> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Über die Farbenerscheinungen, die wir bei Gelegenheit...5. Unter welchen Bedingungen, bei

2020-03-04

J.W.v.Goethe: Über die Farbenerscheinungen, die wir bei Gelegenheit...5. Unter welchen Bedingungen, bei



Unter welchen Bedingungen, bei fortdauernder Begrenzung des Gegenstandes, der Grad der Farbenerscheinungen vermindert wird 

64. Zuerst ist offenbar, daß man die fünf in dem vorigen Abschnitte angezeigten Bedingungen der Vermehrung unserer Farbenerscheinung nur stufenweise aufheben oder rückgängig machen dürfe, um auch die Farbenerscheinungen auf eben dem Wege wieder zu vermindern, wie wir sie vermehrt haben. So darf man also nur auf das brechende parallele Mittel unter einem Winkel von mehreren Graden sehen, man darf den Winkel des Prismas vermindern, man darf von der Dicke des parallelen Mittels etwas hinwegnehmen, sich mit dem Prisma vorm Auge dem Gegenstande nähern oder durch chemische Vermischung die Kraft der Farbenerscheinung in dem Mittel schwächen, so wird jederzeit unter übrigens gleichen Umständen der Grad der Farbenerscheinung verringert zu bemerken sein. Es sind aber noch einige Mittel übrig, den Grad der Farbenerscheinung zu verringern, welche ich jedoch, um des Zusammenhangs willen und um mich nicht zu wiederholen, erst in dem folgenden Abschnitt, zu welchem ich sogleich übergehe, vorzutragen für rätlich finde.

Unter welchen Bedingungen, bei fortdauernder Begrenzung des Gegenstandes, die Farbenerscheinung gänzlich aufgehoben wird 

65. Wir hatten uns in dem ersten Abschnitte überzeugt, daß Refraktion an und für sich keine Farbenerscheinung hervorbringe, wir hatten zu Anfange des zweiten Abschnitts dem Bilde, das wir durch Refraktion betrachteten, schon entschiedene Grenzen gesetzt und fanden die Grenzen des weißen Kreises auf schwarzem Grunde noch immer farblos, wenn wir das Auge senkrecht auf dessen Mittelpunkt richteten. Wir werden uns also um so weniger verwundern, wenn uns noch unter verschiedenen Umständen gelingt, die Farbenerscheinung aufzuheben, ohne daß die Refraktion zugleich zessiere.

Dreiunddreißigster Versuch (Fig. 32) 

66. Man lege zwei spitzwinklige Prismen aufeinander und verschaffe sich dadurch ein paralleles Mittel, man sehe durch solches nach dem eingeschränkten Gegenstande, dergestalt daß das Auge senkrecht auf dem Diameter des Kreises stehe, und man wird die Ränder des Kreises farblos erblicken.

67. (Fig. 33 u. 34.) Man ziehe nun die beiden Keile auseinander und schaue durch jeglichen besonders, so werden die Ränder nach den oben angeführten Gesetzen gefärbt erscheinen.

Vierunddreißigster Versuch (Fig. 35) 

68. Schöbe man beide gleiche Keile abermals voreinander, so würde die Farbenerscheinung wieder ganz aufgehoben werden; brächte man aber einen Keil von gleicher Glasart, aber von geringerem Winkel hinter den ersten, so würde die Wirkung des ersten Keiles durch die Wirkung des zweiten geschwächt, aber nicht aufgehoben. Die Farbenerscheinung würde also nach dem Gesetze des stärkeren Prismas sich zeigen, abgezogen die Wirkung, welche das schwächere Prisma ausüben würde, wenn man allein durchschaute.

69. (Fig. 36.) Dieses Phänomen ließe sich auch, wenn die Refraktionskraft und Farbenerscheinung gleichen Schrittes ginge, begreifen: denn wenn ich dem Prisma ein anderes Prisma von einem geringeren Winkel ace entgegensetzte, so ist es ebenso viel, als wenn ich nachher durch ein spitzwinkligeres Prisma hindurchsähe, wie die verlängerten Linien acd- bcd ausweisen, indem eine stärkere Refraktion in dem ersten als in dem andern Falle stattfindet.

70. Allein hier kann nun der Fall der fünften Bedingung eintreten, daß z. B. die Glasart des kleineren Prisma ace eine stärkere Kraft hat, die Farbenerscheinungen zu zeigen, als die Glasart des großen ab c, beide Mittel aber an Refraktionskraft gleich sind. Hier bleibt also eine doppelte, nicht parallele Refraktion übrig, welche wir sonst mit einer sehr lebhaften Farbenerscheinung verbunden fanden; allein wir sehen diesmal, wenn wir durch diese in gehöriger Proportion zusammengesetzte Mittel hindurch nach unserm gewöhnlichen Objekte blicken, nicht die mindeste Farbenerscheinung an den Rändern, ob wir gleich das Bild sehr stark von seinem Platze geruckt sehen. So hilft uns also die fünfte Bedingung, die Farbenerscheinung zu vermehren, welche wir oben kennen lernten, hier die Farbenerscheinung gänzlich aufheben, bei Fällen, wo die Refraktion noch ihre völlige Wirkung äußert.

71 . Es bleibt uns noch ein wichtiger Fall zu bemerken übrig, wo wir die Entfernung des Prismas vom Gegenstande, welche uns oben als ein vorzügliches Mittel, die Farbenerscheinung zu vermehren, bekanntgeworden, gebrauchen können, um die Farbenerscheinung bei bestehender Refraktion gleichfalls völlig aufzuheben. Ich muß, um auch hier deutlich zu werden, einiges schon mehrmals Beobachtete abermals wiederholen.

72. (Fig. 32.) Es schaue ein Auge durch ein aus zwei Prismen zusammengesetztes Parallelepipedum in a nach den a begrenzten Gegenstande in d, so werden die Ränder farblos erscheinen, ein gleiches wird sich zeigen, wenn Auge und Parallelepipedum sich nach b und c bewegen.

73. (Fig. 33.) Es schaue das Auge durch das spitzwinklige Prisma in a nach dem Gegenstande in d, so wird derselbe nach dem bekannten Gesetz gefärbt erscheinen. Die gleiche Erscheinung, jedoch proportionierlich schwächer, wird fortdauern, wenn Aug und Prisma sich dem Gegenstande nähern und nach b und c hinrücken, wie oben umständlich ausgeführt worden ist.

74. (Fig. 34.) Sieht das Auge durch ein spitzwinklichtes Prisma, das in entgegengesetzter Richtung aufgestellt ist, nach demselben Gegenstande, so wird die Erscheinung umgekehrt und gleichfalls in ab und c in einer der Entfernung proportionierten Breite gesehen werden.

Fünfunddreißigster Versuch (Fig. 37) 

75. Setzt man nun also zwischen das Prisma in a, wodurch das Auge hindurchsieht, und den Gegenstand d ein Prisma von gleichen Graden, aber in umgekehrter Richtung an den Ort b, so daß das Auge nunmehr durch beide nach dem Gegenstande d sieht, so wird das Auge die Ränder des Gegenstandes d nach dem Gesetz des ihm nächsten Prismas, nur nicht verhältnismäßig stark zu seiner Entfernung erblicken: denn das widersprechende Prisma in b vermindert die Wirkung des Prisma in a um die Hälfte, weil die Entfernung bd die Hälfte der Entfernung ad ist. Das Auge sieht also durch die Prismen in a und b die Farbenerscheinung nicht stärker, als wenn das Prisma a allein in b stünde oder wenn sein Winkel nur die Hälfte Grade enthielte.

Sechsunddreißigster Versuch (Fig. 38) 

76. Von diesem merkwürdigen Verhältnis der Entfernungen und der Winkel untereinander überzeugen wir uns aufs vollkommenste, wenn wir in b ein entgegengesetztes Prisma stellen, das den doppelten Winkel des Prisma in a hat, und alsdann durch beide nach dem Gegenstande schauen, man wird als denn die Ränder desselben völlig farblos erblicken.

77. Wird nun bei dem ersten und dritten Fall wo nicht ganz, doch zum größten Teil in der Maße, wie die Farbenerscheinung verschwindet, auch die Refraktion aufgehoben, so bleibt doch in dem fünften Falle die Refraktion wenigstens um die ganze Hälfte des Prismas in b übrig, wenn auch die andere Hälfte durch die entgegengesetzte Wirkung des Prismas in a aufgehoben würde, und der Gegenstand in d wird von seinem Orte gerückt und doch farblos erscheinen.

78. Wir haben hier also den merkwürdigen Fall, daß wir durch zwei Prismen von einerlei Glasart, wenn wir nur ihre Winkel und ihre Entfernung vom Bildeproportionieren, eine starke Refraktion beibehalten und die Farbenerscheinung doch aufheben können.

Siebenunddreißigster Versuch (Fig. 39) 

79. Daß man nun zu diesen einander in verschiedenen Entfernungen entgegengesetzten Prismen von großen oder kleinen Winkeln auch verschiedene Glasarten nehmen könne, um dieselbigen Effekte hervorzubringen, sieht man deutlich ein. Gesetzt also, man hätte eine Glasart, deren farbenzeigende Kraft noch einmal so groß wäre als die einer andern Glasart: so könnte man in b ein Prisma von gleichen Graden wie das in a umgekehrt hinstellen, und der Gegenstand in d würde farblos erscheinen, es möchte von Refraktion was da wolle übrig bleiben.

80. (Fig. 39) Es folgt hieraus, daß man auf diesem Wege eine sehr bequeme Art finde, zwei Glasarten gegeneinander zu messen, inwiefern ihre Gewalt, die Farbenerscheinung zu verstärken, gegeneinander proportioniert sei: denn man darf nur ein spitzwinkliges Prisma in a stellen und ein anderes von gleichem Winkel entgegengesetzt zwischen a und d hin und her bewegen und auf der Linie cd, die in sehr genaue Maße eingeteilt sein kann, den Punkt bemerken, wo die Farbenerscheinung gänzlich zessiert, so wird sich als denn die Berechnung leicht anstellen lassen, welchen Winkel das Prisma von der stärkern Glasart haben müsse, um unmittelbar mit dem Prisma von der schwächern Glasart verbunden den Gegenstand farblos darzustellen.

81. Hat man sich nun einmal diese Erscheinungen und ihre Bedingungen in ihrer natürlichen Folge vorzustellen gewöhnt, so wird man die nutzbare Anwendung derselben in vielen Fällen nach und nach zu entwickeln wissen, uns sei für diesmal genug, nur einen flüchtigen Rückblick zu tun. Wir haben zuerst durch Erfahrungen dargetan, daß Refraktion an und für sich keine Farbenerscheinung, und zwar in subjektiven sowohl als objektiven Fällen hervorbringe. Wir haben sodann gefunden, daß eine Begrenzung des Bildes nötig sei, um unter gewissen Umständen die Farbenerscheinung darzustellen. Wir haben ferner die Bedingung aufgesucht, unter welcher sich die Farbenerscheinung vermehrt, wir haben sie auf ihrem höchsten Grade gesehen, wir sind ebenso wieder zurückgeschritten und haben sie zuletzt völlig verschwinden sehen, ohne daß die Beschränkung des Bildes aufgehoben oder die Refraktionskraft vernichtet worden wäre.

82. Nimmt man alles zusammen, so finden sich weit weniger Fälle, wo Refraktion und Farbenerscheinung verbunden sind, als Fälle, in welchen die Refraktion wirkt, ohne Farbenerscheinung zu zeigen.

83. Von diesen subjektiven Versuchen, welche jeder Beobachter ohne große Umstände wiederholen kann, gehen wir zu den objektiven über, welche, ob sie gleich nichts weiter aussprechen, als was uns schon bekannt ist, dennoch sorgfältig von uns durchzugehen sind. Wir werden so viel als möglich die Vorrichtungen dazu gleichfalls simplifizieren, um jeden Liebhaber instand zu setzen, sich durch den Augenschein von der Wahrheit unseres Vortrags überzeugen zu können.



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