> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Aus fremden Sprachen : Der fünfte Mai (352)

2020-07-19

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Aus fremden Sprachen : Der fünfte Mai (352)






Der fünfte Mai 
              
Ode von Alexander Manzoni 

Er war - und wie bewegungslos 
Nach letztem Hauche Seufzer   
Die Hülle lag, uneingedenk, 
Verwaist von solchem Geiste: 
So tief getroffen, starr erstaunt 
Die Erde steht der Botschaft. 

Stumm, sinnend nach der letztesten 
Stunde des Schreckensmannes, 
Sie wüßte nicht, ob solcherlei 
Fußstapfen Menschenfußes 
Nochmals den blutgefärbten Staub 
Zu stempeln sich erkühnten. 

Ihn wetterstrahlend auf dem Thron 
Erblickte die Muse schweigend, 
Sodann im Wechsel immerfort 
Ihn fallen, steigen, liegen; 
Zu tausend Stimmen Klang und Ruf 
Vermischte sie nicht die ihre. 

Jungfräulich, keiner Schmeichelei 
Noch frevler Schmähung schuldig, 
Erhebt sie sich plötzlich aufgeregt, 
Da solche Strahlen schwinden, 
Die Urne kränzend mit Gesang, 
Der wohl nicht sterben möchte. 

Zu Pyramiden von Alpen her, 
Vom Manzanar zum Rheine, 
Des sichern Blitzes Wetterschlag 
Aus leuchtenden Donnerwolken, 
Er traf von Scylla zum Tanais, 
Von einem zum andern Meere. 

Mit wahrem Ruhm? - Die künft'ge Welt 
Entscheide dies! Wir beugen uns, 
Die Stirne tief, dem Mächtigsten, 
Erschaffenden, der sich einmal 
Von allgewalt'ger Geisteskraft 
Grenzlose Spur beliebte. 

Das stürmische, doch bebende 
Erfreun an großen Planen, 
Die Angst des Herzens, das ungezähmt, 
Dienend nach dem Reiche gelüstet 
Und es erlangt zum höchsten Lohn, 
Den's törig war zu hoffen. 

Das ward ihm all: der Ehrenruhm, 
Vergrößert nach Gefahren, 
Sodann die Flucht, und wieder Sieg, 
Kaiserpalast, Verbannung; 
Zweimal zum Staub zurückgedrängt 
Und zweimal auf dem Altar. 

Er trat hervor: gespaltne Welt, 
Bewaffnet gegeneinander, 
Ergeben wandte sich zu ihm, 
Als lauschten sie dem Schicksal; 
Gebietend Schweigen, Schiedesmann, 
Setzt' er sich mitteninne; 

Verschwand! - Die Tage Müßiggangs, 
Verschlossen im engen Raume, 
Zeugen von grenzenlosem Neid 
Und tiefem, frommem Gefühle, 
Von unauslöschlichem Haß zugleich 
Und unbezwungener Liebe. 

Wie übers Haupt Schiffbrüchigem 
Die Welle sich wälzt und lastet, 
Die Welle, die den Armen erst 
Emporhob, vorwärtsrollte, 
Daß er entfernte Gegenden 
Umsonst zuletzt erblickte, 

So ward's dem Geist, der wogenhaft 
Hinaufstieg in der Erinnrung. 
Ach! wie so oft den Künftigen 
Wollt er sich selbst erzählen. 
Und kraftlos auf das ewige Blatt 
Sank die ermüdete Hand hin. 

Oh! wie so oft beim schweigsamen 
Sterben des Tags, des leeren, 
Gesenkt den blitzenden Augenstrahl, 
Die Arme übergefaltet, 
Stand er, von Tagen, vergangnen, 
Bestürmt' ihn die Erinnrung. 

Da schaut' er die beweglichen 
Zelten, durchwimmelte Täler, 
Das Wetterleuchten der Waffen zu Fuß, 
Die Welle reitender Männer, 
Die aufgeregteste Herrscherschaft 
Und das allerschnellste Gehorchen. 

Ach, bei so schrecklichem Schmerzgefühl 
Sank ihm der entatmete Busen, 
Und er verzweifelte! - Nein, die Kraft 
Der ewigen Hand von oben 
In Lüfte, leichter atembar, 
Liebherzig trug ihn hinüber. 

Und leitete ihn auf blühende 
Fußpfade, die hoffnungsreichen, 
Zu ewigen Feldern, zum höchsten Lohn, 
Der alle Begierden beschämet; 
Er sieht, wie auf Schweigen und Finsternis, 
Auf den Ruhm, den er durchdrungen. 

Schönste, unsterblich wohltätige 
Glaubenskraft, immer triumphend! 
Sprich es aus! erfreue dich, 
Daß stolzer höheres Wesen  
Sich dem berüchtigten Golgatha 
Wohl niemals niedergebeugt hat. 

Und also von müder Asche denn 
Entferne jedes widrige Wort; 
Der Gott, der niederdrückt und hebt, 
Der Leiden fügt und Tröstung auch, 
Auf der verlaßnen Lagerstatt 
Ihm ja zur Seite sich fügte. 



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