> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Aus Wilhelm Meister : Mignon (196)

2020-07-08

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Aus Wilhelm Meister : Mignon (196)

Goethe Gedichte



Aus  Wilhelm Meister 

Auch vernehmet im Gedränge 
Jener Genien Gesänge. 

    Mignon 

Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen, 
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht; 
Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen, 
Allein das Schicksal will es nicht. 

Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf 
Die finstre Nacht, und sie muß sich erhellen; 
Der harte Fels schließt seinen Busen auf, 
Mißgönnt der Erde nicht die tiefverborgnen Quellen. 

Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh, 
Dort kann die Brust in Klagen sich ergießen; 
Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu, 
Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen. 

         Dieselbe 

           Nur wer die Sehnsucht kennt, 
           Weiß, was ich leide! 
           Allein und abgetrennt 
           Von aller Freude, 
           Seh ich ans Firmament 
           Nach jener Seite. 

   Ach! der mich liebt und kennt, 
   Ist in der Weite. 
   Es schwindelt mir, es brennt. 
   Mein Eingeweide. 
   Nur wer die Sehnsucht kennt, 
   Weiß, was ich leide! 

          Dieselbe 

So laßt mich scheinen, bis ich werde; 
Zieht mir das weiße Kleid nicht aus! 
Ich eile von der schönen Erde 
Hinab in jenes feste Haus. 

Dort ruh ich eine kleine Stille, 
Dann öffnet sich der frische Blick, 
Ich lasse dann die reine Hülle, 
Den Gürtel und den Kranz zurück. 

Und jene himmlischen Gestalten, 
Sie fragen nicht nach Mann und Weib, 
Und keine Kleider, keine Falten 
Umgeben den verklärten Leib. 

Zwar lebt ich ohne Sorg und Mühe, 
  Doch fühlt ich tiefen Schmerz genung. 
  Vor Kummer altert ich zu frühe; 
  Macht mich auf ewig wieder jung! 

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