> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Versuch einer allgemeinen Knochenlehre - VIII. Das hintere Keilbein+IX. Das Schlafbein+X. Das Zitzenbein

2020-03-27

J.W.v.Goethe: Versuch einer allgemeinen Knochenlehre - VIII. Das hintere Keilbein+IX. Das Schlafbein+X. Das Zitzenbein




VIII. Das hintere Keilbein

Es kommt dieses in allen seinen Teilen mit dem vordem Keilbein überein; es hat einen Körper, ein paar' Flügel, welche sich nach oben seitwärts ausbreiten, und da, wo diese Flügel an den Körper befestiget sind, finden sich ein paar Öftnungen, welche beim Menschen foramina rotunda genannt werden, und vor- und unterwärts zeigen sich ein paar Processus. 

Nur scheinen ihm jene Fortsätze zu fehlen, welche wir bei dem vordem Keilbein bemerkt haben. 

Die Flügel an der Seite lassen sich mit den großen Flügeln des menschlichen Keilbeins vergleichen; sie sind bald größer, bald kleiner als die Flügelfortsätze des vordem Keilbeins. 

Sie verbinden sich nach vorne zu oft mit den Flügeln des vordem Keilbeins und schließen dadurch die fissuram anteriorim. Sie verbinden sich nach vorn und oben mit einem Winkel des Stirnbeins, und in derselbigen Gegend bei Menschen und Affen mit dem Wangenbein. Hinterwärts verbinden sie sich mit dem Scheitelbein, dem Schlafbein und dem Felsenbein. Die vordem und untern Fortsätze verbinden sich mit den hintern Fortsätzen des vordem Keilbeins, welche bei manchen Tieren ebensogut zu diesem als zu jenem Körper zu gehören scheinen. 

Foramina rotunda lassen sich völlig ihrer Lage und Verhältnis nach mit den forammibus opticis vergleichen; nur daß sie niemals so nahe zusammenrücken als jene und selbst da, wo sie am größten sind, mehr auseinander gehalten werden. 

Auch scheinen sie nicht so beständig zu sein als jene; wenigstens finden sie sich nicht an dem Schädel des Schweins. 

Die obere Seite des Körpers hat jederzeit eine dem Türkensattel ähnliche Gestalt; die hintere Fläche verbindet sich mit der parte basilari ossis occipiüs und verwächst mit derselben oft so genau, daß sie von derselben nicht zu separieren ist, wenn sich das vordere Keilbein von dem hintern noch sehr leicht trennen läßt.

IX. Das Schlafbein

Es wird unter diesem Namen hier nur der sogenannte Schuppenteil des menschlichen Schlafbeins betrachtet, insofern es, nach der eingeschlagenen Methode, zu der mittlern Region gehörte, auf dem hintern Keilbein aufsitzt und als Seitenwand das Gewölbe der Scheitelbeine trägt. 

An dem Schlafbein bemerken wir zuerst die Schuppe. Die schöne flache Gestalt, welche sie beim Menschen hat, zeigt sich bei keinem Tier; sie nimmt sehr verschiedene Gestalten an. Ihr oberer Rand verbindet sich mit dem Scheitelbein, ihr unterer mit dem hintern Keilbein; ihre übrigen Verbindungen sind nachher zu betrachten. An dem untern Teil der Schuppe, nach vornen zu, findet sich der Processus zygogiaticus, an dessen unterstem und hinterstern Teil der Processus articularis hervorgeht. Es verdient dieser Teil, welcher bei dem Menschen nur eine geringe Erhöhung ist und durch die Gelenkhöhle, welche vor demselben liegt, tiefer wird [besondre Erwähnung]. Gleich hinter dem processu articularus ein Bogen, unter welchem der äußere Gehörgang in das Innere dringt. Das andere Ende des Bogens macht der von mir sogenannte Processus mammillaris. Es wird in der Folge gezeigt werden, daß der bei den Tieren allenfalls so zu benennende Teil nicht mit demjenigen verwechselt werden dürfe, welcher bei dem Menschen ohngefähr in selbiger Gegend zum Vorschein kommt. 

Es finden sich gewöhnlich verschiedene Öffnungen in diesem Knochen. Die mittlere liegt jederzeit unter dem Bogen, führt manchmal zu einer kleinen eigenen Höhle und steht mit den übrigen in Verbindung. Eine andere geht hinterwärts über dem processii , ein paar andere über dem processu zygotnatico. Diese Öffnungen sind alle zufällig; sie können alle fehlen, oder manchmal von denselben nur eine geringe Anzeige sein. Bei den Menschen und Affen werden sie als emissaria Santorini betrachtet, bei den übrigen Tieren kommen sie größer vor; es werden die dadurch herausgeführten Gefäße mehr zu betrachte sein.

X. Das Zitzenbein

Auch dieses ist nicht mit dem Zitzenfortsatz des Menschen zu vergleichen. Die Tiere haben durchgängig keinen Zitzenfortsatz, und man muß die Blase, in welcher sich die Paukenhöhle befindet, auf keine Weise mit dem Zitzenfortsatz des Menschen verwechseln. Wenn nun auch gleich der erste Anblick bei einigen, besonders bei dem Schweine, verführen sollte, so wird uns doch eine nähere Betrachtung sogleich auf den rechten Weg bringen. 

Daraus, daß der Zitzenfortsatz bei dem Menschen erst durch die Muskeln hervorgebracht wird, bei den jüngsten Tieren aber sich schon dieses Zitzenbein befindet, läßt sich schon vermuten, daß dieser Teil ein Haupt- und Grundteil bei den Tieren sei. 

Wenn wir ferner bedenken, daß so viele Tiere keine Klavikel haben, daß der nach dem Schlaf zu gehende sternocleido nastoidcus fehlt, so sehen wir auch nicht, wie ein solcher Teil durch die Muskeln hervorgezogen werden könnte. Betrachten wir den Teil nun näher, so finden wir ihn oft als eine hohle Blase in einer rundlich ausgedehnten Gestalt; manchmal erscheint er beutelfönnig, manchmal zitzenförmig; und dann ist er an seinem Ende mit einem zelligen Gewebe ausgefüllt, wenn die Paukenhöhle sehr klein ist. Dieses ist der Fall beim Schweine und hat Anlaß gegeben, ihn mit dem zitzenfömigen Fortsatz zu verwechseln. 

Es läßt sich dieser Knochen bei mehreren Tieren voll- kommen vom Schlaf- und vom Felsenbein trennen. Die sonderbare Verschränkung dieser drei Knochen, mit welcher sie zusammengehalten werden, läßt sich kaum beschreiben. Der eigentliche Charakter dieses Knochens ist folgender. 

Der äußere Gehörgang mit seiner mehr verlängerten Röhre führt in diesen Knochen hinein, wo sich alsdann die meist ringförmige Erhöhung findet, worin das Paukenfell festsitzet. Inwendig ist dieser Knochen mehr oder weniger hohl und enthält Abteilungen, welche mehr oder weniger die Gestalt einer Muschel oder Schnecke annehmen. Es läßt sich bemerken, daß dieser Körper eine mehr oder weniger veränderte Gestalt annimmt, je stärker die Wirkung des Processus styloidci auf ihn ist. 

Indem nämlich die äußere Seite dieses Knochens die knochene Scheide bildet, durch welche der Processus  hindurchgehet, so schmiegt sie sich mehr oder weniger um denselben herum. Es kommt also auf die Stärke und auf die Richtung desselben an, ob die Blasen- und Muschelgestalt in eine Schneckengestalt verwandelt werden sollen; denn es ist eigentlich der Processus styloideus, welcher die Spindel machet und die Schnecke windet. An dem untern Ende dieser Blase sieht man oft einige Processus spifiosos, welche durch die Wirkung einiger zarten Muskeln hervorgebracht werden. 

Hintenwärts ist diese Blase jederzeit offen, um sich mit dem folgenden Knochen zu verbinden, wie wir bei der Beschreibung sehen werden.

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