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2020-07-03

J.W.v.Goethe-Ausg. letzter Hand- Balladen : Das Blümlein Wunderschön (115)

Goethe Gedichte



       Das  Blümlein Wunderschön        

Lied des gefangnen Grafen

Graf 
Ich kenn ein Blümlein Wunderschön 
Und trage darnach Verlangen; 
Ich macht es gerne zu suchen gehn, 
Allein ich bin gefangen. 
Die Schmerzen sind mir nicht gering; 
Denn als ich in der Freiheit ging, 
Da hatt ich es in der Nähe. 

Von diesem ringsum steilen Schloß 
Laß ich die Augen schweifen 
Und kann's von hohem Turmgeschoß 
Mit Blicken nicht ergreifen; 
Und wer mir's vor die Augen brächt, 
Es wäre Ritter oder Knecht, 
Der sollte mein Trauter bleiben. 

Rose 
Ich blühe schön und höre dies 
Hier unter deinem Gitter. 
Du meinest mich, die Rose, gewiß, 
Du edler armer Ritter! 
Du hast gar einen hohen Sinn, 
Es herrscht die Blumenkönigin 
Gewiß auch in deinem Herzen. 

Graf 
Dein Purpur ist aller Ehren wert 
Im grünen Überkleide; 
Darob das Mädchen dein begehrt, 
Wie Gold und edel Geschmeide. 
Dein Kranz erhöht das schönste Gesicht: 
Allein du bist das Blümchen nicht, 
Das ich im stillen verehre. 

Lilie 
Das Röslein hat gar stolzen Brauch 
Und strebet immer nach oben; 
Doch wird ein liebes Liebchen auch 
Der Lilie Zierde loben. 
Wem 's Herze schlägt in treuer Brust 
Und ist sich rein, wie ich, bewußt, 
Der hält mich wohl am höchsten. 

Graf 
Ich nenne mich zwar keusch und rein 
Und rein von bösen Fehlen; 
Doch muß ich hier gefangen sein 
Und muß mich einsam quälen. 
Du bist mir zwar ein schönes Bild 
Von mancher Jungfrau, rein und mild: 
Doch weiß ich noch was Liebers. 

Nelke 
Das mag wohl ich, die Nelke, sein, 
Hier in des Wächters Garten, 
Wie würde sonst der Alte mein 
Mit so viel Sorge warten? 
Im schönen Kreis der Blätter Drang, 
Und Wohlgeruch das Leben lang, 
Und alle tausend Farben. 

Graf 
Die Nelke soll man nicht verschmähn, 
Sie ist des Gärtners Wonne: 
Bald muß sie in dem Lichte stehn, 
Bald schützt er sie vor Sonne; 
Doch was den Grafen glücklich macht, 
Es ist nicht ausgesuchte Pracht: 
Es ist ein stilles Blümchen. 

Veilchen 
Ich steh verborgen und gebückt 
Und mag nicht gerne sprechen, 
Doch will ich, weil sich's eben schickt, 
Mein tiefes Schweigen brechen. 
Wenn ich es bin, du guter Mann, 
Wie schmerzt mich's, daß ich hinauf nicht kann 
Dir alle Gerüche senden. 

Graf 
Das gute Veilchen schätz ich sehr: 
Es ist so gar bescheiden 
Und duftet so schön; doch brauch ich mehr 
In meinem herben Leiden. 
Ich will es euch nur eingestehn: 
Auf diesen dürren Felsenhöhn 
Ist's Liebchen nicht zu finden. 

Doch wandelt unten, an dem Bach, 
Das treuste Weib der Erde, 
Und seufzet leise manches Ach, 
Bis ich erlöset werde. 
Wenn sie ein blaues Blümchen bricht 
Und immer sagt: »Vergiß mein nicht!« 
So fühl ich's in der Ferne. 

Ja, in der Ferne fühlt sich die Macht, 
Wenn zwei sich redlich lieben; 
Drum bin ich in des Kerkers Nacht 
Auch noch lebendig geblieben. 
Und wenn mir fast das Herze bricht, 
So ruf ich nur: »Vergiß mein nicht!« 
Da komm ich wieder ins Leben. 

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