> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Unbillige Forderung

2020-03-02

J.W.v.Goethe: Unbillige Forderung




Unbillige Forderung
 [Juni 1824] 

Man hat es mir zum Vorwurf machen wollen, daß ich nicht auch, indem ich die Metamorphose der Pflanzen behandelte, auf die Wurzel Rücksicht genommen habe. Als ich dieses vernahm, wollt es mir seltsam vorkommen, daß man verlangte, ich solle vor vierzig Jahren getan haben, was heute noch nicht getan ist. Vor der Wurzel hab ich so viel Respekt als vor dem Fundament des Straßburger und Cölner Doms, und wie es damit beschaffen sei, ist mir auch nicht ganz unbekannt geblieben; denn eine Zeichnung des in früheren Zeiten teilweise aufgegrabenen Münstergrundes hab ich gern an Freund Boisseree als ein auch ihm interessantes Blatt abgetreten. Aber unsere eigentliche Betrachtung des Gebäudes fängt an von der Oberfläche der Erde; Grundriß nennen wir, was vom Gebäude sich aufdem Boden zeichnet, das alsdann mannigfaltigst in die Höhe steigt. Das Tiefere, woraufdas Höhere, die Lüfte Suchende ruht, ist dem Verstand, der Überzeugung, dem Gewissen des Meisters anheimgegeben; wir aber aus der Vortrefflichkeit und Konsequenz des Konstruierten schließen billig auf die Tüchtigkeit der Substruktion. 

So auch mit der Wurzel, sie ging mich eigentlich gar nichts an; denn was habe ich mit einer Gestaltung zu tun, die sich in Fäden, Strängen, Bollen und Knollen und, bei solcher Beschränkung, sich nur in unerfreulichem Wechsel allenfalls darzustellen vermag, wo unendliche Varietäten zur Erscheinung kommen, niemals aber eine Steigerung; und diese ist es allein, die mich auf meinem Gange, nach meinem Beruf an sich ziehen, festhalten und mit sich fortreißen konnte. Gehe doch jeder ebenmäßig seinen Gang und schaue auf das, was er leistete in vierzig Jahren, bescheiden zurück, wie uns ein guter Genius zu tun vergönnt hat.

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Goethes Schriften Biologie/Botanik

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