> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe-Ausg. letzter Hand- Lieder: An den Mond (77)

2020-06-30

J.W.v.Goethe-Ausg. letzter Hand- Lieder: An den Mond (77)

Goethe Gedichte


    
            An den Mond             

Füllest wieder Busch und Tal 
Still mit Nebelglanz, 
Lösest endlich auch einmal 
Meine Seele ganz; 

Breitest über mein Gefild 
Lindernd deinen Blick, 
Wie des Freundes Auge mild 
Über mein Geschick. 

Jeden Nachklang fühlt mein Herz 
Froh' und trüber Zeit, 
Wandle zwischen Freud und Schmerz 
In der Einsamkeit. 

Fließe, fließe, lieber Fluß! 
Nimmer werd ich froh, 
So verrauschte Scherz und Kuß, 
Und die Treue so. 

Ich besaß es doch einmal, 
Was so köstlich ist! 
Daß man doch zu seiner Qual 
Nimmer es vergißt! 

Rausche, Fluß, das Tal entlang, 
Ohne Rast und Ruh, 
Rausche, flüstre meinem Sang 
Melodien zu, 

Wenn du in der Winternacht 
Wütend überschwillst 
Oder um die Frühlingspracht 
Junger Knospen quillst. 

Selig, wer sich vor der Welt 
Ohne Haß verschließt, 
Einen Freund am Busen hält 
Und mit dem genießt, 

Was, von Menschen nicht gewußt 
Oder nicht bedacht, 
Durch das Labyrinth der Brust 
Wandelt in der Nacht. 

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