> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe-Ausg. letzter Hand- Gesellige Lieder : Dauer im Wechsel (88)

2020-07-01

J.W.v.Goethe-Ausg. letzter Hand- Gesellige Lieder : Dauer im Wechsel (88)

Goethe Gedichte



       Dauer im Wechsel                

Hielte diesen frühen Segen, 
Ach, nur eine Stunde fest! 
Aber vollen Blütenregen 
Schüttelt schon der laue West. 
Soll ich mich des Grünen freuen, 
Dem ich Schatten erst verdankt? 
Bald wird Sturm auch das zerstreuen, 
Wenn es falb im Herbst geschwankt. 

Willst du nach den Früchten greifen, 
Eilig nimm dein Teil davon! 
Diese fangen an zu reifen, 
Und die andern keimen schon; 
Gleich mit jedem Regengusse 
Ändert sich dein holdes Tal, 
Ach, und in demselben Flusse 
Schwimmst du nicht zum zweitenmal. 

Du nun selbst! Was felsenfeste 
Sich vor dir hervorgetan, 
Mauern siehst du, siehst Paläste 
Stets mit andern Augen an. 
Weggeschwunden ist die Lippe, 
Die im Kusse sonst genas, 
Jener Fuß, der an der Klippe 
Sich mit Gemsenfreche maß. 

Jene Hand, die gern und milde 
Sich bewegte, wohlzutun, 
Das gegliederte Gebilde, 
Alles ist ein andres nun. 
Und was sich an jener Stelle 
Nun mit deinem Namen nennt, 
Kam herbei wie eine Welle, 
Und so eilt's zum Element. 

Laß den Anfang mit dem Ende 
Sich in eins zusammenziehn! 
Schneller als die Gegenstände 
Selber dich vorüberfliehn! 
Danke, daß die Gunst der Musen 
Unvergängliches verheißt, 
Den Gehalt in deinem Busen 
Und die Form in deinem Geist. 


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