> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand-Balladen: Der Müllerin Reue (125)

2020-07-03

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand-Balladen: Der Müllerin Reue (125)

          Goethe Gedichte Balladen



   
            Der Müllerin  Reue              

Jüngling 
Nur fort, du braune Hexe! fort 
Aus meinem gereinigten Hause, 
Daß ich dich, nach dem ernsten Wort, 
Nicht zause! 
Was singst du hier für Heuchelei 
Von Lieb und stiller Mädchentreu? 
Wer mag das Märchen hören! 

Zigeunerin 
Ich singe von des Mädchens Reu 
Und langem, heißem Sehnen; 
Denn Leichtsinn wandelte sich in Treu 
Und Tränen. 
Sie fürchtet der Mutter Drohen nicht mehr, 
Sie fürchtet des Bruders Faust nicht so sehr 
Als den Haß des herzlich Geliebten. 

Jüngling 
Von Eigennutz sing und von Verrat, 
Von Mord und diebischem Rauben; 
Man wird dir jede falsche Tat 
Wohl glauben. 
Wenn sie Beute verteilt, Gewand und Gut 
Schlimmer, als je ihr Zigeuner tut, 
Das sind gewohnte Geschichten. 

Zigeunerin 
»Ach! weh! ach weh! Was hab ich getan! 
Was hilft mir nun das Lauschen! 
Ich hör an meine Kammer heran 
Ihn rauschen. 
Da klopfte mir hoch das Herz, ich dacht: 
O hättest du doch die Liebesnacht 
Der Mutter nicht verraten!« 

Jüngling 
Ach leider trat ich auch einst hinein 
Und ging verführt im stillen: 
»Ach Süßchen! laß mich zu dir ein 
Mit Willen!« 
Doch gleich entstand ein Lärm und Geschrei; 
Es rannten die tollen Verwandten herbei. 
Noch siedet das Blut mir im Leibe. 

Zigeunerin 
»Kommt nun dieselbige Stunde zurück, 
Wie still mich's kränket und schmerzet! 
Ich habe das nahe, das einzige Glück 
Verscherzet. 
Ich armes Mädchen, ich war zu jung! 
Es war mein Bruder verrucht genung, 
So schlecht an dem Liebsten zu handeln.« 

Der Dichter 
So ging das schwarze Weib in das Haus, 
In den Hof zur springenden Quelle; 
Sie wusch sich heftig die Augen aus, 
Und helle 
Ward Aug und Gesicht, und weiß und klar 
Stellt sich die schöne Müllerin dar 
Dem erstaunt erzürnten Knaben.             - 

Müllerin 
Ich fürchte fürwahr dein erzürnt Gesicht, 
Du Süßes, Schöner und Trauter! 
Und Schläg und Messerstiche nicht; 
Nur lauter 
Sag ich von Schmerz und Liebe dir 
Und will zu deinen Füßen hier 
Nun leben oder auch sterben. 

Jüngling 
O Neigung, sage, wie hast du so tief 
Im Herzen dich verstecket? 
Wer hat dich, die verborgen schlief, 
Gewecket? 
Ach Liebe, du wohl unsterblich bist! 
Nicht kann Verrat und hämische List 
Dein göttlich Leben töten. 

Müllerin 
Liebst du mich noch so hoch und sehr, 
Wie du mir sonst geschworen, 
So ist uns beiden auch nichts mehr 
Verloren. 
Nimm hin das vielgeliebte Weib! 
Den jungen, unberührten Leib, 
Es ist nun alles dein eigen! 

Beide 
Nun, Sonne, gehe hinab und hinauf! 
Ihr Sterne, leuchtet und dunkelt! 
Es geht ein Liebesgestirn mir auf 
Und funkelt. 
Solange die Quelle springt und rinnt, 
So lange bleiben wir gleichgesinnt, 
Eins an des andern Herzen. 

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