> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Knospen, Stolonen

2020-03-05

J.W.v.Goethe: Knospen, Stolonen




Knospen, Stolonen


Wie die Metamorphose in andern Fällen nach ähnlichen Gesetzen wirkte, zeigt sich auch an der Bildung der Knospen. Wenn die kältere Jahrszeit den Trieb des Saftes hindert, entwickelt sich der Zweig vorwärts, nicht weiter. Es bilden sich die Blätter nicht mehr aus, sondern sie kommen in schuppenförmiger Gestalt zum Vorschein, sie sind nahe aneinander gedrängt, ineinander geschoben, und das äußere Ansehen hat viel Ähnliches mit einem Blumenkelche. Die ersten äußersten Blätter der Knospe sind ins kleine zusammengezogen, mehr breit als lang, wie die Kelchblätter zu sein pflegen. Die folgenden entfernen sich immer mehr von diesem Zustand, sie werden grüner, länglicher, fangen an der Spitze an, sich in Fasern zu teilen, wenn das gewöhnliche Blatt des Gewächses ein zusammengesetztes ist. Diese Fasern nehmen bald die Gestalt einer Blätterabteilung an, und das, was bisher schuppenförmiges Blatt war, verdünnt sich zum Blattstiel, und die Ausbildung geht völlig so vor sich, wie wir die Ausbildung der Pflanze aus den Samen bemerkt haben.

Bei verschiedenen Bäumen, welche in einem warmen Klima stehen und die Blätter den Winter nicht verlieren, bemerken wir: daß sie keine Knospen haben; man darf die Myrte, eine Lorbeer, die Zitrone in unsern Treibhäusern ansehen, um sich davon zu überzeugen; denn obgleich der Winter auch ihr Wachstum zurückhält, so verwandelt er doch die Gestalt einiger Blätter nie, und es schließt sich keine Knospe. Alle Blätter eines Zweigs werden bei dem rückkehrenden Frühjahr in die vollkommenere Gestalt versetzt, wie alle ihre vorhergehenden sind, und es fällt keines dazwischen aus, das schuppenförmig verdorrte. Ja es werden oft aus diesen Bäumen, aus der gleichen Ursache die Zwischenräume von Blatt zu Blatt und die Augen unter den Blättern nicht aufgehoben, sondern völlig ausgebildet.

Alles dieses gilt auch von Knospen, welche an der Seite hervordringen, wie ein jeder leicht wird bemerken können.

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Goethes Schriften Biologie/Botanik

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