> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Lyrisches: Wiederfinden (305)

2020-06-10

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Lyrisches: Wiederfinden (305)





Wiederfinden 

Ist es möglich, Stern der Sterne, 
Drück ich wieder dich ans Herz! 
Ach! was ist die Nacht der Ferne 
Für ein Abgrund, für ein Schmerz! 
Ja, du bist es! meiner Freuden 
Süßer, lieber Widerpart; 
Eingedenk vergangner Leiden 
Schaudr' ich vor der Gegenwart. 

Als die Welt im tiefsten Grunde 
Lag an Gottes ew'ger Brust, 
Ordnet' er die erste Stunde 
Mit erhabner Schöpfungslust, 
Und er sprach das Wort: »Es werde!« 
Da erklang ein schmerzlich Ach! 
Als das All mit Machtgebärde 
In die Wirklichkeiten brach. 

Auf tat sich das Licht! sich trennte 
Scheu die Finsternis von ihm, 
Und sogleich die Elemente 
Scheidend auseinanderfliehn. 
Rasch in wilden, wüsten Träumen 
Jedes nach der Weite rang, 
Starr, in ungemeßnen Räumen, 
Ohne Sehnsucht, ohne Klang. 

Stumm war alles, still und öde, 
Einsam Gott zum erstenmal! 
Da erschuf er Morgenröte, 
Die erbarmte sich der Qual; 
Sie entwickelte dem Trüben 
Ein erklingend Farbenspiel, 
Und nun konnte wieder lieben, 
Was erst auseinanderfiel. 

Und mit eiligem Bestreben 
Sucht sich, was sich angehört, 
Und zu ungemeßnem Leben 
Ist Gefühl und Blick gekehrt: 
Sei's Ergreifen, sei es Raffen, 
Wenn es nur sich faßt und hält! 
Allah braucht nicht mehr zu schaffen, 
Wir erschaffen seine Welt. 

So mit morgenroten Flügeln 
Riß es mich an deinen Mund, 
Und die Nacht mit tausend Siegeln 
Kräftigt sternenhell den Bund. 
Beide sind wir auf der Erde 
Musterhaft in Freud und Qual, 
Und ein zweites Wort: Es werde! 

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