> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe-Ausg. letzter Hand- Balladen : Der Fischer (113)

2020-07-02

J.W.v.Goethe-Ausg. letzter Hand- Balladen : Der Fischer (113)

Goethe Gedichte



 Der  Fischer 

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, 
Ein Fischer saß daran, 
Sah nach dem Angel ruhevoll, 
 Kühl bis ans Herz hinan. 
 Und wie er sitzt und wie er lauscht, 
 Teilt sich die Flut empor; 
 Aus dem bewegten Wasser rauscht 
 Ein feuchtes Weib hervor. 

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm: 
»Was lockst du meine Brut 
Mit Menschenwitz und Menschenlist 
Hinauf in Todesglut? 
Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist 
So wohlig auf dem Grund, 
Du stiegst herunter, wie du bist, 
Und würdest erst gesund. 

Labt sich die liebe Sonne nicht, 
Der Mond sich nicht im Meer? 
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht 
Nicht doppelt schöner her? 
Lockt dich der tiefe Himmel nicht, 
Das feuchtverklärte Blau? 
Lockt dich dein eigen Angesicht 
Nicht her in ew'gen Tau?« 

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, 
Netzt' ihm den nackten Fuß; 
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll, 
Wie bei der Liebsten Gruß. 
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; 
Da war's um ihn geschehn: 
Halb zog sie ihn, halb sank er hin, 
Und ward nicht mehr gesehn. 

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