Dass einzelne Pflanzenfreunde sich nach und nach auf Monographie beschränken werden, ist gewiß; nur ist zu befürchten, daß dadurch die Botanik noch grenzenloser
werden müsse; daher ist zu wünschen, daß auch diese Monographien im morphologischen Sinne behandelt werden, da denn Wissen und Wissenschaft sogleich ineinander
wirken, sich wechselseitig fördern und erleichtern.
Ein solches ward mir einmal von Hr. Präs. Nees von Esenbeck
über die Gentianen mitgeteilt, welches mir, da ich diesem
Geschlecht besondere Aufmerksamkeit widmete, zu großer
Aufklärung gedieh. Auch wird es von dem größten Vorteil sein, wenn man neue praktische Erfindungen und Vorschläge auf die Morphologie zurückführte, die physiologischen Phänomene, welche auf dieselbe immer hindeuten,
leisten zum Handeln und Tun großen Beistand.
Ich besuchte vor vielen Jahren den alten Hofgärtner Seidel
in Dresden, und da ich mich nach verschiedenen Vorkommenheiten erkundigte, war er mir freundlich zu Willen
und ging in die Sache ein als ein vollkommen Wissender. Er hatte sich den Begriff in seiner ganzen Folge nach und
nach aus seiner eigenen Praxis vollständig errungen und
gebarte damit besser als irgendein anderer.
Zu bemerken ist, daß die Systeme des Kelchs, der Krone
und der Staubfäden dem Systeme der Stengelblätter korrespondieren, Pistill, Fruchtbehälter und Frucht aber dem
Systeme der Augen angehören. Wer sich dieses anschaulich machen kann, wird einen tiefen Blick in die Naturgeheimnisse tun.
Wir bereiten uns durchaus eine besondere Bequemlichkeit, wenn wir Blatt und Blattstiel ursprünglich als zwei verschiedene Organe betrachten. Der Blattstiel, der spadixähnlich bei den Allien den Blütenstiel umfaßt, hört aut, in einer gewissen Stelle seine Funktion zu leisten, und
zwar nicht zufällig: es erscheint eine Art Hemmung daselbst, etwas Wulstartiges, auf einen Knoten hindeutend;
das fernere Blattartige setzt sich wie von vorn anfangend
mehr oder weniger weiter fort oder kommt nicht zur Erscheinung, wenn der Blattstiel zuletzt zu einer großen Ausdehnung genötigt worden.
Die Monokotyledonen haben das Eigentümliche, daß sie sich zur Fruktifikation eilig hinbewegen; ihre Vorbereitung
hiezu liegt in Zwiebeln, Bulbeln und andern Wurzelformen.
Die Dikotyledonen brauchen längere Vorbereitung, sie gleichen aber jenen in der Infloreszenz, indem die Blume
selten ausgeschnitten oder gefiedert hervortritt, durch ihre Einfalt aber sich zu jenen einfachen Erscheinungen gesellt.
Die Erfahrungs -Kräuterkunde geht, wie alles menschliche
Bestreben, vom Nützlichen aus, sie sucht Nahrung von
den Früchten, ärztliche Hülfe von Kräutern und Wurzeln,
und halten wir ein solches Benehmen keineswegs für gemein; hier entdecken wir die Idee aufs Nützliche gerichtet,
vielleicht die ursprünglichste Richtung von allen, und doch
schon so hoch stehend, indem sie den unmittelbarsten Bezug der Gegenstände auf den Menschen bezeichnet, im
Vorgefühl jener stolzen Anmaßung, daß der Mensch die Welt zu beherrschen habe.
Wir leben in einer Zeit, wo wir uns täglich mehr angeregt
fühlen, die beiden Welten, denen wir angehören, die obere und die untere, als verbunden zu betrachten, das Ideelle im Reellen anzuerkennen und unser jeweiliges Mißbehagen
mit dem Endlichen durch Erhebung ins Unendliche zu
beschwichtigen. Die großen Vorteile, die dadurch zu gewinnen sind, wissen wir unter den mannigfaltigsten Umständen zu schätzen und sie besonders auch den Wissenschaften und Künsten mit kluger Tätigkeit zuzuwenden.
Nachdem wir uns nun zu dieser Einsicht erhoben, so sind wir nicht mehr in dem Falle, bei Behandlung der Naturwissenschaften die Erfahrung der Idee entgegenzusetzen,
wir gewöhnen uns vielmehr, die Idee in der Erfahrung
aufzusuchen, überzeugt, daß die Natur nach Ideen verfahre, ingleichen daß der Mensch in allem, was er beginnt, eine Idee verfolge. Wobei denn freilich zu bedenken ist, daß die Idee in ihrem Entspringen und ihrer Richtung
vielfach erscheint und in diesem Sinne als von verschiedenem Werte geachtet werden könne.
Hier aber werden wir vor allen Dingen bekennen und
aussprechen, daß wir mit Bewußtsein uns in der Region
befinden, wo Metaphysik und Naturgeschichte übereinander greifen, also da, wo der ernste treue Forscher am
liebsten verweilt. Denn hier wird er durch den Zudrang
grenzenloser Einzelnheiten nicht mehr geängstigt, weil er den hohen Einfluß der einfachsten Idee schätzen lernt, welche auf die verschiedenste Weise Klarheit und Ordnung dem Vielfältigsten zu verleihen geeignet ist.
Indem nun der Naturforscher sich in dieser Denkweise
bestärkt, im höheren Sinne die Gegenstände betrachtet, so gewinnt er eine Zuversicht und kommt dadurch dem Erfahrenden entgegen, welcher nur mit gemessener Bescheidenheit ein Allgemeines anzuerkennen sich bequemt.
Er tut wohl, das Hypothese zu nennen, was schon gegründet ist; mit desto mehr freudiger Überzeugung findet auch er, daß hier ein wahres Übereintreffen stattfindet. Er fühlt es, wie wir es auch seinerzeit empfunden haben. Im Gefolg hievon wird sich nun keine Spur von Widerstreit hervortun, nur eine Ausgleichung geringer Differenzen wird sich hie und da nötig machen, und beide Teile werden sich eines gemeinsamen Erfolges zu erfreuen haben.
Bei allem nun hat der treue Forscher sich selbst zu beobachten und zu sorgen, daß, wie er die Organe bildsam
sieht, er sich auch die Art zu sehen bildsam erhalte, damit er nicht überall schroff bei einerlei Erklärungsweise
verharre, sondern in jedem Falle die bequemste, der Ansicht, dem Anschauen analogste zu wählen verstehe. So ist es z. B. bequem, die Blättchen mancher Kelche als erst einzeln von der Natur intentioniert und dann mehr
oder weniger durch Anastomose vereinigt zu denken. Dagegen wird man die Palmenblätter, in ihrem vorschreitenden Wachstum, als Einheiten von der Natur hervorgebracht und sodann in viele Teile sich trennend und losreißend zu denken haben. Doch kommt es durchaus auf die Tendenz des Geistes an, ob er aus dem Einzelnen ins Ganze
oder aus dem Ganzen ins Einzelne zu schreiten geneigt
ist. Durch eine solche wechselseitige Anerkennung wird
aller Widerstreit der Denkweisen aufgehoben und ein solider Stand der Wissenschaft gegründet, welche mehr, als man denkt, durch solche Entweihung, welches mehr auf Worthändel hinausläuft, gesichert wird.
Bei Erklärung gewisser Phänomene findet denn auch dasselbige statt, hier finden sich niedere Erklärungssarten,
welche aber doch immer der menschlichen Natur angemessen und aus derselben ursprünglich sind. Es ist z. B. die Frage: ob man eine gewisse Einheit, an der die Mannigfaltigkeit sichtbar ist, aus schon vorhandenem Mannigfaltigen, Zusammengesetzten erklären oder aus einer produktiven Einheit entwickelt ansehen und annehmen wolle. Beides mag zulässig sein, wenn wir die verschiedenen in dem Menschen hervortretenden Vorstellungsarten wollen und müssen gelten lassen, die atomistische nämlich und
dynamische, welche sich nur darinne unterscheiden, daß
jene in ihrer Erklärung das geheimnisvolle Band nachbringt und daß diese es voraussetzt. Jene kann, um Gunst
zu erlangen, sich auf die Anastomose berufen, diese auf
die angenommene Vielheit und Einheit; genau besehen
aber findet sich immer, daß der Mensch dasjenige voraussetzt, was er gefunden hat, und dasjenige findet, was er voraussetzt. Der Naturforscher als Philosoph darf sich nicht schämen, sich in diesem Schaukelsystem hin und her
zu bewegen und da, wo die wissenschaftliche Welt sich nicht versteht, sich selbst zu verständigen. Dagegen er denn aber andererseits dem beschreibenden und bestimmenden Botaniker das Recht gestattet, "zu positiven Entscheidungen seine Zuflucht zu nehmen, wenn man nicht
in ein ewiges Kreisen und Schwanken geraten will".
Betrachten wir unserem nächsten Zwecke gemäß vor allem den Gewinn, welchen das Studium der organischen Wesen davon sich zueignet. Unser ganzes Geschäft ist nun, die einfachste Erscheinung als die mannigfaltigste, die Einheit als Vielheit zu denken. Schon früher sprachen wir
getrost den Satz aus: alles Lebendige als ein solches ist schon ein Vieles, und mit diesen Worten glauben wir der Grundforderung des Denkens über diese Gegenstände genug zutun.
Dieses Viele in Einem sukzessiv und als eine Einschachtelung zu denken, ist eine unvollkommene und der Einbildungskraft wie dem Verstand nicht gemäße Vorstellung, aber eine Entwickelung im höheren Sinne müssen wir zugeben: das Viele im Einzelnen, am Einzelnen, und es setzt uns nicht mehr in Verlegenheit, wenn wir uns folgendermaßen ausdrucken: das untere Lebendige sondere sich vom
Lebendigen, das höhere Lebendige gliedere sich am Lebendigen, und da wird ein jedes Glied ein neues Lebendige.
Andere Anordnungen jedoch, die aur gewissen Teilen und
Kennzeichen beruhend aus jener Art, die Sache zu nehmen,
hervorgingen, konnten sich auch nicht erhalten, bis man
endlich immer weiter zurück auf die ersten und ursprünglichen Organe zu gelangen trachtete und die Pflanze, wo nicht vor ihrer Entwickelung, doch wenigstens im
Augenblick ihrer Entwickelung zu fassen anfing und nun
fand, daß die ersten Organe derselben entweder nicht zu bemerken waren, oder doppelt, einfach und mehr erschienen.
Hier war man nun bei der großen Konsequenz der Natur
auf dem rechten Wege, denn wie ein Wesen in seiner Erscheinung beginnt, so schreitet es fort und endigt auf
gleiche Weise.
Hier mußte nun um so mehr gelingen, einen sichern Grund
zu legen, als zwar die eminenten in die Augen fallenden Glieder zur Einteilung und Ordnung einigen Anlaß geben,
die Urglieder jedoch den besondern Vorteil haben, daß
bei Beachtung derselben die Geschöpfe gleich in große
Massen zerfallen, auch ihre Eigenschaften und Bezüge
gründlicher anerkannt werden, wie denn in der neueren Zeit zum Vorteil der Wissenschaft ununterbrochen geschehen ist.
Gewarnt durch jenen Knaben, der mit einer Muschel das Meer zu erschöpfen sich vermaß, lasset uns aus dem, was
nicht zu erschöpfen ist, für unsere Zwecke das Nötige, das Nützliche schöpfen.
Gehen wir gerade auf die Gliederung los, denn hier finden wir uns unmittelbar im Pflanzenreiche; die Gliederung der
edleren Pflanze ist hier nicht eine fortgesetzte Wiederholung
des unveränderten Selbigen ins Unendliche, Gliederung
ohne Steigerung gibt uns kein Interesse, wir landen da, wo uns am meisten zugesagt ist: gesteigerte Gliederung,
sukzessive gegliederte Steigerung, dadurch Möglichkeit
einer Schlußbildung, wo denn abermals das Viele vom
Vielen sich sondert, aus dem Einen das Viele hervortritt.
Mit diesem Wenigen sprechen wir das ganze Pflanzenleben
aus, mehr ist darüber nicht zu sagen; nur wird der kleine
Aufsatz, den wir hier bevorworten [?], bemüht sein, dasjenige vor die Sinne zu bringen, was vorerst noch abstrus und umfaßlich möchte gefunden werden. Hat man gedachten
Aufsatz durchgelesen und durchgedacht, so nehme man
Gegenwärtiges wieder vor sich und suche das Resultat,
welches uns genügte, für sich zu gewinnen.
Es ist ein großer Unterschied, ob ich mich aus dem Hellen
ins Dunkle oder aus dem Dunklen ins Helle bestrebe; ob
ich, wenn die Klarheit mir nicht mehr zusagt, mich mit
einer gewissen Dämmerung zu umhüllen trachte, oder ob
ich, in der Überzeugung, daß das Klare auf einem tiefen, schwer erforschten Grund ruhe, auch von diesem immer
schwer auszusprechenden Grunde das Mögliche mit her- aufzunehmen bedacht bin. Ich halte daher immer für vorteilhafter: der Naturforscher bekenne sogleich, daß er in einzelnen Fällen es zugibt, wo das Verschweigen nur all- zu deutlich hervortritt.
Durch die Pendelschläge wird die Zeit, durch die Wechselbewegung von Idee zu Erfahrung die sittliche und wissenschaftliche Welt regiert.
Nicht allein die Erscheinungen, was man eigentlich so nennen kann, welche immer mehr oder weniger den Sinnen
unterworfen, doch zuletzt aus einem höhern Begrifif gedeutet werden müssen, sollen wir aufmerksam betrachten, aber auch die Symptome von irgendeiner Art haben wir
zu beachten. Ich machte hier auf das Ausdehnen und Zusammenziehen im Verlauf des Pflanzenlebens aufmerksam
und erinnere wieder daran durch folgende Betrachtung.
Bei einer noch so ausgearbeiteten Nomenklatur haben wir zu denken, daß es nur eine Nomenklatur ist, ein Wort [ein] irgendeiner Erscheinung angepaßtes, aufgeheftetes Silbenmerkmal sei, und also die Natur keineswegs vollkommen
ausspreche, und deshalb nur als Behelf zu unsrer Bequemlichkeit angesehen werden sollte.
Der Botaniker vom Fach übernimmt ein höchst schwieriges
Geschäft, indem er sich die Bestimmung und Benamsung
des oft nicht zu Unterscheidenden zur Pflicht macht. Aus
dem Begriff der Metamorphose geht hervor, das ganze
Pflanzenleben sei eine stetige Folge von merklichen und
unmerklichen Abänderungen der Gestalt, von denen jene
bestimmt und genannt werden, diese aber bloß, als fortschreitende Zustände bemerkt, kaum unterschieden, geschweige mit einem Namen gestempelt werden können.
Deshalb ist man denn auch über jene meistens einig geworden, wodurch sich denn die botanische Terminologie
über alle Faßlichkeit erweitert hat, diese aber bleiben noch immer widerspenstig und geben wo nicht zu Mißverständnis, doch Differenzen der Wissenschaftsfreunde
gelegentlich Anlaß.
Prägt sich daher der Botaniker unsre Darlegung fest ein, so muß er die Würde seiner Stellung erst recht kennen
lernen, er wird sich im Unmöglichen nicht abmühen; aber eben weil er sich bewußt ist auf einen unerreichbaren
Zweck hinzustreben, so wird er, und wenn seine Schritte auch nicht meßbar sind, sich doch dem hohen Ziele immer
mehr angenähert fühlen.
Die scharf unterscheidende, genau beschreibende Botanik
ist in mehr als einem Sinne höchst ehrwürdig, indem sie die Gabe zu trennen, zu sondern, zu vergleichen, wie sie dem Menschengeiste gegeben ist, in ihrer höchsten Ausübung zu betätigen trachtet, sodann aber auch ein Beispiel
gibt, wieweit man mit der Sprache, eben jenem ins Einzelnste dringenden Beobachtungstalent, das kaum zu Unterscheidende, sobald es entdeckt worden, zu benennen und
zu bezeichnen vermöge.
Eine zwar niedere, doch schon ideelle Unternehmung des Menschen ist das Zählen, wodurch im gemeinen Leben so
vieles verrichtet wird; die große Bequemlichkeit jedoch,
die allgemeine Faßlichkeit und Erreichbarkeit gibt dem
Ordnen nach der Zahl auch in den Wissenschaften Eingang
und Beifall. Das Linnesche System erlangte eben durch
diese Gemeinheit seine Allgemeinheit, doch widerstrebt es einer höheren Einsicht mehr, als daß es solche förderte.
Es kann aber der Fall kommen, daß jenes proteische Organ
sich dergestalt verbirgt, daß es nicht zu finden, sich dergestalt verändert, daß es nicht mehr zu erkennen ist; weil aber das eigentliche botanische Wissen darauf beruht, daß
alles gefunden und angezeigt, alles Gebildete durch alle seine Veränderung durch als fertig gebildet beschrieben
werde, so sieht man wohl daraus, daß jene erste Idee, aut die wir so viel Wert legten, zwar als leitend zum Auffinden
gar wohl zu betrachten sei, in den einzelnen Fällen aber
zur Bestimmung nicht helfen könne, vielmehr derselben
hinderlich sein müsse.
Bei der botanischen Terminologie ist das die Schwierigkeit, daß sie teils wohl zu unterscheidende Pflanzenteile bestimmt und zwar mit Leichtigkeit, nun aber bei den
Übergängen von den einen zu den andern das Ununterscheidbare gleichfalls trennen, bestimmen und benamsen
soll.
Wenn man den Gang der Naturwissenschaften betrachtet, so läßt sich bemerken, daß im ersten unschuldigen Anfang, wo die Erscheinungen nur noch obenhin genommen werden,
jedermann zufrieden ist, das Erkannte, Bekannte mit Behaglichkeit gelehrt wird, und daß man es mit gewissen
Ausdrücken nicht gar genau nimmt; wie man weiter
gelangt, so tuen sich immer mehr Schwierigkeiten hervor, weil die Gestaltbarkeit ins Unendliche überall Differenzen
hervorbringt, ohne sich doch eigentlich von ihrer Grundintention zu entfernen. Ein auffallendes Beispiel ist die Frage, was bei manchen Blumen Kelch oder Krone sei? Die schneller zur Blüte eilenden Monokotyledonen haben
den Kelch alsobald kronenartig, doch behält diese Krone
immer noch etwas Kelchartiges wie die drei äußeren Blätter der Tulpe, und ich glaube wenigstens, daß anstatt des
Streites, wie man irgendeinen Teil zu benennen habe, man
den höheren Begriff anzuwenden hätte, indem man fragte, wo kommt das Organ her und wo geht es hin? Die Brakteen steigen hinauf, um sich zuletzt wieder als Kelchblätter um die Axe zu versammeln; der Kelch der Tulpe maßt
sich gleich das Recht einer Krone an, und da wird man
rückwärts und vorwärts finden, daß man die Natur durch
ein Wort nicht zügeln kann, wenn sie eilt, noch sie übereilen wird, wenn sie zaudert.
Wenn man also fragt: Wie ist Idee und Erfahrung am besten
zu verbinden: so würde ich antworten: Praktisch! Der Naturforscher vom Handwerk hat die Pflicht, Rechenschaft zu geben, man fordert von ihm, daß er die Pflanzen sowohl
als ihre einzelnen Teile zu nennen wisse; kommt er darüber mit sich selbst oder andern in Streit, so ist das allgemein Gesetzliche dasjenige, was hier nicht sowohl entscheiden als versöhnen soll.
Es gibt Fälle, wo die Identität der Organe leicht geschaut
und gerne zugegeben wird, z. B. bei Thyrsen, Corymben, Trauben
und Ähren; hier läßt sich die Grundähnlichkeit mit den
Augen verfolgen. Dagegen wird es schwieriger, gewisse
Unterschiede zu bezeichnen, die Brakteen, wie sie für sich einzeln am Blumenstiel hinaufstehen, zuletzt aber einen Kelch bilden und als Sepalen bezeichnet werden(p. 349).
Am schwierigsten ist es, wenn von Torus gehandelt wird.
Hier sei es erlaubt zu sagen, daß gerade jene wichtige, so
ernst empfohlene, allgemein gebrauchte, zu Förderung der Wissenschaft höchst ersprießliche, mit bewundernswürdiger Genauigkeit durchgeführte Wortbeschreibung der
Pflanze nach allen ihren Teilen, daß gerade diese so umsichtige, doch im gewissen Sinn beschränkte Beschäftigung
manchen Botaniker abhält, zur Idee zu gelangen.
Denn da er, um zu beschreiben, das Organ erfassen muß,
wie es gegenwärtig ist, und daher eine jede Erscheinung
als für sich bestehend anzunehmen und sich einzudrücken
hat, so entsteht niemals eigentlich die Frage, woher denn
die Differenz der verschiedenen Formen entsprang; da
eine jede als ein festgestelltes, von den sämtlichen übrigen
sowie von den vorhergehenden und folgenden völlig verschiedenes Wesen angesehen werden muß. Dadurch wird
alles Wandelbare stationär, das Fließende starr, und dagegen das gesetzlich Rasch fortschreitende sprunghaft angesehen und das aus sich selbst hervorgestaltete Leben
als etwas Zusammengesetztes betrachtet.
Es ward von uns oben angedeutet, es müsse in dem Geiste
eines wahren Naturforschers sich immerfort wechselsweise
wie eine sich im Gleichgewicht bewegende Systole und
Diastole ereignen, aber wir wollen nur gestehen, genau
bemerkt zu haben, daß die Analyse der Synthese und umgekehrt diese jener hinderlich ist, in dem Grad, daß eine die andere auszuschließen scheint.
Dieses ins klare zu setzen wäre für den Psychologen keine
geringe Aufgabe, die, insofern es möglich wäre, gelöst
beide Parteien über sich selbst aufklären und zu einer Versöhnung, vielleicht gar zu geselliger Mitarbeit die Einleitung geben könnte.
An allen Körpern, die wir lebendig nennen, bemerken wir
die Kraft, ihresgleichen hervorzubringen.
Wenn wir diese Kraft geteilt gewahr werden, bezeichnen
wir sie unter dem Namen der beiden Geschlechter.
Diese Kraft ist diejenige, welche alle lebendige Körper
miteinander gemein haben, da sonst ihre Art zu sein sehr verschieden ist.
Epigramme, Sprüche, Xenien usw.
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