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2020-03-03

J.w.v.Goethe:Über die Farbenerscheinungen, die wir bei Gelegenheit .....3. Zweiter Abschnitt




Zweiter Abschnitt

Zur Refraktion müssen sich noch andere Bedingungen hinzugesellen, wenn die Farbenerscheinung stattfinden soll 

22. Wer die in dem vorigen Abschnitt vorgelegten Versuche aufmerksam betrachtet und die daraus natürlich gezogenen Folgen anerkannt hat, wird nunmehr billig die Frage aufwerfen: Auf welchem Wege es uns denn gelingen könne, die Farberscheinung verbunden mit der Refraktion darzustellen, da wir bisher Refraktion ganz rein von aller Farberscheinung gefunden haben? Wir antworten hierauf, daß uns der Zufall dahin führen und daß wir bei genauer Wiederholung der im vorigen Abschnitt angezeigten Versuche, besonders der objektiven, gelegentlich bemerken können, unter welchen Umständen apparente Farben erschienen. So wird man z.B. beim siebenten Versuche § 17, wenn das Glas Knötchen oder Streifen hat, sogleich auf dem unterliegenden Papiere apparente Farben erblicken.

23. Wir werden dadurch auf den Weg geleitet, bei subjektiven Versuchen das Bild zu begrenzen, bei objektiven dem Licht undurchsichtige Hindernisse in den Weg zu setzen. Daraus entstehen nachfolgende Versuche, welche abermals in subjektive und objektive zerfallen. Ich werde jede Art abermals allein behandeln, doch beide in gleicher Ordnung und Folge, so daß sie zuletzt bequem gegeneinander gehalten und miteinander verglichen werden können.

Subjektive Versuche 

Erstes Kapitel 

Unter welchen Bedingungen die Farbenerscheinung sichtbar wird

 Zehnter Versuch (Fig. 10) 

24. Wir legen in das oben beschriebene Gefäß mit Wasser ein schwarz angestrichnes Blech, in dessen Mitte eine zirkelrunde weiße Fläche im Durchschnitt ungefähr einige Zoll gemalt ist, wir richten unser Auge so viel als möglich senkrecht auf den Mittelpunkt der Fläche, und wir werden keine Farbenerscheinung erblicken.

Eilfter Versuch 

25. Wir bewegen uns dergestalt von dem Gefäße hinweg, daß wir in einer schiefen Richtung nach der Fläche sehen, so erblicken wir bald eine Farbenerscheinung, und zwar so, daß der nächste Rand der weißen Fläche uns gelb und gelbrot erscheint, der entgegengesetzte Rand aber mit einer blauen Farbe eingefaßt ist.

26. Wir erkennen also hier sogleich zwei notwendige Bedingungen, welche zur Refraktion hinzukommen müssen, um eine Farbenerscheinung hervorzubringen.

1. Begrenzung des Bildes, (a)
2. Bestimmte Richtung des Auges gegen die Grenze des Bildes, (b)

27 . Wir gehen nun weiter und bemerken zuerst, daß, wie wir uns um das Gefäß herum bewegen, die Farbe uns beständig nachfolgt, daß der uns nächste Rand der gelbe, der entgegengesetzte der blaue ist.

Zwölfter Versuch (Fig. 12) 

28. Verändern wir den Versuch dergestalt, daß wir eine schwarze Kreisfläche auf weißem Grunde unter Wasser beschauen, so finden wir, daß sich die Farbenerscheinung nicht nach der Nähe und Entfernung des Randes richte, sondern nach dem Verhältnisse der schwarzen oder weißen Fläche zu unserm Auge.

29. Denn wenn uns das Schwarze zunächst und das Weiße hinter ihm liegt, sehen wir jederzeit einen gelben Rand; der Rand hingegen am Schwarzen, wenn das Weiße uns zunächst liegt, erscheint uns immer blau, und auch diese Erscheinung folgt uns, wenn wir um das Gefäß herumgehen.

Dreizehnter Versuch (Fig. 13) 

30. Um diesen Versuch zu vermannigfaltigen, machen wir uns nunmehr zum Mittelpunkte und bewegen das Gefäß um uns herum, anstatt daß wir uns bisher um das Gefäß bewegt haben. Die Erfahrung bleibt sich gleich, zeigt sich aber reiner in bezug auf den Beobachter, und wir werden zu dem einfachsten aller Versuche geführt, uns in die Mitte einer schwarzen oder weißen runden Fläche zu stellen, die mit dem Gegensatze begrenzt ist, ein brechendes Mittel zwischen die Fläche und unser Auge zu bringen und die oben angezeigten Versuche nunmehr im ganzen zu sehen. In einem großen reinen Gartenbassin, dessen Boden man mit Ölfarbe anstreicht, läßt sich dieser Versuch am schönsten darstellen, (c)

Vierzehnter Versuch (Fig. 14) 

31 . Er läßt sich aber auch, jedoch unvollkommen, im klei- nen denken, wenn wir nämlich einen größeren weißen Kreis, z. B. von zwei Fußen, auf schwarzem Grunde in ein Gefäß mit Wasser bringen, unser Auge perpendikular auf den Mittelpunkt des Kreises richten und dasselbe dem Wasser so lange nähern, bis wir die Farbenerscheinung nach obiger Ordnung erblicken, (d)

32. Man sieht leicht, daß alle diese Versuche im Grunde nur Variationen eines einzigen sind; allein es wird bei dieser Abhandlung die Vollständigkeit keineswegs gleichgültig: denn nur jetzt, nach der mannigfaltigen Anwendung dieser Erfahrungen, dürfen wir Folgendes aussprechen: In unserm Auge liegt das Gesetz, bei Gelegenheit der Refraktion an dem Rande einer schwarzen Fläche auf weißem Grunde, in deren Mittelpunkte wir stehen, einen gelben Rand, an dem Rande einer weißen Fläche auf schwarzem Grunde einen blauen Rand zu sehen, vorausgesetzt, daß dieser Rand unter einem gewissen Winkel gesehen wird.

33. Diese Erscheinung, welche wir bisher nur bei einer einfachen Refraktion bemerkt haben, verändert sich auch nicht bei der doppelten, vorausgesetzt, daß das Mittel parallel bleibt.

Fünfzehnter Versuch (Fig. 15) 

Man bringe die oben gebrauchte Tafel unter ein durchsichtiges paralleles Mittel, richte das Auge schief gegen das Gefäß, um jene Erscheinung entstehen zu sehen, sie wird dieselbe sein, welche wir oben erblickten, man kann um das Gefäß herumgehen, und sie wird sich gleichmäßig verhalten. 34. Wir gehen, nachdem wir durch diese einfachen Versuche ein subjektives Gesetz des Auges mit seinen Bestimmungen festgesetzt, zu Mitteln über, welche nicht parallel sind, und bemerken auch durch solche die Erscheinung.

Sechzehnter Versuch (Fig. 16) 

35. Nehmen wir ein konvexes Glas vors Auge und sehen damit auf ein weißes Papier, so werden wir keine Farbenerscheinung erblicken, wenn das Papier ganz glatt und eben ist; an dem Rande hingegen eines jeden dunkeln Fleckens wird uns sogleich die Farbenerscheinung begegnen.

Siebzehnter Versuch (Fig. 16) 

36. Man nehme eine weiße Karte, worauf ein proportionierter schwarzer Kreis, ein solcher nämlich, der durch das Vergrößerungsglas auf einmal übersehen werden kann, gemalt ist, man betrachte selbigen durch das Glas, und er wird, sobald er uns deutlich vergrößert erscheint, mit einem schönen gelb- und gelbroten Rande eingefaßt sein.

Achtzehnter Versuch (Fig. 18) 

37 . Ingleichen wird ein weißer Kreis auf schwarzem Grunde unter diesen Umständen blau eingefaßt erscheinen.

38. Man kann also sagen, daß das Auge durch ein Vergrößerungsglas die Farbenerscheinung nach eben dem Gesetze wie durch parallele Mittel erblickt. (§31.)

Neunzehnter Versuch (Fig. 19) 

39. Nimmt man dagegen ein konkaves Glas und betrachtet jene Karten dadurch, so wird die Erscheinung umgekehrt sein, der weiße Kreis ist gelb, der schwarze blau eingefaßt.

40. Wir sehen aus diesen Erfahrungen, daß die Erscheinung der Farben sich immer in einem Gegensatze zeigt, daß sie sehr beweglich ist, ja daß sie völlig umgewendet werden kann. Wir fragen jetzt noch nicht nach nähern Ursachen, ob wir gleichwohl künftig, wenn wir alle Erscheinungen vor uns haben und die Berechnung uns zur Hülfe kommt, erwünschte Aufschlüsse hoffen dürfen.

41. Wir schreiten nun zu denen vorzüglich so genannten prismatischen Erfahrungen und Versuchen, welche mit denen erst erzählten völlig übereinstimmend sind.

42. [Fig. 20.) Man kann ein Prisma als ein Stück einer konkaven oder konvexen Linse ansehen, und wir werden also durch die Prismen nur diejenigen Erscheinungen sehen, die uns schon bekannt sind, nur müssen wir uns, wenn wir ein Prisma vor die Augen nehmen, in die Mitte einer großen auf die Erde gemalten schwarzen oder weißen Fläche denken, und alsdann werden wir uns die Identität der prismatischen Versuche mit denjenigen, welche wir schon kennen, leicht anschaulich machen.

43. Es ist nötig, daß man diese ersten Versuche durch spitzwinklichte Prismen anstelle, welche kein Beobachter künftig entbehren kann, wenn er meiner vorzutragenden Lehre mit Überzeugung beitreten oder sie mit Gewicht bestreiten will.

Zwanzigster Versuch (Fig. 21) 

Man stelle sich also in die Mitte einer runden schwarzen Fläche, die auf der Erde gemalt und von Weiß begrenzt ist (e), und nehme das spitzwinklichte Prisma dergestalt vor die Augen, daß der spitze Winkel nach außen zugekehrt ist, so wird der schwarze Kreis gelb umgrenzt er- scheinen, und zwar deswegen, weil er nach dem Gesetz des konvexen Glases erscheint: denn indem die Schärfe des Prismas nach außen gewendet ist, so sieht mein Auge die Farben eben so, als wenn ich in der Mitte einer Ungeheuern Linse stehen könnte und durch den Rand derselben die Grenze des Schwarzen und Weißen anschaute. Stelle ich mich in die Mitte eines weißen Zirkels, so seh ich den mit Schwarz abwechselnden Rand als denn nach den Gesetzen blau gefärbt. Einundzwanzigster Versuch. (Fig. 22.)

Zweiundzwanzigster Versuch (Fig. 23) 

45. Wende ich nun mein spitzwinkliges Prisma nach innen und stelle mich wieder in den Mittelpunkt des schwarzen oder weißen Kreises, so werde ich die Erscheinung nach den Gesetzen des konkaven Glases sehen: denn es ist nunmehr eben der Fall, als wenn ich in der Mitte eines Ungeheuern konkaven Glases stehen könnte und die Grenzen der Kreisbilder durch den Rand desselben beschaute.

(Dreiundzwanzigster Versuch. (Fig. 24)

46. Hiermit wären nun die subjektiven Versuche, die uns bei Gelegenheit der Refraktion Farbenerscheinungen zeigen, so sehr simplifiziert und untereinander verbunden, als es mir vorerst möglich scheinen wollte. Wie notwendig diese Methode sei, wird demjenigen am besten einleuchten, der einsieht, daß man sich nicht eher an die Erklärung eines Phänomens wagen dürfe, bis man solches auf seine einfachsten Elemente zurückgeführt hat.

Vierundzwanzigster Versuch (Fig.25) 

47. Wir können nunmehr nicht irre werden, wenn wir künftighin schwarz und weiße Tafeln an der Wand aufhängen: denn wir dürfen den schwarzen Kreis, in dem wir stehen, nur in Gedanken in eine ausgehöhlte Halbkugel verwandeln und supponieren, daß dieselbe weiß eingefaßt sei, so werden wir zwischen Schwarz und Weiß durchs Prisma den farbigen Rand nach obigen Gesetzen so gut in der Höhe als vorher auf dem Boden erblicken.

48. So sind also folgende Ausdrücke synonym:

Schwarz unten
 —,, oben.
Weiß unten
 —,, oben.
Der brechende
gegen den Winkel
des Beobachter zu.
Prisma nach unten.
Derselbe  nach oben.

nach innen
nach außen.
nach innen
nach außen.
Von dem
Beobachter ab.

49. Die Zweckmäßigkeit und Konsequenz des bisherigen Vortrags wird hoffentlich allen Liebhabern einleuchten, welche die nötigen Werkzeuge zur Hand nehmen und die Versuche genau wiederholen wollen. Sie werden sich mit mir über folgende übereinstimmende Erfahrungen vereinigen:

1. Die Farbenerscheinung läßt sich nur an Rändern sehen; auf den Flächen, sie seien schwarz oder weiß, sehen wir nicht die mindeste apparente Farbe, sondern sie erscheinen uns nach der Refraktion wie vorher.

2. Der eine Rand erscheint jederzeit gelb und gelbrot, der andere blau.

3. Wir bemerken an dem gelben Rand, daß das Gelbe nach dem Weißen zu und das Gelbrote nach dem Schwarzen zu strahlt. An dem blauen Rande bemerken wir bei den ersten Versuchen nur ein reines Blau, das nach dem Weißen strahlt, die letzteren Versuche durch die Prismen aber, bei welchen die Erscheinung sich stärker zeigt, zeigen uns mit den übrigen Farben ein Violett, das nach dem Schwarzen strahlt.




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