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2020-03-01

Gedichte von Johann Rist: Hirtenlied (17)

Bild von Johann Rist-Barockdichter



Hirtenlied

Spielet auf und laßt uns singen,
Wie die kalte Zeit einbricht,
Die zwar alles kan bezwingen,
Nur verliebte Seelen nicht;
Luft und Wasser, See und Erden
Stehen gleich dem harten Stahl,
Auch das Feld muß Eisen werden
Und die Wiesen allzumal,
Nur bei treuer Lieb' allein
Wil das Feur erhalten sein.
Kan der Winter alles zähmen,
Kan er töten Laub und Gras,
Kan er schon die Frücht uns nehmen,
Kan er zwingen alles Naß:
Ei, so muß er doch mit Schanden
Von den Herzen ziehen ab,
Die mit festen Liebesbanden
Sind verknüpfet bis ins Grab:
Es wil treue Lieb' allein
Bis ans Ende standhaft sein.
Ist ein Schäfer, der nicht liebet?
Solcher ist von schlechter Art,
Wo er nicht die Sinnen übet
Und im Herzen die bewahrt,
Die er ihm allein erkoren
Vor sein auserwähltes Gut:
Ei, so hat er gar verloren
Witz und Kühnheit, Herz und Mut;
Doch wil treue Lieb' allein
Steif und fest erhalten sein.
Wil man hohe Geister kennen,
Klug von Worten, groß von That,
Lieber, laß dir einen nennen,
Der mit Ernst geliebet hat.
Das sind ja geringe Seelen,
Blöde Schäfer, sehr verzagt,
Die kein eignes Herz erwählen
Und das Lieben nie gewagt.
Doch wil treue Lieb' allein
Bis ins Grab erhalten sein.
Daphnis hat sich recht besonnen,
Daß er seine Galathe
In den Feldern lieb gewonnen,
Eh' der Sonnentrank, der Schnee,
Aus den Wiesen uns getrieben;
Ach, was ist es wolgethan,
In dem Sommer so zu lieben,
Daß man es genießen kan,
Wenn der Winter läßt allein
Zwei verliebte Herzen sein.
Spielet auf, ihr Hirtenknaben,
Eh' der Tag wird hingerafft;
Daphnis wil nun bald vergraben
Galatheen Jungfrauschaft;
Lasset die Schalmey erschallen,
Eh' die Sonn' ins Wasser geht,
Galatheen zu gefallen,
Welch' in Daphnis' Armen steht.
Galathee sol allein
Daphnis' Allerliebste sein.

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