> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: VORARBEITEN ZU EINER PHYSIOLOGIE DER PFLANZEN (bio)

2020-05-04

J.W.v.Goethe: VORARBEITEN ZU EINER PHYSIOLOGIE DER PFLANZEN (bio)




VORARBEITEN ZU EINER PHYSIOLOGIE DER PFLANZEN 

BEGRIFFE EINER PHYSIOLOGIE

[Etwa um 1795]

Die Metamorphose der Pflanzen, der Grund einer Physiologie derselben. 

Sie zeigt uns die Gesetze, wornach die Pflanzen gebildet werden. Sie macht uns auf ein doppeltes Gesetz aufmerksam: 

1. Auf das Gesetz der Innern Natur, wodurch die Pflanzen konstituiert werden. 

2. Auf das Gesetz der äußern Umstände, wodurch die Pflanzen modifiziert werden. 

Die botanische Wissenschaft macht uns die mannigfaltige Bildung der Pflanze und ihrer Teile von einer Seite bekannt, und von der andern Seite sucht sie die Gesetze dieser Bildung auf. 

Wenn nun die Bemühungen, die große Menge der Pflanzen in ein System zu ordnen, nur dann den höchsten Grad des Beifalls verdienen, wenn sie notwendig sind, die unveränderlichsten Teile von den mehr oder weniger zufälligen und veränderlichen absondern und dadurch die nächste Verwandtschaft der verschiedenen Geschlechter immer mehr und mehr ins Licht setzen: so sind die Bemühungen gewiß auch lobenswert, welche das Gesetz zu erkennen trachten, wornach jene Bildungen hervorgebracht werden; und wenn es gleich scheint, daß die menschliche Natur weder die unendliche Mannigfaltigkeit der Organisation fassen, noch das Gesetz, wornach sie wirkt, deutlich begreifen kann, so ists doch schön, alle Kräfte aufzubieten und von beiden Seiten, sowohl durch Erfahrung als durch Nachdenken, dieses Feld zu erweitern. 

Wir haben gesehen, daß sich die Pflanzen auf verschiedene Art fortpflanzen, welche Arten als Modifikationen einer einzigen Art anzusehen sind. Die Fortpflanzung wie die Fortsetzung, welche durch die Entwicklung eines Organs aus dem andern geschieht, hat uns hauptsächlich in der Metamorphose beschäftigt. Wir haben gesehen, daß diese Organe, welche selbst von äußerer Gleichheit bis zur größten Unähnlichkeit sich verändern, innerlich eine virtuelle Gleichheit haben. 

Wir haben gesehen, daß diese sprossende Fortsetzung bei den vollkommenen Pflanzen nicht ins Unendliche fortgehen kann, sondern daß sie stufenweis zum Gipfel führt und gleichsam am entgegengesetzten Ende seiner Kraft eine andere Art der Fortpflanzung, durch Samen hervorbringt.

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