> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Aus Wilhelm Meister: Philine (198)

2020-07-08

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Aus Wilhelm Meister: Philine (198)

Goethe Gedichte



Philine 

Singet nicht in Trauertönen 
Von der Einsamkeit der Nacht; 
Nein, sie ist, o holde Schönen, 
Zur Geselligkeit gemacht. 

Wie das Weib dem Mann gegeben 
Als die schönste Hälfte war, 
Ist die Nacht das halbe Leben, 
Und die schönste Hälfte zwar. 

Könnt ihr euch des Tages freuen, 
Der nur Freuden unterbricht? 
Er ist gut, sich zu zerstreuen; 
Zu was anderm taugt er nicht. 

Aber wenn in nächt'ger Stunde 
Süßer Lampe Dämmrung fließt 
Und vom Mund zum nahen Munde 
Scherz und Liebe sich ergießt, 

Wenn der rasche lose Knabe, 
Der sonst wild und feurig eilt, 
Oft bei einer kleinen Gabe 
Unter leichten Spielen weilt, 

Wenn die Nachtigall Verliebten 
Liebevoll ein Liedchen singt, 
Das Gefangnen und Betrübten 
Nur wie Ach und Wehe klingt: 

Mit wie leichtem Herzensregen 
Horchet ihr der Glocke nicht, 
Die mit zwölf bedächt'gen Schlägen 
Ruh und Sicherheit verspricht! 

Darum an dem langen Tage 
Merke dir es, liebe Brust: 
Jeder Tag hat seine Plage, 
Und die Nacht hat ihre Lust. 


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