goethe entdeckt worden; schon 1700 hat Senebier Untersuchungen darüber angestellt. Aber das Studium hatte unter dem Druck von Linnes Autorität geruht und erst 10 Jahre nach den geschilderten Goetheschen Versuchen hat der berühmte französische Botaniker de Candolle wieder eine Arbeit über den Gegenstand veröffentlicht. Goethe machte dann ferner an einer Pflanze, die ihn auch in andrer Hinsicht interessierte, Bryophyllum calycinum, Beobachtungen über den Vorgang, den man heute als Heliotropismus bezeichnet. Er stellte fest, daß diese Pflanze, wenn sie im Zimmer gezogen wird, sich immer gegen das Licht hin krümmt, und machte nun den Versuch, diese heliotropische Reaktion dadurch zu überwinden, daß er jedes Mal, wenn die Pflanze anfing, sich zu krümmen, den Blumentopf drehte. Auf diese Weise gelang es ihm, ein gerades Wachstum zu erzielen. In dieselbe Zeit fallen auch Versuche festzustellen, wie weit Pflanzen nach Verletzungen noch wachstumsfähig bleiben. Er beobachtete, ob nach Entfernung der Keimblätter noch eine weitere Entwicklung möglich sei, wie die Pflanzen es vertragen, wenn alle Laubblätter entfernt werden, und was aus Blüten wird, die des Kelches beraubt sind. Auch der Einfluß der Ernährung auf die Blütenbildung der Gewächse wird von neuem wieder studiert und es gelingt ihm, durch Überernährung das Blühen seiner Versuchspflanzen zu verhindern. An diese Versuche schließt sich nun der Plan, eine Pflanzenphysiologie zu schreiben. Auch von diesen Bemühungen sind nur die Entwürfe vorhanden, aus denen sich aber wenigstens so viel ersehen läßt, daß Goethe allerdings die sämtlichen Lebensäußerungen der Pflanze mit berücksichtigen wollte, daß aber das, was ihn am meisten dabei interessierte, die Physiologie der Formbildung gewesen ist. So stellt sich die Pflanzenphysiologie seinen morphologischen Bestrebungen parallel gegenüber, und es ist als ein großer Verlust zu bezeichnen, daß er nie etwas Zusammenfassendes über seine pflanzenphysiologischen Vorstellungen publiziert hat. 

Im Jahre 1812 veröffentlichte der Hallenser Anatom und Physiologe Meckel die deutsche Übersetzung einer zu ihrer Zeit völlig unbeachtet gebliebenen lateinischen Abhandlung von Caspar Friedrich Wolff aus dem Jahre 1768: „De formatione intestinorum". Diese Schrift, ebenso wie die berühmte „Theoria generationis" von 1759 war in bezug auf das Pflanzenwachstum zu ganz identischen Resultaten wie Goethe gekommen. Letzterer, der auf Wolffs Schriften schon bald nach Veröffentlichung seiner eigenen Pflanzenmetamorphose durch den Philologen F. A. Wolf aufmerksam gemacht wurde und sie besonders 1807 genauer studiert hatte, erkannte die Wichtigkeit dieser Abhandlung sofort und unumwunden an und nahm in seine morphologischen Hefte ein eigenes Kapitel „Entdeckung eines trefflichen Vorarbeiters" auf, in welchem er die einschlägigen Stellen aus Wolffs Arbeit z. T. wörtlich abdruckte. Daraus ergibt sich nun, daß Wolff tatsächlich fast genau dieselben Vorstellungen entwickelt hatte. Auch er führt alle Seitenorgane der Pflanze auf das Blatt zurück. Bei der Beweisführung für diesen Satz ist Wolff aber noch einen Schritt weiter gegangen als Goethe. Er studierte nämlich die Form und Entwicklung der ersten Anlage aller Blätter und Seitenorgane mikroskopisch und konnte so feststellen, daß alle diese Gebilde tatsächlich ursprünglich aus gleichen Anlagen hervorgehen. Nur in einem Punkt wich Goethe von Wolff ab. Dieser hatte die Blüte als eine Verkümmerung der Blattbildung aufgefaßt. Das mußte Goethe durchaus unsympathisch sein. Er sah in der Blüte vielmehr die höchste Entfaltung des Pflanzenwachstums. Dagegen waren beide darin Gesinnungsgenossen, daß sie aufs schärfste die Präformationslehre bekämpften. 

In diesen und den folgenden Jahren begann nun Goethes Metamorphosenlehre allmählich immer mehr durchzudringen. Es kamen eine Reihe von günstigen Rezensionen in wissenschaftlichen Zeitschriften. Die Lehre wurde mehr und mehr von den Fachleuten citiert Schließlich gelangte sie zu völliger Anerkennung und ging in den festen Besitzstand der wissenschaftlichen Botanik über. Goethe selbst verfolgte in diesen Jahren hauptsächlich die laufende Literatur und machte sich sorgfältige Auszüge von allem, was auf seine Metamorphosenlehre Bezug hatte. Alle diese Bestätigungen und Fortbildungen hat er dann anhangsweise seiner eigenen Abhandlung über die Pflanzenmetamorphose beigefügt und so sind sie in die Ausgabe letzter Hand übergegangen. Besonders eingehend studiert und berücksichtigt er dabei Jägers Werk über die Mißbildungen der Gewächse. Seinen Exzerpten fügt er hier zahlreiche eigene Beobachtungen bei und betont dabei nochmals nachdrücklichst die normale Grundlage alles Pathologischen. Dabei wird die Frage diskutiert, wie weit diese Abnormitäten auf veranlassende Außenbedingungen zurückgeführt werden können. 

So kommt es schließlich zum endgültigen Sieg von Goethes Ideen. Die führenden Botaniker der damaligen Zeit erkennen ihn rückhaltlos an. Mit Alexander v. Humboldt werden Gedanken und Werke ausgetauscht. Der damals höchst geschätzte Nees van Esenbeck in Bonn, Präsident der Leopoldinisch-karolinischen Akademie der Naturforscher, dem man heute wegen zahlreicher naturphilosophischer Verirrungen keine so hervorragende Stellung mehr einräumt, steht in engstem brieflichen Verkehr mit Weimar, und ebenso ist der Münchner Botaniker v. Martins mit Goethe in wissenschaftlichem Briefwechsel und persönlichem Gedankenaustausch. Kurz vor Goethes Tode legt dann Geoffroy St. Hilaire der französischen Akademie eine von Soret gefertigte Übersetzung der Pflanzenmetamorphose vor und setzt in schönen Worten die grundlegende Bedeutung dieses Werkes an der damaligen wissenschaftlichen Zentralstelle auseinander. Nur ein Irrtum liege der Abhandlung zugrunde, daß sie fast ein halbes Jahrhundert zu früh erschienen sei, ehe es noch Botaniker gab, die sie zu studieren und verstehen fähig waren. 

Im Auslande fielen Goethes Ideen überhaupt auf fruchtbaren Boden. Jussieu, de Candolle, Robert Brown entwickelten zum Teil ganz ähnliche Vorstellungen. Die deutschen Botaniker ergaben sich dagegen vielfach naturphilosophischen Spekulationen. Als nun Schleiden, Sachs und andere mit diesen Lehren gründlich aufräumten, ziehen sie auch Goethe solcher Verirrungen und machten ihn für die Fehler seiner Nachfolger verantwortlich. Erst in der letzten Zeit dringt auch in den Kreisen der Botaniker die volle Würdigung von Goethes wissenschaftlicher Leistung immer mehr durch. 

Goethe selbst hat in den späteren Jahren seines Lebens nur noch kleinere botanische Aufsätze verfaßt Er schrieb Recensionen über Humboldts Ideen zu einer Physiognomie der Gewächse, über eine graphische Darstellung der Verteilung organischen Lebens in der Natur von Wilbrand und Ritgen u.a. Er veröffentlichte einen Aufsatz über den hamburgischen Rektor Joachim Jungius, 1587—1657, der nicht, wie behauptet wurde, die Metamorphose entdeckt hat, sondern vielmehr ein Vorläufer Linnes gewesen ist Er übersetzte einige wichtige Stellen aus dem Werke des berühmten de Candolle: „Von dem Gesetzlichen der Pflanzenbildung", und schrieb einen Aufsatz über den Weinbau, in dem er, im Anschluß an ein Buch von Kecht, den Knoten des Weinstockes mit Blatt, Blüte, Traube und Ranke vom Standpunkt seiner Metamorphose aus betrachtet. 

Die letzte botanische Schrift Goethes ist die viel umstrittene Abhandlung über die Spiraltendenz der Vegetation, welche er 1829 — 31 verfaßt hat. Damals hatten der Botaniker Schimper und weiter v. Martius in München und dessen Schüler Alexander Braun eine Reihe von Arbeiten veröffentlicht, in denen einfache Gesetze über die Blattstellung der Pflanze aufgestellt wurden. Man fand, daß bei einzelnen Pflanzen die Blätter in spiraliger Anordnung um den Stamm oder Stengel gestellt sind, gerade so wie auch die Schuppen eines Tannzapfens eine durchaus regelmäßige Spirale zeigen. Auch die Stellung der Blütenblätter zeigt ähnliche Gesetzmäßigkeiten, und besonders Alexander Braun machte den Versuch, diese Anordnungen auf eine Reihe ganz einfacher mathematischer Gesetze zurückzuführen. Darüber hatte Martins auf den Versammlungen deutscher Naturforscher und Ärzte vom Jahre 1828 und 1829 berichtet, und Goethe griff diese Vorstellungen auf, um sie mit seiner Metamorphosenlehre in Verbindung zu bringen. Hatte er selbst die einheitliche Auffassung aller Seitenorgane der Pflanze angebahnt, so schien ihm jetzt die Möglichkeit gegeben, die Verteilung dieser Seitenorgane an und um die Pflanze ebenfalls auf eine einfache Regel zu reduzieren. Er leitet daher die genannten Erscheinungen alle ab von einer Spiraltendenz, die im Pflanzenreich verbreitet sein soll, und der die Vertikaltendenz des senkrecht in die Höhe wachsenden Stammes gegenübergestellt wird. Um nun die allgemeine Gültigkeit dieser Spiraltendenz zu erweisen, wird eine Reihe von Vorgängen herangezogen, welche offenbar tatsächlich gar nichts miteinander gemein haben: die Stellung der Blätter um die Achse, das Winden des Hopfens und anderer Pflanzen um die Stange, das Herumschlingen von Ranken um feste Gegenstände, die Anordnung der Spiralgefäße und noch manches andere. Goethe ist hier offenbar viel zu weit gegangen und hat heterogene Dinge zueinander in Beziehung gesetzt. Der alte, kurz vor seinem Tode stehende Dichter hatte nicht mehr die Zeit gefunden, seine Theorien durch ausgedehnte eigene Beobachtungen und Versuche zu prüfen. 

Damit schließen wir unsere Betrachtung von Goethes botanischen Studien. Wir haben durch die eingehende Bekanntschaft mit seinem Forschen und Denken über das Pflanzenwachstum schon ein gutes Teil von der Persönlichkeit des Naturforschers erfahren. Wir haben seine Gründlichkeit, seinen Ernst, die umfassende Breite seiner Verallgemeinerung und manche seiner grundlegenden Vorstellungen kennen gelernt, auf denen sich seine Auffassung des Naturganzen aufbaut. Aufgabe der ferneren Betrachtung wird es sein, dieses Bild bei der Besprechung der anderen Forschungsgebiete zu vervollständigen, bis uns schließlich ein volles Verständnis für Goethes wissenschaftliche Denkweise möglich sein wird.

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