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2020-03-15

J.W.v.Goethe: Bignonia Radicans




 Bignonia Radicans

Als ich im September 1786 in dem botanischen Garten von Padua eine hohe und breite Mauer durchaus mit Bignonia radicans überzogen und die Büschel hochgelbfarbiger kelchartiger Kronenblüten in unsäglichem Reichtum daran herunterhängen sah, machte dies einen solchen Eindruck auf mich, daß ich dieser Pflanze besonders gewogen blieb und, wo ich sie in botanischen Gärten antraf, in den Weimarischen Anlagen, wo sie mit Neigung gepflegt ward, auch im eigenen Garten, immer mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtete. 

Es ist eine rankende Pflanze, welche sich ins Unendliche fortzusetzen die Neigung zu haben scheint; allein es gehen ihr die Organe ab, wodurch sie sich anschmiegen, anklammern, festhalten könnte. Wir nötigen sie daher, durch Lattengerüste emporzusteigen, wo wir sie anbinden, aufrecht erhalten und sehr hoch zu steigen veranlassen können. 

Auf diese Weise, die ich von jeher beobachtet gesehen, fuhr auch ich in meinen Pflanzungen fort und bemerkte, gewissermaßen mit Widerwillen, daß die neuen Zweiglein sich hinter die Latten, gegen die Mauer zogen, an diese sich andrängten, dadurch auch, gewissermaßen ungeschickt, die schönen Blumenbüschel in die Klemme brachten und dem Anschauenden, der sie überhängend bewundern wollte, das Vergnügen ihrer Gegenwart entzogen. Nach mancherlei Betrachtungen und Untersuchungen fand ich endlich Folgendes. 

Nehm ich einen Zweig der Bignonia vor mich, so seh ich, daß ungleich gefiederte Blätter gepaart aus demselben hervortreten, auf der Rückseite unter diesen zeigen sich drüsenartige Auswüchse, welche, bei mäßiger Vergrößerung, einer Traube an Gestalt ähneln. Die drei mittleren herabsteigenden Reihen von Beerchen oder Perlchen haben ungefähr ihrer fünfzehn, die folgenden weniger, wodurch denn eben das gedachte Traubengestaltige hervorgebracht wird. Zwei solcher Organe stehen nebeneinander, wie gesagt, unter dem Blätterpaar an jedem Knoten an der hinteren Seite. Die Perlen dieser scheinbaren Träublein sind klar und schön in ihren Anfängen, wie ich sie freilich nur ein einziges Mal fand, und zwar Ende Augusts 1828. Deshalb denn im nächsten Frühjahr auf diese Erscheinung wird aufzumerken sein. Indessen versenkt ich sie in Spiritus, wo sie sich der Form nach erhalten, aber zugleich eine braune Farbe angenommen haben. 

Übrigens kommt dieses Organ häufig vor in korkartigem Ansehen, bräunlich, trocken, etwa eine Linie hoch, kamm-und borstenartig; man möchte sie für einen unnützen, vielleicht schädlichen Auswuchs halten. An Gestalt bleibt dieses Organ im Ganzen sich nicht gleich, es zieht sich in die Länge am Stengel herab, vereinzelt sich als kleiner Büschel, verliert sich in Vertiefungen, an ihrer Stelle zeigen sich kleine Grübchen, die bis aufs Holz hinabgehen. Ein einzigmal hab ich sie als einen starken, neun Linien langen Büschel gefunden, sich verzweigend als wahrhafte Wurzeln, deren zarte Fasern sich durch das Mikroskop mit feinen Haaren besetzt erwiesen. 

Es wäre die Frage, ob diese Stellen unter gehörigen Bedingungen nicht wirklich Wurzel schlügen; wenigstens kann man sich nicht erwehren, diese Organe für Feuchtigkeitsleiter anzusehen, deren die von der Wurzel und dem Boden weit entfernten mehrjährigen Ranken gar wohl zu bedürfen scheinen. 

An sehr vielen jungen Zweigen einer hoch an einem Gebäude hinaufgeführten Bignonia findet sich keine Spur dieses Organs; aber an einer Pflanze, welche ungünstig stand, an einem feuchten, wenig sonnigen Orte, und sich kaum als Strauch eine Elle hoch erhoben hatte, fanden sich die Zweige an mehreren Knoten mit diesen Organen besetzt, wodurch die Wechselwirkung deutlich wird; das Organ wird durch die Feuchtigkeit hervorgerufen, die es der Pflanze mitteilen soll. 

Ich sage mir also: dies ist eine rankende, aber nicht aufsteigende, sondern niederhängende Pflanze; wir fehlen in ihrer Behandlung, indem wir sie in die Höhe nötigen, wo sie ihrer eigentlichsten Nahrung entbehrt. Man bringe sie auf eine Höhe, von dort aber lasse man sie über Terrassen und Felsen herabspielen, und man wird sie alsdann in ihrer größten Schönheit gewahr werden. Die jüngsten Zweige werden sich mit ihrer Rückseite an das feuchte Gestein anlegen und  Feuchtigkeit genug einsaugen zu eigenem Grün und zu tausendfältigen Blütenbüscheln. Auch kommen die Zweiglein dadurch in eine natürliche Stellung. Denn man bemerke nur, daß jetzt, wenn ein Zweig sich an der Mauer emporlehnt und am Ende wie gewöhnlich das Blütengewicht hervorbringt, er zuletzt übergebogen und die Rückseite, welche gerade diese nährenden Organe an sich entwickelt, dem Licht und der Sonne zugekehrt werden. Dadurch werden also gerade in dem Moment, wo die Vollendung der Pflanze solcher Einwirkungen bedürfte, die belebten Organe ausgetrocknet und vernichtet. Wie denn auch die Blätter des Zweigs abfallen und der Blütenbüschel an einem kahlen Stiel herabhängt, anstatt daß er bis an die Blumen hervor mit Blättern bekleidet sein konnte. 

Den Weinstock, der mit seinen Gabeln sich überall festzuhalten weiß, lasse man ranken und walten, wie es gut und nützlich zu sein scheint, aber eine so auffallend schöne Pflanze wie Bignonia radicans pflanze man oben und lasse sie sich herabsenken; geschieht dies in sonniger Lage, so wird man überall die goldfarbigen Glocken herabhängen sehen, da sich diese auffallende Zierpflanze bis jetzt nur mit besonderer Sorgfalt und doch nur bis auf einen gewissen Grad erfreulich auferziehen ließ. 

Nachträglich muß ich noch erwähnen, daß, wer diese Pflanze monographisch behandeln wollte, mit Vergnügen finden würde, daß an einzelnen Blattstielen der gemeldeten gefiederten Blätter, gleich unten am Ansätze, sechs bis acht dergleichen Drüsen befindlich sind; nicht weniger, daß an den Zweigen, da wo ein Knoten den andern ablöst, gleich unter oder neben den Augen, eine zarteste Reihe von Härchen sich hervortut, ja zuletzt, daß der Zweig in allen Zwischenräumen von Knoten zu Knoten mit unzähligen weißen Pünktchen besetzt ist, dergestalt also, daß kein Teil dieser Pflanze der Mittel, das Bedürfnis von feuchter Nahrung aus der Atmosphäre oder den Umgebenheiten an sich zu ziehen, beraubt ist.

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