> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand-Elegien: Alexis und Dora (136)

2020-07-04

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand-Elegien: Alexis und Dora (136)



Goethe Gedichte



 Elegien. II 

Bilder so wie Leidenschaften 
Mögen gern am Liede haften. 


Alexis und  Dora 

Ach! unaufhaltsam strebet das Schiff mit jedem 
Momente 
Durch die schäumende Flut weiter und weiter hinaus! 
Langhin furcht sich die Geleise des Kiels, worin die 
Delphine 
Springend folgen, als flöh ihnen die Beute davon. 
Alles deutet auf glückliche Fahrt: der ruhige 
Bootsmann 
Ruckt am Segel gelind, das sich für alle bemüht; 
Vorwärts dringt der Schiffenden Geist, wie Flaggen 
und Wimpel; 
Einer nur steht rückwärts traurig gewendet am Mast, 
Sieht die Berge schon blau, die scheidenden, sieht in 
das Meer sie 
Niedersinken, es sinkt jegliche Freude vor ihm. 
Auch dir ist es verschwunden, das Schiff, das deinen 
Alexis, 
Dir, o Dora, den Freund, ach! dir den Bräutigam 
raubt. 
Auch du blickest vergebens nach mir. Noch schlagen 
die Herzen 
Für einander, doch ach! nun an einander nicht mehr. 
Einziger Augenblick, in welchem ich lebte! du 
wiegest 
Alle Tage, die sonst kalt mir verschwindenden, auf. 
Ach, nur im Augenblick, im letzten, stieg mir ein 
Leben 
Unvermutet in dir, wie von den Göttern, herab. 
Nur umsonst verklärst du mit deinem Lichte den 

Äther; 
Dein alleuchtender Tag, Phöbus, mir ist er verhaßt. 
In mich selber kehr ich zurück; da will ich im stillen 
Wiederholen die Zeit, als sie mir täglich erschien. 
War es möglich, die Schönheit zu sehn und nicht zu 
empfinden? 
Wirkte der himmlische Reiz nicht auf dein stumpfes 
Gemüt? 
Klage dich, Armer, nicht an! - So legt der Dichter ein 
Rätsel, 
Künstlich mit Worten verschränkt, oft der 
Versammlung ins Ohr. 
Jeden freuet die seltne, der zierlichen Bilder 
Verknüpfung, 
Aber noch fehlet das Wort, das die Bedeutung 
verwahrt. 
Ist es endlich entdeckt, dann heitert sich jedes Gemüt 
auf
Und erblickt im Gedicht doppelt erfreulichen Sinn. 
Ach, warum so spät, o Amor, nahmst du die Binde, 
Die du ums Aug mir geknüpft, nahmst sie zu spät mir 
hinweg! 
Lange schon harrte befrachtet das Schiff auf günstige 
Lüfte; 
Endlich strebte der Wind glücklich vom Ufer ins 
Meer. 
Leere Zeiten der Jugend! und leere Träume der 
Zukunft! 
Ihr verschwindet, es bleibt einzig die Stunde mir nur. 
Ja, sie bleibt, es bleibt mir das Glück! ich halte dich, 
Dora! 
Und die Hoffnung zeigt, Dora, dein Bild mir allein. 
Öfter sah ich zum Tempel dich gehn, geschmückt und 
gesittet, 
Und das Mütterchen ging feierlich neben dir her. 
Eilig warst du und frisch, zu Markte die Früchte zu 
tragen; 
Und vom Brunnen, wie kühn! wiegte dein Haupt das 
Gefäß. 
Da erschien dein Hals, erschien dein Nacken vor 
allen, 
Und vor allen erschien deiner Bewegungen Maß. 
Oftmals hab ich gesorgt, es möchte der Krug dir 
entstürzen; 
Doch er hielt sich stet auf dem geringelten Tuch. 
Schöne Nachbarin, ja, so war ich gewohnt, dich zu 
sehen, 
Wie man die Sterne sieht, wie man den Mond sich 
beschaut, 
Sich an ihnen erfreut und innen im ruhigen Busen 
Nicht der entfernteste Wunsch, sie zu besitzen, sich 
regt. 
Jahre, so gingt ihr dahin! Nur zwanzig Schritte 
getrennet 
Waren die Häuser, und nie hab ich die Schwelle 
berührt. 
Und nun trennt uns die gräßliche Flut! Du lügst nur 
den Himmel, 
Welle! dein herrliches Blau ist mir die Farbe der 
Nacht. 
Alles rührte sich schon; da kam ein Knabe gelaufen 
An mein väterlich Haus, rief mich zum Strande hinab. 
»Schon erhebt sich das Segel, es flattert im Winde«, 
so sprach er; 
»Und gelichtet mit Kraft, trenne sich der Anker vom 
Sand. 
Komm, Alexis, o komm !« Da drückte der wackere 
Vater 
Würdig die segnende Hand mir auf das lockige 
Haupt; 
Sorglich reichte die Mutter ein nachbereitetes Bündel: 
»Glücklich kehre zurück!« riefen sie, »glücklich und 
reich!« 
Und so sprang ich hinweg, das Bündelchen unter dem 
Arme, 
An der Mauer hinab, fand an der Türe dich stehn 
Deines Gartens. Du lächeltest mir und sagtest: 
»Alexis 
Sind die Lärmenden dort deine Gesellen der Fahrt? 
Fremde Küsten besuchest du nun, und köstliche 
Waren 
Handelst du ein, und Schmuck reichen Matronen der 
Stadt. 
Aber bringe mir auch ein leichtes Kettchen; ich will 
es 
Dankbar zahlen: so oft hab ich die Zierde 
gewünscht!« 
Stehen war ich geblieben und fragte, nach Weise des 
Kaufmanns, 
Erst nach Form und Gewicht deiner Bestellung genau. 
Gar bescheiden erwogst du den Preis! da blickt ich 
indessen 
Nach dem Halse, des Schmucks unserer Königin 
wert. 
Heftiger tönte vom Schiff das Geschrei; da sagtest du 
freundlich: 
»Nimm aus dem arten noch einige Früchte mit dir! 
Nimm die reifsten Orangen, die weißen Feigen; das 
Meer bringt 
Keine Früchte, sie bringt jegliches Land nicht 
hervor.« 
Und so trat ich herein. Du brachst nun die Früchte 
geschäftig, 
Und die goldene Last zog das geschürzte Gewand. 
Öfters bat ich: es sei nun genug! und immer noch eine 
Schönere Frucht fiel dir, leise berührt, in die Hand. 
Endlich kamst du zur Laube hinan; da fand sich ein 
Körbchen, 
Und die Myrte bog blühend sich über uns hin. 
Schweigend begannest du nun geschickt die Früchte 
zu ordnen: 
Erst die Orange, die schwer ruht als ein goldener Ball, 
Dann die weichliche Feige, die jeder Druck schon 
entstellet; 
Und mit Myrte bedeckt ward und geziert das 
Geschenk. 
Aber ich hob es nicht auf; ich stand. Wir sahen 
einander 
In die Augen, und mir ward vor dem Auge so trüb. 
Deinen Busen fühlt ich an meinem! Den herrlichen 
Nacken, 
Ihn umschlang nun mein Arm; tausendmal küßt ich 
den Hals; 
Mir sank über die Schulter dein Haupt; nun knüpften 
auch deine 
Lieblichen Arme das Band um den Beglückten herum. 
Amors Hände fühlt ich: er drückt uns gewaltig 
zusammen, 
Und aus heiterer Luft donnert' es dreimal. Da floß 
Häufig die Träne vom Aug mir herab, du weintest, ich 
weinte, 
Und vor Jammer und Glück schien uns die Welt zu 
vergehn. 
Immer heftiger rief es am Strand; da wollten die Füße 
Mich nicht tragen, ich rief: »Dora! und bist du nicht 
mein?« 
»Ewig!« sagtest du leise. Da schienen unsere 
« 
Tränen, 
Wie durch göttliche Luft, leise vom Auge gehaucht. 
Näher rief es: »Alexis!« Da blickte der suchende 
Knabe 
Durch die Türe herein. Wie er das Körbchen empfing! 
Wie er mich trieb! Wie ich dir die Hand noch 
drückte! - Zu Schiffe 
Wie ich gekommen? Ich weiß daß ich ein Trunkener 
schien. 
Und so hielten mich auch die Gesellen, schonten den 
Kranken; 
Und schon deckte der Hauch trüber Entfernung die 
Stadt. 
»Ewig!« Dora, lispeltest du; mir schallt es im Ohre 
Mit dem Donner des Zeus! Stand sie doch neben dem 
Thron, 
Seine Tochter, die Göttin der Liebe; die Grazien 
standen 
Ihr zur Seiten! Er ist götterbekräftigt, der Bund! 
O so eile denn, Schiff, mit allen günstigen Winden! 
Strebe, mächtiger Kiel, trenne die schäumende Flut! 
Bringe dem fremden Hafen mich zu, damit mir der 
Goldschmied 
In der Werkstatt gleich ordne das himmlische Pfand. 
Wahrlich! zur Kette soll das Kettchen werden, o 
Dora! 
Neunmal umgebe sie dir, locker gewunden, den Hals! 
Ferner schaff ich noch Schmuck, den 
mannigfaltigsten; goldne 
Spangen sollen dir auch reichlich verzieren die Hand: 
Da wetteifre Rubin und Smaragd, der liebliche Saphir 
Stelle dem Hyazinth sich gegenüber, und Gold 
Halte das Edelgestein in schöner Verbindung 
zusammen. 
Oh, wie den Bräutigam freut, einzig zu schmücken 
die Braut! 
Seh ich Perlen, so denk ich an dich; bei jeglichem 
Ringe 
Kommt mir der länglichen Hand schönes Gebild in 
den Sinn. 
Tauschen will ich und kaufen; du sollst das Schönste 
von allem 
Wählen; ich widmete gern alle die Ladung nur dir. 
Doch nicht Schmuck und Juwelen allein verschafft 
dein Geliebter: 
Was ein häusliches Weib freuet, das bringt er dir 
auch. 
Feine wollene Decken mit Purpursäumen, ein Lager 
Zu bereiten, das uns traulich und weichlich empfängt; 
Köstlicher Leinwand Stücke. Du sitzest und nähest 
und kleidest 
Mich und dich und auch wohl noch ein Drittes darein. 
Bilder der Hoffnung, täuschet mein Herz! O mäßiget, 
Götter, 
Diesen gewaltigen Brand, der mir den Busen 
durchtobt! 
Aber auch sie verlang ich zurück, die schmerzliche 
Freude, 
Wenn die Sorge sich kalt, gräßlich gelassen, mir naht. 
Nicht der Erinnyen Fackel, das Bellen der höllischen 
Hunde 
Schreckt den Verbrecher so in der Verzweiflung 
Gefild, 
Als das gelaßne Gespenst mich schreckt, das die 
Schöne von fern mir 
Zeiget: die Türe steht wirklich des Gartens noch auf! 
Und ein anderer kommt! Für ihn auch fallen die 
Früchte! 
Und die Feige gewährt stärkenden Honig auch ihm! 
Lockt sie auch ihn nach der Laube? und folgt er? O 
macht mich, ihr Götter, 
Blind, verwischet das Bild jeder Erinnrung in mir! 
Ja, ein Mädchen ist siel und die sich geschwinde dem 
einen 
Gibt, sie kehret sich auch schnell zu dem andern 
herum. 
Lache nicht diesmal, Zeus, der frech gebrochenen 
Schwüre! 
Donnere schrecklicher! Triff! - Halte die Blitze 
zurück! 
Sende die schwankenden Wolken mir nach! Im 
nächtlichen Dunkel 
Treffe dein leuchtender Blitz diesen unglücklichen 
Mast! 
Streue die Planken umher, und gib der tobenden 
Welle 
Diese Waren, und mich gib den Delphinen zum 
Raub! - 
Nun, ihr Musen, genug! Vergebens strebt ihr zu 
schildern, 
Wie sich Jammer und Glück wechseln in liebender 
Brust. 
Heilen könnet die Wunden ihr nicht, die Amor 
geschlagen; 
Aber Linderung kommt einzig, ihr Guten, von euch. 





Keine Kommentare: