> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Versuch, die Elemente der Farbenlehre zu entdecken-Übergang zur Streitfrage (3)

2020-05-03

J.W.v.Goethe: Versuch, die Elemente der Farbenlehre zu entdecken-Übergang zur Streitfrage (3)




Übergang zur Streitfrage 

36. Hier könnten wir die gegenwärtige Abhandlung schließen, weil uns nichts übrig zu sein scheint, was in der Reihe dieser Darstellungen noch weiter abginge, wenn uns nicht die Frage aufgeworfen werden könnte: woher denn nur die Idee, ein weißes Pigment aus farbigen Pigmenten zusammenzusetzen, ihren Ursprung genommen habe? Wir geben davon folgende Rechenschaft.

37. Newton glaubte aus den farbigen Phänomenen, welche wir bei der Refraktion unter gewissen Bedingungen gewahr werden, folgern zu müssen, daß das farblose Licht aus mehreren farbigen Lichtern zusammengesetzt sei; er glaubte es beweisen zu können. Seinem Scharfsinn blieb nicht verborgen, daß, wenn dieses wahr sei, auch wahr sein müsse, daß Weiß aus farbigen Pigmenten zusammengesetzt werden könnte. Er sagt daher: ''Die weiße und alle graue Farben zwischen Weiß und Schwarz können aus Farben zusammengesetzt werdend

38. Wer meiner obigen Ausführung mit Aufmerksamkeit gefolgt ist, wird sogleich einsehen, daß diese Proposition nicht rein und richtig ausgesprochen ist. Denn es ist zwar der Erfahrung gemäß, es kann durch viele Versuche dargestellt werden, daß aus Vermischung aller Farben ein Grau hervorgebracht werden könne. Es ist auch nichts natürlicher, als daß es von uns abhänge, dieses Grau so hell zu machen, als es uns behebt. Allein es folgt aus dem Begriff des Grauen selbst, daß Grau niemals Weiß werden, daß Grau nicht mit dem Weißen auf diese Art verglichen werden könne. Analysiert man jene Proposition, so heißt sie: Das Weiße in seinem ganz reinen Zustande, sowie im Zustande, wenn es mit Schwarz gemischt ist, kann aus allen Farben zusammengesetzt werden. Das letzte leugnet niemand, das erste ist unmöglich. Wir wollen nun sehen, was sein Experiment beweist.

39. Ehe Newton dasselbe vorträgt, präludiert er schon: daß alle farbige Pulver einen großen Teil des Lichtes, von dem sie erleuchtet werden, in sich schlucken und auslöschen, er gibt davon eine Ursache an, die er aus prismatischen Versuchen herleitet. Was er daraus folgert, setze ich mit seinen eigenen Worten hierher. "Deswegen ist nicht zu erwarten, daß aus der Vermischung solcher Pulver eine helle und leuchtende Weiße entstehen könne, wie die Weiße des Papiers ist, sondern eine dunkle und trübe Weiße wie aus der Vermischung des Lichts und der Finsternis oder aus Schwarz und Weiß entstehen mag: nämlich eine graue oder dunkle Mittelfarbe wie die Farbe der Nägel, der Asche, der Steine, des Mörtels, des Kotes und dergleichen, und eine solche weißlich-dunkle Farbe habe ich aus farbigen untereinander gemischten Pulvern öfters hervorgebracht."

40. Man sieht aus diesen Worten ganz deutlich, daß er nichts anders beweist, als was wir schon zugegeben haben, daß nämlich Grau aus Mischung aller Farben entstehen könne. Denn wer sieht nicht, daß das Wort Weiß hier ganz willkürlich gebraucht wird und eigentlich ganz unnütz und überflüssig dasteht. Ja, ich darf kühnlich fragen, welchem Beobachter und Theoristen unsrer Zeit man erlauben würde zu sagen: weiß wie Asche, Mörtel und Kot.

41. Ich übergehe daher die Erzählung, wie Newton aus Mennige, Grünspan, Bergblau und Karmin ein Kotweiß zusammengemischt hat. Ich bemerke nur: daß die meisten dieser Pigmente, besonders trocken gerieben, eine grauliche mehlige Eigenschaft an sich haben. Jeder, der Lust hat, dergleichen Pigmente durcheinander zu reiben, wird es gar leicht dahinbringen, sich ein Pulver zu verschaffen, das er mit der Asche vergleichen kann.

42. Da er nun also bis dahin nur den einen Teil seiner Proposition bewiesen, daß nämlich Grau aus allen Farben zusammengesetzt werden könne, welches aber in der Reihe seiner Demonstration von keiner Bedeutung, von keinem Gewicht gewesen wäre, so muß er, da er Weiß nicht aus den Farben zusammensetzen kann, wenigstens das zusammengesetzte Grau weiß zu machen suchen. Dieses zu erreichen nimmt er folgende Wendung. "Es können auch", fährt er fort, "diese dunklen oder graulichen Mittelfarben (hier ist das Wort weiß weggelassen, da es doch in der Proposition steht, auch bisher immer gebraucht worden; allein der Widerspruch wäre zu offenbar) aus Weiß und Schwarz in verschiedenen Mischungen hervorgebracht werden, und folglich sind sie von den wirklichen weißen nicht der Art der Farbe nach, sondern nur im Grade der Hellung verschieden, und damit sie gänzlich weiß werden, wird nichts weiter erfordert, als daß ihr Licht vermehrt werde. Wenn nun also diese Farben nur durch Vermehrung des Lichts zu einer vollkommenen Weiße gebracht werden können, so folgt daraus, daß sie von derselben Art seien wie die besten Weißen und von ihnen in nichts unterschieden sind als bloß in der Menge des Lichts."

43. Ich rufe eine unparteiische Kritik zur Beurteilung dieser Wendung auf, hier ist Newton selbst genötiget, Schwarz und Weiß als zwei entgegengesetzte Körper anzunehmen. Aus diesen mischt er ein Grau zusammen, und dieses Grau will er wieder nur durch ein verstärktes Licht zu Weiß machen. Wird er denn jemals auch durch das verstärkteste Licht das Weiße, z. B. die Kreide, wieder so weiß machen als sie war, ehe sie mit dem Schwarzen, z. B. mit der Kohle, gemischt war, und fällt das Falsche dieser Behauptung nicht gleich in die Augen, sobald das Grau aus mehr Schwarz als Weiß gemischt ist? Wir wollen nun sehen, wie er auch diese Assertion zu beweisen gedenkt.

44. Er nimmt ein hellgraues Pulver und legt es in die Sonne, legt nicht weit davon ein weißes Papier in den Schatten, vergleicht beide miteinander, und da, besonders wenn man sie von ferne betrachtet, beide einen gleichen Eindruck auf das Auge machen, so folgert er daraus, das graue Pulver sei nun durch das vermehrte Licht weiß geworden. Auch hier wird man ohne scharfsinnige Untersuchung leicht bemerken, daß das hellgraue Pulver nicht dadurch weiß geworden, daß man es dem Sonnenlichte ausgesetzt, sondern daß das weiße Papier grau geworden weil man es in den Schatten gelegt, und daß man also hier eigentlich nur Grau und Grau vergleiche. Ich habe oben jederzeit bemerkt und drauf bestanden, daß farbige und farblose Körper, wenn man sie in Absicht auf Hell und Dunkel vergleichen will, beide einem gleichen Grade von Hellung ausgesetzt werden müssen. Und folgt nicht dieses aus der Natur der Vergleichung selbst? ja wo würde jemals etwas vergleichbar oder meßbar sein, wenn man so verfahren wollte: Wenn ein Mann sich gegen ein Kind bückt oder das Kind auf den Tisch hebt, wird nun gesagt werden können: eins sei so groß als das andrer Heißt das messen, wenn man die Kriterien des Unterschieds gegeneinander aufhebt?

45. Ich artikuliere also hier wiederholt, daß die Newtonische Proposition falsch und kaptiös gestellt, auch von ihm keinesweges durch Experimente erwiesen worden, ja daß vielmehr seine Experimente sowohl als seine dürren Worte beweisen: daß aus farbigen Pigmenten ebenso wie aus Weiß und Schwarz nur ein Grau zusammengesetzt werden könne, das mit dem reinen Weißen, wie es uns sehr viele Körper darstellen, unter einerlei Hellung verglichen, jeder Zeit dunkler als dasselbe erscheint, wie es unter eben dieser Bedingung gegen Schwarz jederzeit heller erscheinen muß. Es gründet sich diese Behauptung auf die Begriffe der Dinge selbst, mit denen wir umgehen, auf mehrere übereinstimmende Erfahrungen. Sie fließt aus einem, wie mir dünkt, ganz natürlichen Räsonnement her, und mir bleibt weiter nichts übrig, als sie einer scharfen Prüfung zu überlassen.



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