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2020-03-25

J.W.v.Goethe: Zur Pflanzenphysiologie-Einleitung






Zur Pflanzenphysiologie-Einleitung

Einleitung

Bekanntes zum Grund gelegt. 
Botanik als Wissenschaft. 
Als Kenntnis der Naturwirkungen. 
Versuch, weiter zu schreiben. 
Ordnung des Linneischen Systems. 
Große Bemühung aller Botaniker, für eine genaue Beschreibung und Kenntnis der Pflanzen das Ihrige zu tun. 
Ein Versuch, alle Pflanzen auf einen Begriff zurückzuführen, vielleicht niemals eher tulich und mehr schädlich als gegenwärtig. 
Vorteile einer solchen Bemühung: 
Für die Wissenschaft. 
Für das System. 
Entschuldigung eines Laien. 

Große Schwierigkeit, den Typus einer ganzen Klasse im allgemeinen festzusetzen, so daß er auf jedes Geschlecht und jede Spezies passe; da die Natur eben nur dadurch ihre genera und species hervorbringen kann, weil der Typus, welcher ihr von der ewigen Notwendigkeit vorgeschrieben ist, ein solcher Proteus ist, daß er einem schärfsten vergleichenden Sinne entwischt und kaum teilweise und doch nur immer gleichsam in Widersprüchen gehascht werden kann. 

Begriff vom Hervorbringen. 
Gewahrwerden der beiden Geschlechter. 
Betrachtung der Frucht, des eigentlichen Kernes. Der Kern enthält das ganze System der Pflanze in sich. 
Betrachtung der Kotyledonen, wo gezeigt wird, daß der Kotyledon nur ein mit Mark erfülltes Pflanzenblatt sei, welches so gut wie die Wurzel in allen seinen Teilen gleich anfangs Feuchtigkeit einzusaugen imstande ist. 
Von dem Wurzelpunkte des ersten Knotens, welches der ist, wo die Kotyledonen festsitzen. Quaeritur, ob der Wurzelpunkt nicht auch als ein w^ahrer Knoten anzusehen sei, aus dem sich in der Folge weitere Fortsätze entwickeln.

Vom Wachstum der Pflanze, der Hervorbringung der folgenden Knoten auf die Seiten und in die Höhe. 

Beweis, daß von Knoten zu Knoten der ganze Kreis der Pflanze im wesentlichen geendigt sei. 

Die übrigen Veränderungen werden Scheinveränderungen genannt. Hier wird aber das doppelte Leben der Pflanze deutlich auseinandergesetzt und gezeigt, daß sie einmal sukzessiv von Knoten zu Knoten ihresgleichen hervorbringt und also mit jedem Schritt ihren Kreis vollendet und wieder anfängt, daß sie andernteils den größeren Kreis vom Samenkorn bis zur Blüte durch mannigfaltige Veränderungen und Umbildungen ihrer sukzessiv hervorkommenden Einheiten vollendet und alsdann durch die Zeugung auf einmal eine Menge ihresgleichen hervorbringe. Man fährt nun fort, den Wachstum oder die Entwickelung von Knoten zu Knoten zu verfolgen, und es wird nun- mehr alle Aufmerksamkeit auf die notwendigen Begleiter der Knoten: auf die Blätter gerichtet. Sie werden jedoch hier nur erst in einem Sinne behandelt, die dem trivialen Begriff zunächst liegt. 

Hier möchte Zeit sein, die Meinung von denen verschiedenen Rinden, dem Holze, dem Mark zu untersuchen und besonders das letzte als Teil einer Pflanze gänzlich zu entfernen, vielmehr zu zeigen, daß es auf keine Weise wesentlich sei, und daß nur eine markige Substanz unter gewissen Umständen gewisse Zellulosegewebe anfülle. 

Hier wird nötig werden, der Einschachtlungs-Hypothese zu schmeicheln, weil wirklich der menschliche Verstand gewisse Phänomene auf eine andere Weise zu begreifen kaum fähig ist, ob ihm gleich eben auch diese Einschachtlung unbegreiflich bleibt. Es ist ein Beispiel besonders von einem Rohrkeim zu geben und dabei wieder auf alle Weise der Epigenese Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, um zu zeigen, wie am Ende immer der Begriff zwischen beiden Hypothesen hineinfallen muß. Im Grunde haben auch beide Hypothesen keinen Einfluß auf unsere Ausführung, indem wir nur die Teile nehmen, wie wir sie gewahr werden, und sie also immer entweder entwickelt oder ausgebildet sind.

Nunmehr werden in verschiedenen Beispielen die Veränderungen der Blätter und der Knoten in Entfernungen durchgegangen. 

(Die Zwiebel- und Bulbengewächse wegen des starken Triebs des Blumenstengels, die Zerealien wegen der Ähren usw.) 

Die einfachsten Pflanzen, welche die Übergänge sehr deutlich machen, hier vorgebracht. Man kann mit großer Leichtigkeit bis an den Kelch gelangen. Doch läßt sich diese Schwierigkeit auch überwinden; der Übergang des Kelches in die Blumenblätter, der Blumenblätter in Staubfäden, läßt sich mit Augen sehen und mit Händen greifen. 

Insbesonders bei der Malve ist die Blumen- und Blätterteilung merkwürdig, wo auch inwendig ein unvollkommnes Stamen entsteht; noch merkwürdiger die vielen männlichen Monadelphischen Büsche bei der gefüllten Malve, welche die Befruchtung des mittlern Weibchens nicht aufhebt. 

Zur Erklärung aber, wie der weibliche Teil sich entwickele, ist ein ganz neuer höchst beschwerlicher und gefährlicher Weg anzutreten, wo man beinah verzweifeln möchte, ob man fähig sei, einen deutlichen Begriff davon mitzuteilen. Hierzu ist kein ander Mittel, als an den Hauptbegriff des Blatts wieder anzuknüpfen, und da wir schon gewohnt sind, solches in so vielerlei Gestalt zu sehen, so haben wir den Trivialbegriff beinah verloren, haben einen transzendenteilen Begriff erreicht, und werden uns also nicht verwundern, solches in einer noch andern Gestalt zu sehen. Allein der ohngeachtet hat der Begriff noch unendliche Schwierigkeiten; und wenn uns filices nicht zu Hülfe kommen, so würden wir verzweifeln müssen, unserer Meinung nur einige Wahrscheinlichkeit zu geben. Demohngeachtet wird es noch immer seine große Schwierigkeiten haben, denn die Filices selbst werden in gewissem Sinne wieder irremachen, und es liegt überhaupt eine solche Unendlichkeit in dieser Vorstellung, daß eine Zeit dazu gehört, um sich daran zu gewöhnen, denn das Palpabelste daran ist vor den gewöhnlichen Sinnen schon schwer zu begreifen; man müßte also zwei Hypothesen gleichsam unabhängig eine für die andre vortragen, wovon eine beinah so schwer zu fassen ist als die andere, und die jedoch, ohne daß sie einander aufheben, einander entgegenzustehn scheinen. Gewöhnt sich erst das Gemüt daran, diese beiden Hypothesen problematisch zu betrachten, gegeneinander abzuwägen, eine mit der andern zu verbinden oder eine durch die andre zu vertreiben, so gewöhnt sich der Geist vielleicht daran, beide auf einmal zu fassen, und man kann alsdann noch weiter gehn, als ich gegenwärtig nicht denken kann. 

1 . Die erste Hypothese wäre, daß nach entwickelten Staubfaden eine fernere Entwicklung des Pflanzenwachstums dergestalt stattfände, daß eine Folge von Knoten, und zwar die innersten und tiefsten Teile derselben, sich nach dem Gesetz, nach welchem sich Kelch und Krone schon geordnet haben, rangierten und ordneten, daß sie mit den letzten Enden ihrer Hüllen die Einflüsse der Staminen auffangen und in den Zustand einer weitern Nahrungsempfänglichkeit gesetzt werden können. Es würde dieses, obgleich mit einiger Schwierigkeit, zum Anschauen gebracht werden können; allein wollte man nun ferner, um 

2. die zweite Hypothese auszuführen, und das Blatt in seinem transzendentellsten Sinne zu zeigen, daß solches nicht allein etwa einen Keim im Busen verberge, sondern deren unzählige in allen seinen Teilen verwahre, wo sie sich, nach der Beschaffenheit des Gebäudes, bald in Reihen, bald in Abteilungen innerlich, bald in Kreisen und Büschen äußerlich zeigen können, so würden uns zwar hier die Filices, besonders die Osmunda, großen Beistand der Behauptung leisten, auch das Arum zu besondern Betrachtungen Anlaß geben, allein man würde doch immer im Felde des Unbegreiflichen und Unaussprechlichen herumwandern; demohngeachtet bin ich überzeugt, daß in diesen beiden Hypothesen und zwischen diesen beiden Hypothesen das ganze Geheimnis der Hervorbringung liegt, welches auf keinem andern Wege näher erbaut werden dürfte. 

Die Lehre von allen gefüllten sowohl als durchgewachsenen Blumen läßt sich leicht und angenehm schon von der ersten Hypothese aus, auf alle Weise durch die erste Hypothese erklären. 

Mir ist für nichts bange als für die zweite Hypothese, welche zwar dem Werke die Krone aufsetzen muß, aber auch gar leicht zur Dornenkrone werden könnte. 

Die größte Schwierigkeit bei der Auslegung dieses Systems besteht darin, daß man etwas als still und feststehend behandeln soll, was in der Natur immer in Bewegung ist; daß man dasjenige auf ein einfaches sichtbares und gleichsam greifbares Gesetz reduzieren soll, was in der Natur sich ewig verändert und sich vor unsern Beobachtungen bald unter diese, bald unter jene Gestalt verbirgt; wenn wir nicht gleichsam a priori uns überzeugen konnten, daß solche Gesetze da sein müßten, so würde es eine Verwegenheit sein, solche aufsuchen und entdecken zu wollen. Allein es muß uns dieses nicht abhalten, vorwärts zu gehn. Es fällt in den ungeübtesten Sinn, eine Pflanze von einem andern Gegenstand der Natur unterscheiden zu können. 

Wenn unzählige ganz verschiedene, widersprechende Gestalten auch dem Unerfahrensten für Blumen gelten, so kann der Forschende noch weniger abgehalten werden, zu untersuchen, worin denn eigentlich die innige Verwandtschaft dieser Wesen bestehe, welches denn eigentlich das strenge Band sei, welches sie zwinge, bei einer so großen Mannigfaltigkeit sich doch untereinander auf das genauste ähnlich zu sein. Es sind hierüber so viel Versuche geschehen, die Wissenschaft ist auf einen so hohen Grad der Ordnung gebracht worden, daß es vielleicht gegenwärtig mehr das Verdienst der Zeit als das Verdienst des Beobachters ist, etwas Tieferes und Zusammenhängenderes zu liefern.

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