> Gedichte und Zitate für alle: J.w.v.Goethe:Über die Farbenerscheinungen, die wir bei Gelegenheit .....2. Erster Abschnitt

2020-03-03

J.w.v.Goethe:Über die Farbenerscheinungen, die wir bei Gelegenheit .....2. Erster Abschnitt






Erster Abschnitt

Refraktion an und für sich selbst bringt keine Farbenerscheinung hervor

Subjektive Versuche

Erster Versuch (Fig. 1)

9. Man nehme ein Gefäß, das breiter als hoch ist, und stelle es vor sich in die Hellung des Tageslichts, und die innern Flächen desselben werden uns ihre eigne Farbe zeigen; es sei das Gefäß holzfarb, man streiche es weiß, schwarz, gelb oder blau an, so wird man, wie bei jedem andern Körper, den Anstrich der Oberfläche rein erkennen. Man gieße hierauf reines Wasser hinein; der Boden wird uns nach den Gesetzen der Refraktion erhöht, die Wände so viel verkürzt erscheinen. Man schaue durch das Wasser von allen Seiten, und es wird keine apparente Farbe in dem Gefäße erscheinen. Die Oberfläche des Bodens und der Wände wird uns ihren Anstrich wie vorher sehen lassen, obgleich die Refraktion schon vollkommen wirket und uns alle Stellen des Gefäßes an einem andern Platze zeigt.

Zweiter Versuch (Fig. 2) 

10. Man halte sodann das Gefäß schief, so daß der Boden mit dem Horizonte einen spitzen Winkel macht. Man stelle sich auf die Seite des spitzen Winkels, sehe abermals durch das Wasser in das Gefäß, man wird ebensowenig apparente Farben und nur die Farbe des Gefäßes wie vorher erblicken.

Dritter Versuch (Fig. 3) 

11. Man gehe um das Gefäß herum und stelle sich auf die Seite, wo das brechende Mittel am dicksten ist, auch da wird man keine Farbenerscheinungen sehen und in diesen drei Fällen völlig gleiche Erfahrungen machen.

Vierter Versuch (Fig. 4) 

12. Man nehme hierauf ein Gefäß mit einem Glasboden, richte es dergestalt, daß der Boden mit der Wasserwage parallel sei, und stelle es erhöht über ein weißes Papier; man sehe nun durch das Mittel auf das weiße Papier, man lege statt desselben ein schwarzes oder ein farbiges hin, und man wird niemals apparente Farben sehen, ob man gleich die Fläche und ihre Teile nach dem Gesetz der Refraktion an einem ganz andern Orte erblickt, als wo sie sich wirklich befindet.

Fünfter Versuch (Fig. 5) 

13. Man hebe nun die eine Seite des Bodens dergestalt in die Höhe, daß der Glasboden einen spitzen Winkel mit der Wasserwage macht, stelle sich an die Seite des Winkels und schaue dadurch auf die weiße oder farbige Fläche. Auch in diesem Falle zeigen sie sich vor wie nach, und keine apparente Farben erscheinen.

Sechster Versuch (Fig. 6) 

14. Man gehe nun abermals um das Gefäß herum, so daß man auf der dicken Seite des Mittels stehe, und dieser Versuch wird den vorigen gleich sein.

15. Wir sprechen also das Resultat dieser Erfahrungen dergestalt aus: Das Auge sieht durch ein brechendes Mittel es mag dasselbe parallel oder im Winkel sein, es mag die Brechung einfach oder doppelt geschehen, auf jeder Fläche, die nur mit einem reinen, gleichen Pigmente angestrichen ist, oder, welches ebensoviel heißt, auf allen Flächen von einer gleichen Schattierung oder Farbe, keine apparente Farben, sondern die Fläche und ihre Teile erscheinen uns, obgleich durch die Refraktion an einem andern Orte, doch völlig unverändert, als wenn wir sie durch kein Mittel sähen; es müßte denn sein, daß sie etwas dunkler oder trüber erschienen.

Objektive Versuche 

16. Daß man den drei ersten subjektiven Versuchen keine objektiven an die Seite setzen könne, folgt aus ihrer Natur, indem das brechende Mittel unmittelbar den Boden und die Wände berührt und also immer zwischen dem Auge und dem Gegenstande bleibt; den drei letztern Versuchen aber können wir folgende objektive an die Seite setzen.

Siebenter Versuch (Fig.7) 

17. Man richte und stelle das Gefäß, wie in dem vierten Versuche, den gläsernen Boden mit der Wage des Wassers parallel und lasse die Sonnenstrahlen frei durch dasselbe auf eine weiße oder gefärbte Fläche fallen; auch da wird das Auge, das nunmehr unmittelbar auf die Fläche sieht, dieselbe erhellt sehen, aber darauf keine apparente Farben erblicken.

Achter Versuch (Fig. 8) 

18. Ebenso wird es geschehen, wenn wir das Gefäß, wie bei dem fünften Versuche, zu einem spitzwinkligen Mittel umändern und diesen Winkel gegen die Sonne kehren.

Neunter Versuch (Fig.9) 

19. Gleichfalls wenn wir die starke Seite des Mittels gegen die Sonne richten, wird das Auge des Beobachters auf der Fläche, sie mag eine Farbe haben welche sie will, das Sonnenlicht zwar von seinem Wege abgelenkt, doch unverändert und farblos erblicken.

20. Aus diesen objektiven Versuchen ziehen wir folgendes Resultat: Das Sonnenlicht kann durch ein brechendes Mittel hindurchscheinen, es kann darin gebrochen, von seinem Wege abgelenkt werden, und es bleibt demohngeachtet bei der stärksten wie bei der geringsten Ablenkung noch farblos wie vor seinem Eintritte.

21. Halten wir nun diese Resultate der objektiven Erfahrungen mit jenen zusammen, welche wir aus den subjektiven (§ 15) gezogen, so dürfen wir wohl ohne Anstand als Axiom festsetzen: Refraktion an und für sich bringt keine Farbenerscheinung hervor.




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