> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Versuch einer allgemeinen Knochenlehre - IV. Das Tränenbein+V. Das Gaumenbein

2020-03-26

J.W.v.Goethe: Versuch einer allgemeinen Knochenlehre - IV. Das Tränenbein+V. Das Gaumenbein




IV. Das Tränenbein


Wir müssen ganz von dem Begriffe, welchen uns das menschliche Tränenbein gibt, abstrahieren, wenn wir uns von dem Tränenbein der Tiere eine deutliche Vorstellung machen wollen. Haben wir, wie schon in unserer Beschreibung geschehen, die obere Kinnlade zum Grund gelegt und das Wangenbein an dieselbe befestiget, so müssen wir nun, um das Gebäude in der natürlichen Ordnung aufzuführen, das tierische Gebäude aufsetzen und beschreiben, und wir werden dadurch den Hauptbau der oberen Kinnlade erst vollendet sehen. 

Wir teilen es am besten in den Gesichtsteil und in den Augenhöhlenteil, und bemerken sodann den Rand, wo diese beiden Teile zusammenstoßen. 

Der Gesichtsteil verbindet sich nach oben jederzeit mit dem Stirnknochen, nach unten mit der oberen Kinnlade, nach der Seite und hinten mit dem Wangenbein. 

In den Fällen, wo der Stirnfortsatz der oberen Kinnlade sich nicht mit der Stirne verbindet, setzet sich dieser Teil des Tränenbeins bis zu dem Nasenknochen fort, wie bei Pferden, Ochsen und Schweinen, oder es bleibt an der Stelle ein Fontanell, wie bei Schafen und Hirschen. 

Es ist dieser Teil des Knochens flach und hat wenig oder keine Dicke. Wie seine äußere Seite einen Teil des Gesichtes bildet, so hilft seine innere das antrum Highmori zudecken. 

Der Rand dieses Knochens bildet mit dem Rande des Wangenbeins, an den er unmittelbar anstößt, den unteren Rand der Augenhöhle. Die obere Kinnlade reicht bei einigen Tieren zwar bis an diesen Rand, tritt aber niemals in die Augenhöhle hinein, noch weniger, daß sie ein planum orbitale, wie beim Menschen, bildete. Bei den Affen drängt sie den Tränenknochen einigermaßen in die orbita zurück, scheint ihn aber doch nicht von dem osse zygomatico zu trennen. In diesem Rande liegen eine oder mehrere Öffnungen, welche in das antrum Highmori und in die Nasenhöhle zu dringen scheinen. Außer diesen findet sich noch eine offne oder blinde Öffnung in dem Augenhöhlenteile dieses Knochens, welche den eigentlichen Tränengang zu bezeichnen scheint. 

Der zweite oder Augenhöhlenteil dieses Knochens tritt besonders bei denen Tieren, wo der ganze Knochen groß und sichtbar ist, an die Stelle, welche bei dem Menschen durch das planum orbitale der obern Kinnlade eingenommen wird. Es ist dieser andere Teil meist schwächer oder geringer als der Gesichtsteil, wenn beide Teile vorhanden sind. Er ist seiner Natur nach sehr schwach und papierartig, und hat bei einigen Tieren hinterwärts einen kleinen Sack, welcher Ähnlichkeit mit dem mittlern Muschelbein verwandter Tiere hat. Manchmal geht dieser Knochen so weit zurück in die Augenhöhle, daß er der oberen Kinnlade allen Anteil, welchen sie allenfalls durch den Zahnfortsatz an der Bildung der Augenhöhle nimmt, raubt.

V. Das Gaumenbein

Wir suchen uns auch bei Beschreibung dieses Knochens jener, wornach das menschliche Gaumenbein beschrieben wird, so viel als möglich zu nähern, ob wir gleich, um allgemein zu werden, auch hier in verschiednen Punkten abweichen müssen. 

An dem horizontalen Teil betrachten wir zwei Flächen: die eine, welche nach dem Gaumen zu gekehrt ist; die andere, welche den Grund der Nase mit bilden hilft. Der vordere Rand derselben ist rauh und verbindet sich mit dem Gaumenfortsatze der obern Kinnlade; der hintere ist meistens glatt, doch auf sehr verschiedene Weise ausgeschweift und gezackt. Der innere, der stärkste Rand ist gleichsam rauh, und durch diesen verbinden sich die beiden Gaumenbeine miteinander. Der äußere Rand verliert sich in processu alveolari, von welchem bald die Rede sein wird. 

An dem perpendikularen Teil betrachten wir: 

1. Die superficiem nasalem welche den innern Teil der Nasenhöhle bilden hilft, und an welche die concha inferior und media mehr oder weniger hinreichen. 

2. Superficiem maxillarem, welche gegen die obere Kinnlade gerichtet ist, und entweder an dieselbe völlig anschließt oder mehr oder weniger davon absteht. An dem perpendikularen Teil können keine Ränder beschrieben werden, weil sie alle von Fortsätzen verschlungen sind. Unter diesen Fortsätzen ist Processus communis besonders merkwürdig, welchen ich besonders zu beschreiben und besonders zu benennen genötigt bin. Es entsteht dieser Fortsatz da, wo die beiden Teile horizontal und perpendikular zusammenstoßen, und verbindet sich jederzeit mit der Seitenfläche der Alveolen der obern Kinnlade. Ich gebe ihm daher den Namen Processus alveolaris. 

Es hat dieser Processus das Bezeichnende, daß über demselbigen der sogenannte canalis gopalatinus durchgeht — sobald er nämlich vorhanden ist —, der Knochen mag übrigens eine Gestalt haben, welche er wolle; am eigentlichsten aber glaube ich sagen zu können, daß dieser Kanal zwischen gedachtem Fortsatz und der superficie maxillari des partis horizontalis nach hinten zu entspringt und von oben herabwärts den partern horizontalein durchdringe. Dieser Fortsatz ist manchmal hohl und hilft zugleich den sinum maxillarem schließen. Man sieht, daß derjenige Teil, welcher sonst Processus nasalis genannt wird, in diesem processu alveolari mit begriffen ist. 

Es folgen nun noch drei Fortsätze, welche 6 dem parti perpendiculari eigen sind. 

Processus orbitales. Er steigt von dem picessu alveolari in die Höhe, verlängert sich bis an die orbita, welche er mehr oder weniger berührt. Weiter nach hinten liegt der Processus spienoidalis, welcher jederzeit eine Rinne bildet, wovon der eine Rand sich mit den cornobus sphenoidalibis, der andere mit dem vomer verbindet. Diese beiden Fortsätze geben das, foramen sphenopalatinum. 

Der Processus pterygoideus liegt ganz nach hinten und ist oft nur ein bloßer Rand; von seiner Verbindung mit den processibus pterygoideis des Keilbeins wird in der Folge zu handeln sein. Überhaupt bleibt dieser Knochen in seinen Teilen sehr beständig, obgleich die Gestalt und das Verhältnis derselben sehr verändert werden; auch bleibt er seinen Nachbarn, soviel ich bemerken können, getreu. Derjenige Schädel, an dem die eben beschriebenen Teile dieses Knochens sichtbar sind, ist der Schädel eines Bocks.

Rekapitulation der fünf bisher beschriebenen Knochen

Wir wollen die bisher beschriebenen Knochen nunmehr in einem Zusammenhange vornehmen, teils um die Ursachen anzuzeigen, warum wir sie in dieser Ordnung vorkommen, teils um sie, insofern es geschehen kann, miteinander zu vergleichen, teils auch, das Gebäude, soweit es jetzt aufgeführt ist, mit einem Blick zu übersehen. 

Unter den fünf Knochen, welche wir nach und nach zusammengerückt haben, befinden sich drei, welche von ähnlicher Art und Bildung sind: das incisivum, die obere Kinnlade und das Gaumenbein. Alle drei haben einen horizontalen Teil, und diese drei Teile zusammen bilden sowohl den Gaumen als die Grundfläche der Nase; alle drei haben einen vertikalen Teil, dessen innere Fläche die innere Nasenhöhle bilden hilft; alle drei werden an dem Rande, wo sich die beiden genannten Teile verbinden, merkwürdig. An diesem Rande finden sich die Zähne, wenn das Tier mit solchen versehen ist. Der oberen Kinnlade fehlen sie selten, dem Schneideknochen öfter und dem Gaumenbeine immer. Diese drei Knochen zusammen machen eigentlich den obern Kiefer aus. Die Fläche, welche sie bilden, wird der Gaumen genannt. Es sind drei ihrer inneren Bildung nach ähnliche, nur durch verschiedene Determination verschieden gestaltete Knochen. 

Ihr Verhältnis gegen die untere Kinnlade, über welcher sie als gewölbte Deckel [sich befinden], übergehe ich gegenwärtig. Nach oberwärts stellen sie wieder eine Base vor; und wir werden in der Folge diejenigen Teile betrachten, welche über ihnen liegen. 

Nach außen bilden die äußeren Flächen der beiden ersteren Teile den Obermund und die Oberwange; um aber weiter aufzusteigen und den untern Augenrand zu bilden, müssen wir noch zwei andere Knochen zu Hülfe nehmen. Beide kommen darin überein, daß sie sich in den oberen Rand der obern Kinnlade einfügen, daß sie den untern Rand der orbitae und deren unteren Fläche bilden, und von der Mitwirkung zur Bildung des Randes der orbitae die obere Kinnlade oft gänzlich ausschließen, oft nur einen geringen Anteil ihr daran erlauben. 

Durch die processum temporalem des ossis zygomatiki deutet dieser Knochen auf eine Verbindung mit andern, deren Merkwürdiges wir erst in der Folge werden betrachten können. Stellen wir nun dieses Gebäude, wie wir es bisher an- und übereinander gesetzt, uns vor die Augen, so werden wir sogleich bemerken, daß dem Ganzen sowohl sein Inhalt als seine Decke fehle.

Übergang zu dem zunächst zu beschreibenden Knochen

Es ist schon oben bemerkt worden, daß derjenige Teil, welcher über dem Schneideknochen stehet, eigentlich der Nasenknorpel sei, und also aus der Knochenlehre herausfalle, so wie dieser Teil auch in sich keinen weitern knochenartigen Teil enthält. Dagegen sind die untern Muscheln an die obere Kinnlade befestiget und von dem Nasenknochen bedeckt. Das blätterige und zellige Gewebe, welches sich in dem Räume beider Augen mehr oder weniger ausdehnt oder zusammenzieht, und sich hervorwärts unter den hinteren Teil der Nase unter die Wangen ausbreitet, entspringt eigentlich aus einer vordem Abteilung des Stirnknochens, welche ihn auch vorzüglich bedeckt. Zu gleicher Zeit bildet der Stirnknochen den oberen Rand und die obere Augenhöhlenfläche; es bedecket die innere Kammer desselben die vorderen lobos des Gehirnes, welche sich auf die vorderen Flügel des Keilbeins auflegen. Wir werden also folgende Knochen in nachstehender Ordnung zuerst vornehmen: 

Die untern Muscheln 
Die Nasenknochen 
Die mittlem Muscheln 
Das Siebbein 
Das Siebchen 
Die Scheidewand 
Die Pflugschar 
Das Labyrinth 
Die obern Muscheln 
Die Stirnknochen 
Das vordere Keilbein.

Es ist bekannt, daß auch selbst die flachsten Knochen aus zwei Lamellen bestehen, zwischen welchen mehr oder weniger einiger Raum gefunden wird. Dieser Raum ist gewöhnlich mit einem Knochengewebe ausgefüllt, das bald einem Schwamm ähnlich (bald eine zellige Gestalt hat, bald aus flachen oder gewundenen Lamellen bestehet), bald einem Netze gleicht, bald einem andern verwickelten Gespinste, ja das bei sehr hohlen Knochen beinahe als isolierte Fäden von einer Seite zur andern reicht. Wir sehen, daß dieses zellige Gewebe nicht in dem Maße zunimmt, wie der Knochen wächst; denn Knochen, die in der Jugend damit ausgefüllt sind, werden im Alter hohl; und es scheint demnach, daß die Fäden eines solchen zelligen Gewebes nur ein gewisses Maß haben, welches überschritten, sie zerreißen und durch den übrigen Knochenwuchs gleichsam verschlungen werden. 

Wie nun nach innen der Knochen zellig oder hohl ist, so sehen wir, daß er nach außen zu, und zwar nach allen Seiten, nur solider und glätter wird, je mehr das Geschöpf an Jahren zunimmt. Es gehen zwar hie und da Öffnungen durch, die Nerven und Arterien durchzulassen; allein von einer Seite scheint sich die Natur bei diesen Öffnungen durch Glätte und Solidität zu verwahren; ferner sind sie nur einzeln und weder an Gestalt noch Ort regelmäßig. 

Desto interessanter muß uns der Knochen werden, welcher der einzige seiner Art am ganzen Körper ist. Dieser ist das Siebbein, bei welchem sonderbare Eigenschaften zusammentreffen. Es läßt sich dasselbe als ein Knochenkörper betrachten, dessen Innerstes auf eine sehr regelmäßige und entschiedene Weise in Zellen geteilt zu Lamellen gebildet worden, welche sich oft bei Tieren auf eine so ungeheure Weise ausdehnen, daß der Begriff darüber fast gänzlich verloren geht. 

Wir können diesen Begriff gegenwärtig hier nur andeuten; und es wird erst künftighin, wenn wir das Labyrinth des Siebbeins mit dem Körper des Keilbeins vergleichen können, [sich zeigen,] inwiefern solche Meinung Grund hat. Wie wir nun gesagt, daß in dem Siebbein eine regelmäßige, wenngleich sehr große, besonders determinierte Ausdehnung des Zellgewebes sich befinde, so können wir auch bemerken: daß eine seiner Oberflächen regelmäßige Öffnungen habe, durch welche Nerven und Blutgefäße hindurchdringen. 

Der untere Teil dieses Körpers schließt sich unmittelbar an den Körper des Keilbeins an. Die Scheidewand, die in der Mitte trennt, verlängert sich und bildet das Pflugscharbein; seine sehr dünnen Seitenwände schließen ihn, besonders bei menschlichen Schädeln, zu, wodurch noch mehr die Gestalt eines äußerst spongiosen Körpers [entsteht], welche Eigenschaft sich bis auf seine äußeren Decken erstreckt. Bei Tieren kommt dieser Knochen in einer ungeheuren Ausdehnung vor, und wir können bemerken: daß diese Gabe, sich [in] regelmäßige Blätter und Zellen zu teilen, von der Natur noch einigen Knochen gegeben worden, woraus die untern und mittlern Muscheln, wovon sich die erstem offenbar an der obern Kinnlade zu entwickeln scheinen, denkbar und begreiflicher gemacht werden. 

Es kann aber von allem diesen nur gegenwärtig die Anzeige getan werden, indem in der Folge, wenn wir das ganze Knochengebäude zusammengestellt, durch Vergleichung diese Begriffe erst entwickelt und bestätiget werden können.

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