> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe-Ausg. letzter Hand- Gesellige Lieder : Die glücklichen Gatten (86)

2020-07-01

J.W.v.Goethe-Ausg. letzter Hand- Gesellige Lieder : Die glücklichen Gatten (86)

         Goethe Gedichte



           Die glücklichen  Gatten           

Nach diesem Frühlingsregen, 
Den wir so warm erfleht, 
 Weibchen, o sieh den Segen, 
  Der unsre Flur durchweht. 
  Nur in der blauen Trübe 
 Verliert sich fern der Blick; 
  Hier wandelt noch die Liebe, 
  Hier hauset noch das Glück. 

Das Pärchen weißer Tauben,
Du siehst, es fliegt dorthin, 
Wo um besonnte Lauben 
Gefüllte Veilchen blühn. 
Dort banden wir zusammen 
Den allerersten Strauß 
Dort schlugen unsre Flammen 
Zuerst gewaltig aus. 

Doch als uns vom Altare, 
Nach dem beliebten Ja, 
Mit manchem jungen Paare 
Der Pfarrer eilen sah, 
Da gingen andre Sonnen 
Und andre Monden auf, 
Da war die Welt gewonnen 
Für unsern Lebenslauf. 

Und hunderttausend Siegel 
Bekräftigten den Bund, 
Im Wäldchen auf dem Hügel, 
Im Busch am Wiesengrund, 
In Höhlen, im Gemäuer 
Auf des Geklüftes Höh, 
Und Amor trug das Feuer 
Selbst in das Rohr am See. 

Wir wandelten zufrieden, 
Wir glaubten uns zu zwei; 
Doch anders war's beschieden, 
Und sieh! wir waren drei, 
Und vier und fünf und sechse, 
Sie saßen um den Topf, 
Und nun sind die Gewächse 
Fast all uns übern Kopf. 

Und dort in schöner Fläche 
Das neugebaute Haus 
Umschlingen Pappelbäche, 
So freundlich sieht's heraus. 
Wer schaffte wohl da drüben 
Sich diesen frohen Sitz? 
Ist es mit seiner Lieben 
Nicht unser braver Fritz? 

Und wo im Felsengrunde 
Der eingeklemmte Fluß 
Sich schäumend aus dem Schlunde 
Auf Räder stürzen muß: 
Man spricht von Müllerinnen 
Und wie so schön sie sind; 
Doch immer wird gewinnen 
Dort hinten unser Kind. 

Doch wo das Grün so dichte 
Um Kirch und Rasen steht, 
Da, wo die alte Fichte 
Allein zum Himmel weht, 
Da ruhet unsrer Toten 
Frühzeitiges Geschick 
Und leitet von dem Boden 
Zum Himmel unsern Blick. 

Es blitzen Waffenwogen 
Den Hügel schwankend ab. 
Das Heer, es kommt gezogen, 
Das uns den Frieden gab. 
Wer mit der Ehrenbinde 
Bewegt sich stolz voraus? 
Es gleichet unserm Kinde! 
So kommt der Karl nach Haus. 

Den liebsten aller Gäste 
Bewirtet nun die Braut; 
Sie wird am Friedensfeste 
Dem Treuen angetraut. 
Und zu den Feiertänzen 
Drängt jeder sich herbei; 
Da schmückest du mit Kränzen 
Der jüngsten Kinder drei. 

Bei Flöten und Schalmeien 
Erneuert sich die Zeit, 
Da wir uns einst im Reihen 
Als junges Paar gefreut; 
Und in des Jahres Laufe, 
Die Wonne fühl ich schon! 
Begleiten wir zur Taufe 
Den Enkel und den Sohn. 

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