> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand-Balladen: Der Junggesell und der Mühlbach (123)

2020-07-03

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand-Balladen: Der Junggesell und der Mühlbach (123)

Goethe Gedichte



             Der Junggesell und der Mühlbach               

 Gesell 
 Wo willst du klares Bächlein hin, 
 So munter? 
 Du eilst mit frohem, leichtem Sinn 
 Hinunter. 
 Was suchst du eilig in dem Tal? 
So höre doch und sprich einmal! 

Bach 
Ich war ein Bächlein, Junggesell; 
Sie haben 
Mich so gefaßt, damit ich schnell, 
Im Graben, 
Zur Mühle dort hinunter soll, 
Und immer bin ich rasch und voll. 

Gesell 
Du eilest mit gelaßnem Mut 
Zur Mühle 
Und weißt nicht, was ich junges Blut 
Hier fühle. 
Es blickt die schöne Müllerin 
Wohl freundlich manchmal nach dir hin? 

Bach 
Sie öffnet früh beim Morgenlicht 
Den Laden, 
Und kommt, ihr liebes Angesicht 
Zu baden. 
Ihr Busen ist so voll und weiß; 
Es wird mir gleich zum Dampfen heiß. 

Gesell 
Kann sie im Wasser Liebesglut 
Entzünden, 
Wie soll man Ruh mit Fleisch und Blut 
Wohl finden? 
Wenn man sie einmal nur gesehn, 
Ach! immer muß man nach ihr gehn. 

Bach 
Dann stürz ich auf die Räder mich 
Mit Brausen, 
Und alle Schaufeln drehen sich 
Im Sausen. 
Seitdem das schöne Mädchen schafft, 
Hat auch das Wasser beßre Kraft. 

Gesell 
Du Armer, fühlst du nicht den Schmerz 
Wie andre? 
Sie lacht dich an und sagt im Scherz: 
»Nun wandre!« 
Sie hielte dich wohl selbst zurück 
Mit einem süßen Liebesblick? 

Bach 
Mir wird so schwer, so schwer, vom Ort 
Zu fließen: 
Ich krümme mich nur sachte fort 
Durch Wiesen; 
Und käm es erst auf mich nur an, 
Der Weg wär bald zurückgetan. 

 Gesell 
 Geselle meiner Liebesqual, 
 Ich scheide 
 Du murmelst mir vielleicht einmal 
 Zur Freude. 
 Geh, sag ihr gleich, und sag ihr oft, 
 Was still der Knabe wünscht und hofft. 

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