> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand-Balladen: Der Müllerin Verrat (124)

2020-07-03

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand-Balladen: Der Müllerin Verrat (124)

Goethe Gedichte



      
     Der Müllerin Verrat               

Woher der Freund so früh und schnelle, 
Da kaum der Tag im Osten graut? 
Hat er sich in der Waldkapelle, 
So kalt und frisch es ist, erbaut? 
Es starret ihm der Bach entgegen; 
Mag er mit Willen barfuß gehn? 
Was flucht er seinen Morgensegen 
Durch die beschneiten, wilden Höhn? 

Ach, wohl! Er kommt vom warmen Bette, 
Wo er sich andern Spaß versprach; 
Und wenn er nicht den Mantel hätte
Wie schrecklich wäre seine Schmach! 
Es hat ihn jener Schalk betrogen 
Und ihm den Bündel abgepackt; 
Der arme Freund ist ausgezogen 
Und fast, wie Adam, bloß und nackt. 

Warum auch schlich er diese Wege 
Nach einem solchen Äpfelpaar, 
Das freilich schön im Mühlgehege, 
So wie im Paradiese, war. 
Er wird den Scherz nicht leicht erneuen; 
Er drückte schnell sich aus dem Haus 
Und bricht auf einmal nun, im Freien, 
In bittre, laute Klagen aus. 

»Ich las in ihren Feuerblicken 
Nicht eine Silbe von Verrat; 
Sie schien mit mir sich zu entzücken 
Und sann auf solche schwarze Tat! 
Konnt ich in ihren Armen träumen, 
Wie meuchlerisch der Busen schlug? 
Sie hieß den holden Amor säumen, 
Und günstig war er uns genug. 

Sich meiner Liebe zu erfreuen! 
Der Nacht, die nie ein Ende nahm! 
Und erst die Mutter anzuschreien, 
Nun eben als der Morgen kam! 
Da drang ein Dutzend Anverwandten 
Herein, ein wahrer Menschenstrom; 
Da kamen Vettern, guckten Tanten, 
Es kam ein Bruder und ein Ohm. 

Das war ein Toben, war ein Wüten! 
Ein jeder schien ein andres Tier. 
Sie forderten des Mädchens Blüten 
Mit schrecklichem Geschrei von mir. - 
Was dringt ihr alle wie von Sinnen 
Auf den unschuld'gen Jüngling ein? 
Denn solche Schätze zu gewinnen, 
Da muß man viel behender sein, 

Weiß Amor seinem schönen Spiele 
Doch immer zeitig nachzugehn. 
Er läßt fürwahr nicht in der Mühle 
Die Blumen sechzehn Jahre stehn. - 
Sie raubten nun das Kleiderbünde! 
Und wollten auch den Mantel noch. 
Wie nur so viel verflucht Gesindel 
Im engen Hause sich verkroch! 

Nun sprang ich auf und tobt und fluchte 
Gewiß, durch alle durchzugehn. 
Ich sah noch einmal die Verruchte, 
Und ach! sie war noch immer schön. 
Sie alle wichen meinem Grimme; 
Es flog noch manches wilde Wort; 
Da macht ich mich, mit Donnerstimme, 
Noch endlich aus der Höhle fort. 

Man soll euch Mädchen auf dem Lande 
Wie Mädchen aus den Städten fliehn. 
So lasset doch den Fraun von Stande 
Die Lust, die Diener auszuziehn! 
Doch seid ihr auch von den Geübten 
Und kennt ihr keine zarte Pflicht, 
So ändert immer die Geliebten, 
Doch sie verraten müßt ihr nicht.« 

So singt er in der Winterstunde, 
Wo nicht ein armes Hälmchen grünt. 
Ich lache seiner tiefen Wunde; 
Denn wirklich ist sie wohlverdient. 
So geh es jedem, der am Tage 
Sein edles Liebchen frech betriegt 
Und nachts, mit allzu kühner Wage, 
Zu Amors falscher Mühle kriecht. 


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