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2020-03-01

Gedichte von Johann Rist: Letzte Seufzer (20)

Bild von Johann Rist-Barockdichter



Letzte Seufzer

Herr Jesu Christ, mein Trost und Licht,
Zu dir heb' ich mein Angesicht
In meiner Not und Leiden,
Ach Gott! Dein Kind sol itz geschwind
Von dieser Welt abscheiden.
Hie lig' ich, Herr, in deiner Hand
Und warte, wenn des Lebens Band
Sol abgeschnitten werden,
Daß mein Gebein im hölzern Schrein
Werd' hingebracht zur Erden.
In deinen Willen geb' ich mich,
Herr Jesu, hilf mir gnädiglich
Dies Stündlein überwinden;
Bei dir ist Rat, bei dir ist That,
Bei dir ist Trost zu finden.
Herr, gib mir doch zu dieser Frist,
Was meiner Seelen nützlich ist
Zum Leben oder Sterben;
Sol leben ich, so laß du mich
In Sünden nicht verderben.
Und sol ich denn von hinnen gehn,
In jennem Leben dich zu sehn,
Daselbst dir Lob zu singen,
Bin ich bereit, aus dieser Zeit
Mich in dein Reich zu schwingen.
Zwar diesen Leib und dieß Gebein
Laß ich der Würmer Speise sein,
Dieß ist der Lohn der Sünden;
Ich aber weiß, im Paradeis
Werd' ich was Bessers finden.
So bitt' ich nun von Herzen Grund:
Laß meine Seel' in dieser Stund',
O Herr, dir sein befohlen;
Von dir allein, mein Jesulein,
Kan ich Erquickung holen.
Beschütze mich mit deinem Schild',
Indem der Satan, frech und wild,
Mich Armen wil erschrecken;
Sonst weiß ich nicht, o du mein Licht,
Womit ich sol mich decken.
Hier ist kein Rat, denn Menschengunst
Samt aller Hülf' ist gar ümsunst;
Wer hilft doch denn mir Armen?
Wer hält mich nun? Gott muß es thun,
Bei dem ist viel Erbarmen.
Ich darf nicht kommen für Gericht,
Denn meine Werke taugen nicht,
Ich kan mich gar nichts rühmen:
Was ich gethan, steht auf dem Plan,
Es läßt sich nicht verblümen.
Wo sol ich denn nun fliehen hin,
Der ich ein solcher Sünder bin?
Allein zu deiner Güte,
Herr Jesu Christ; ich weiß, du bist
Mein Bruder von Gemüte.
Dein herber Tod hat mich befreit,
Dein Blut gibt mir die Seligkeit,
Du hast mich angenommen
Im Gnadenbund; ich bin gesund
Aus diesem Bande kommen.
Ach du mein allerhöchstes Gut
Hast ja dein rosinfarbes Blut
Auf Golgatha vergossen
Ganz mildiglich, das machet mich
Zu deines Reichs Genossen.
Wolan, so laß mich das Gesicht
Des Menschenwürgers schrecken nicht;
Wenn mein Gesicht verschwindet,
Laß sehend sein mein Herz allein,
Das dich im Glauben findet.
O Jesu, nimm dich meiner an,
Laß, wenn ich nicht mehr reden kan,
Mein Seelichen noch schreien;
Du kanst fürwahr mich aus Gefahr
Des Todes schnell befreien.
Nim diese Seel' in deine Händ'
Und gib mir bald ein seligs End',
Auf daß ich deinen Namen,
Mit Cherubim und Seraphim,
Mög' ewig preisen. Amen.

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