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2020-06-22

Gedichte von Karoline Stahl: Der Fuchs und seine Brüder (3)

Karoline Stahl



Der Fuchs und seine Brüder

Einst schlich im Mondschein Meister Fuchs
Sich hin zum Hühnerhause,
Und lauschte, schärfer als ein Luchs,
Nach einem leckern Schmause,
Kühn dringt er durch die schlechte Thür',
Daß sie ihn zu den Hühnern führ'.

Und es gelingt ihm auch sogleich,
Ein Hühnchen zu erhaschen.
So zart, so jung und weis und weich.
Er eilt davon zu naschen,
Und speißt mit solchem Appetit,
Daß er nichts weiter hört noch sieht.

Der Bauer merkt den fremden Gast
In seinem Hühnerhause,
Und ruft die Hunde, die ihn fast
Zerrissen, bei dem Schmause.
Mit großer Noth er noch entwich,
Doch ließ er seinen Schwanz im Stich.

Wie nekten seine Brüder ihn,
Daß seine Zier verschwunden,
Und daß er sie, nur zu entfliehn,
Feig' überließ den Hunden;
Bis endlich es den Fuchs verdroß,
Daß sich so reich ihr Spott ergoß.

»Laßts gut seyn. – Nur das ärgert mich,
Daß ich mit meinem Schwanze,
Als ich mit großer Noth entwich,
Gequetscht, wie eine Wanze,
Zugleich mein Fischernetz verlor.
Ein Unglück bringt noch eins hervor.«

Die Füchse horchen hocherfreut:
»Was sprichst du da von Fischen?
Und von dem Netze, das dich reut,
Daß dir sie kann erwischen?
Erkläre deutlicher, dich Freund,
Was hast du eigentlich gemeint?«

Und Meister Fuchs, mit trüben Blick,
Läßt erst sich lange bitten;
Spricht viel von seinem Mißgeschick,
Und dem was er gelitten.
Fängt seine Rede an vom Ey,
Und spät erst kömmt das Ziel herbei.

»Die Probe machen wir sogleich,
Kommt, ohne Zeitverlieren,
Eh noch gefroren dort der Teich;
Ihr könnt es ja probieren.
Setzt euch ans Ufer reihenweis,
Ich ordne alles schon mit Fleiß.

Nun, so ists recht. – Die Schwänze laßt
Hinab ins Wasser fallen:
Die Fische kommen dann in Hast
Geschwommen zu euch Allen,
Und hängen sich am Schwanze an,
Daß man ihn nicht mehr regen kann.

Doch ist es nicht so bald geschehn;
Ihr dürfet nur nicht murren,
Wenn ein paar Stunden noch vergehn!
Erzählt indeß euch Schnurren
Von manchem schlauen Schelmenstreich
Und auch von manchem andern Zeug!«

Die Brüder, voller Lüsternheit,
Viel Fische zu erbeuten,
Thun gern, was Meister Fuchs gebeut,
Sein Wort nicht zu bestreiten.
Sie sitzen alle reihenweis,
Bis sich der Teich bedeckt mit Eis.

Doch Brüderchen, voll Schelmerei,
Schleicht sachte sich von ihnen,
Und ruft die Hunde straks herbei,
Mit schadenfrohen Mienen.
Die stürzen Schaarenweis, im Nu,
Lautbellend auf die Fischer zu.

Erschrocken wollten diese gleich
Aufspringen, und entfliehen;
Doch aus dem zugefrornen Teich
Kann keins den Schwanz mehr ziehen.
Und Mancher, der mit Noth entwich,
Ließ ihn in seiner Angst im Stich.

Trau nicht dem Schelme, wenn er auch
Zum Spotte selbst geworden.
Er hat es immer im Gebrauch,
Auch andrer Glück zu morden.
Laß nicht dem Spottgeist freien Lauf
Sonst reiz't du seine Bosheit auf.

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