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2020-06-13

Anastasius Gruen-Spaziergänge eines Wiener Poeten: Maria Theresia (22)



Anastasius Gruen Gedichte


Maria Theresia

Weiße Rosse, ungeduldig, stampfen vor dem Kaiserschloß,
Unten harrt die Staatskarosse und der Diener goldner Troß;
Oben in der Burg Gemächern weilt die junge Kaiserin,
Festlich zu dem Kirchenzuge schmückend sich mit bangem Sinn.

»Mädchen, gib mir an den Busen jenes Kreuz rubinenroth,
Daß mein Auge sich gewöhne oft zu schauen Kreuz und Noth!
Flecht' ins Haar mir jene Perlen, daß sie meinen Blicken fern,
Denn an meines Volkes Thränen mahnen sie mich allzugern!

Lege mir an Brust und Nacken Diamant und Edelstein,
Daß doch etwas an dem Busen sei, nach Fürstenart, von Stein!
Reiche mir den Ring der Liebe, daß sein goldnes festes Band
Vor des schweren Zepters Schwielen schütze meine zarte Hand!

Drücke meiner Ahnen Krone gut mir in das weiche Haar!
Ach, nicht fest auf jenem Haupte ruht ihr goldner Reif, fürwahr,
Wo die weiche seidne Locke um den Rang mit ihr noch kriegt,
Und vielleicht in solchem Kampfe wunderbar der Kron' obsiegt!

Hefte fest den Purpurmantel! Wie erträgt das schwache Weib
Seine Last, die Heldenmännern niederbog den kräft'gen Leib?
Pagen, faßt die goldne Schleppe! Wohl bedarf ich ja der Hand,
Die mir liebreich tragen helfe meines Purpurs schwer Gewand.

Reicht mir einen blanken Spiegel! – Doch im Glase aufgeglüht
Winkt ein Frühling, der voll Lilien, voll von süßen Rosen blüht!
Ach, der Lenz, der waffenlose, mild und lächelnd ist zu sehn,
Wo ein Fels im Morgenrothe majestätisch sollte stehn!

Denn ihr finstres ernstes Antlitz schüttelt meine Zeit voll Schmerz!
Ihren Unmuth zu besiegen frommte eine Hand von Erz!
Doch ich kann die finstren Locken und des Grames Faltenspur
Ihr mit weicher Hand gelinde streicheln aus dem Antlitz nur!«

Und es sank ihr auf den Busen eine Thräne hell und licht,
Aber unter den Demanten da bemerkte man sie nicht!
Sie doch sah den feuchten Demant auf dem dürftigen Gewand
Jenes armen Manns, der bettelnd an der Kirchenpforte stand.

Tief bewußt der eignen Ohnmacht wallt das schwache schöne Weib,
Aber sieh, die Kraft der Männer beugt vor ihr den stolzen Leib!
O wie hoch für solche Schwäche der Begeist'rung Banner braust,
Doppelt scharf die Schwerter blitzen, doppelt kräftig jede Faust!

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