> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand- Balladen: Ritter Kurts Brautfahrt (116)

2020-07-03

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand- Balladen: Ritter Kurts Brautfahrt (116)

       Goethe Gedichte



   
          Ritter Kurts Brautfahrt              

Mit des Bräutigams Behagen 
Schwingt sich Ritter Kurt aufs Roß; 
Zu der Trauung soll's ihn tragen, 
Auf der edlen Liebsten Schloß: 
Als am öden Felsenorte 
Drohend sich ein Gegner naht; 
Ohne Zögern, ohne Worte 
Schreiten sie zu rascher Tat. 

Lange schwankt des Kampfes Welle, 
Bis sich Kurt im Siege freut; 
Er entfernt sich von der Stelle, 
Überwinder und gebleut. 
Aber was er bald gewahret 
In des Busches Zitterschein! 
Mit dem Säugling still gepaaret 
Schleicht ein Liebchen durch den Hain. 

Und sie winkt ihm auf das Plätzchen: 
»Lieber Herr, nicht so geschwind! 
Habt Ihr nichts an Euer Schätzchen, 
Habt Ihr nichts für Euer Kind?« 
Ihn durchglühet süße Flamme, 
Daß er nicht vorbeibegehrt, 
Und er findet nun die Amme, 
Wie die Jungfrau, liebenswert. 

Doch er hört die Diener blasen, 
Denket nun der hohen Braut, 
Und nun wird auf seinen Straßen 
Jahresfest und Markt so laut, 
Und er wählet in den Buden 
Manches Pfand zu Lieb und Huld; 
Aber ach! da kommen Juden 
Mit dem Schein vertagter Schuld. 

Und nun halten die Gerichte 
Den behenden Ritter auf. 
O verteufelte Geschichte! 
Heldenhafter Lebenslauf! 
Soll ich heute mich gedulden? 
Die Verlegenheit ist groß. 
Widersacher, Weiber, Schulden, 
Ach! kein Ritter wird sie los. 

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