> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand-Balladen: Wandrer und Pächterin (126)

2020-07-04

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand-Balladen: Wandrer und Pächterin (126)

    Goethe Gedichte



       
              Wandrer  und  Pächterin                  

Er 
Kannst du, schöne Pächtrin ohnegleichen, 
Unter dieser breiten Schattenlinde, 
Wo ich Wandrer kurze Ruhe finde, 
Labung mir für Durst und Hunger reichen? 

Sie 
Willst du, Vielgereister, hier dich laben; 
Sauren Rahm und Brot und reife Früchte, 
Nur die ganz natürlichsten Gerichte, 
Kannst du reichlich an der Quelle haben. 

Er 
Ist mir doch, ich müßte schon dich kennen, 
Unvergeßne Zierde holder Stunden! 
Ähnlichkeiten hab ich oft gefunden; 
Diese muß ich doch ein Wunder nennen. 

Sie 
Ohne Wunder findet sich bei Wandrern 
Oft ein sehr erklärliches Erstaunen. 
Ja, die Blonde gleichet oft der Braunen; 
Eine reizet eben wie die andern. 

Er 
Heute nicht, fürwahr, zum ersten Male 
Hat mir's diese Bildung abgewonnen! 
Damals war sie Sonne aller Sonnen 
In dem festlich aufgeschmückten Saale. 

Sie 
Freut es dich, so kann es wohl geschehen, 
Daß man deinen Märchenscherz vollende: 
Purpurseide floß von ihrer Lende, 
Da du sie zum erstenmal gesehen. 

Er 
Nein, fürwahr, das hast du nicht gedichtet! 
Konnten Geister dir es offenbaren; 
Von Juwelen hast du auch erfahren 
Und von Perlen, die ihr Blick vernichtet. 

Sie 
Dieses eine ward mir wohl vertrauet: 
Daß die Schöne, schamhaft, zu gestehen, 
Und in Hoffnung, wieder dich zu sehen, 
Manche Schlösser in die Luft erbauet. 

Er 
Trieben mich umher doch alle Winde! 
Sucht ich Ehr und Geld auf jede Weise! 
Doch gesegnet, wenn am Schluß der Reise 
Ich das edle Bildnis wiederfinde. 

Sie 
Nicht ein Bildnis, wirklich siehst du jene 
Hohe Tochter des verdrängten Blutes; 
Nun im Pachte des verlaßnen Gutes 
Mit dem Bruder freuet sich Helene. 

Er 
Aber diese herrlichen Gefilde, 
Kann sie der Besitzer selbst vermeiden? 
Reihe Felder, breite Wies' und Weiden, 
Mächt'ge Quellen, süße Himmelsmilde. 

Sie 
Ist er doch in alle Welt entlaufen! 
Wir Geschwister haben viel erworben; 
Wenn der Gute, wie man sagt, gestorben, 
Wollen wir das Hinterlaßne kaufen. 

Er 
Wohl zu kaufen ist es, meine Schöne! 
Vom Besitzer hört ich die Bedinge; 
Doch der Preis ist keineswegs geringe, 
Denn das letzte Wort, es ist: Helene! 

Sie 
Konnt uns Glück und Höhe nicht vereinen! 
Hat die Liebe diesen Weg genommen? 
Doch ich seh den wackren Bruder kommen; 
Wenn er's hören wird, was kann er meinen? 

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