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2020-06-11

Anastasius Gruen-Spaziergänge eines Wiener Poeten: Warum? (15)



Anastasius Gruen Gedichte


Warum?

Seht, sie haben an das Rathaus aufgeklebt ein neu Edikt,
Drauf aus den geschlungenen Lettern noch manch andre Schlinge blickt;
Ein possirlich kleines Männlein liest's und hält sich still und stumm,
Unterfängt sich nicht zu murren, leise frägt es nur: Warum?

Auf der Kanzel stöhnt, wie Eulen, wimmernd gegen Sonnenlicht,
Hier ein Mönch, an dem die Kutte wohl das einz'ge Dunkle nicht,
Dort ein Abt, an dem der Krummstab wohl nicht Alles ist, was krumm;
Stets gelassen hört's der Kleine, lispelnd leise nur: Warum?

Wenn mit Hellebard' und Spießen sie auf Spatzen rücken aus,
Wenn sie lichtscheu ohne Fenster aufgebaut ihr neues Haus,
Wenn das Schwert, das sie befreite, sie zu Fesseln schmieden um,
Sieht er's ruhig und gelassen, fragt nur still vor sich: Warum?

Wenn sie mit Kanonen schießen auf die Lerche, leichtbeschwingt,
Die, wie ein Gebet der Freiheit, singend durch die Wolken dringt,
Wenn den Dichtergaul am Markte sie beim Schwanze zäumen um,
Will er drob sogar nicht lachen, sondern seufzet nur: Warum?

Auf der Sprache garbenreichem unermeßnem Erntefeld
Hat ein einz'ges goldnes Körnlein er sich liebend auserwählt;
Und aus ihrem reichen Meere, rauschend laut um ihn herum,
Fischt' er eine einz'ge Perle, nur das Männerwort: Warum?

Doch der weise Rath bescheidet streng vor sich den Mann und spricht:
»Eurer frevelhaften Frage ziemt, fürwahr, die Antwort nicht!
Unser Thun, es sei dem Volke ein verschloßnes Heiligthum!«
Ruhig hört den Spruch das Männlein, nur bescheiden fragt's: Warum?

Wüthend springen All' vom Sessel, daß der Rathstisch taumelt drein!
In Arrest bei Brod und Wasser zieh'n sie den Rebellen ein,
Lassen in den Bock ihn spannen, und in Eisen schließen krumm:
Doch er duldet's still gelassen, spricht kein Wörtlein, als: Warum?

Morgens muß er geh'n zur Beichte, dann aufs Feld im Karren fort!
Schützen steh'n in Reih' und Gliede, laden stumm die Flinten dort;
Feuer! ruft's, die Röhre krachen! Blutig sinkt der Frevler um,
Doch von bleichen Lippen schaurig stöhnt es röchelnd noch: Warum?

Ueber seine Leichengrube wälzen sie noch einen Stein,
Dann zum feierlichen Hochamt eilen sie zum Dom hinein,
Brünstig danken sie dem Himmel, daß der Schreier endlich stumm,
Doch bei Nacht auf seinen Grabstein schrieb ein Schalk das Wort: Warum?

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