> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe-Ausg. letzter Hand- Gesellige Lieder : Tischlied (89)

2020-07-01

J.W.v.Goethe-Ausg. letzter Hand- Gesellige Lieder : Tischlied (89)

Goethe Gedichte



Tischlied 

Mich ergreift, ich weiß nicht wie, 
Himmlisches Behagen. 
Will mich's etwa gar hinauf 
Zu den Sternen tragen? 
Doch ich bleibe lieber hier, 
Kann ich redlich sagen, 
Beim Gesang und Glase Wein 
Auf den Tisch zu schlagen. 

Wundert euch, ihr Freunde, nicht, 
Wie ich mich gebärde; 
Wirklich ist es allerliebst 
Auf der lieben Erde: 
Darum schwör ich feierlich 
Und ohn alle Fährde, 
Daß ich mich nicht freventlich 
Wegbegeben werde. 

Da wir aber allzumal 
So beisammen weilen, 
Dächt ich, klänge der Pokal 
Zu des Dichters Zeilen. 
Gute Freunde ziehen fort, 
Wohl ein Hundert Meilen, 
Darum soll man hier am Ort 
Anzustoßen eilen. 

Lebe hoch, wer Leben schafft! 
Das ist meine Lehre. 
Unser König denn voran, 
Ihm gebührt die Ehre. 
Gegen inn' und äußern Feind 
Setzt er sich zur Wehre; 
Ans Erhalten denkt er zwar, 
Mehr noch, wie er mehre. 

Nun begrüß ich sie sogleich, 
Sie, die einzig Eine. 
Jeder denke ritterlich 
Sich dabei die Seine. 
Merket auch ein schönes Kind, 
Wen ich eben meine, 
Nun, so nicke sie mir zu: 
Leb auch so der Meine! 

Freunden gilt das dritte Glas, 
Zweien oder dreien, 
Die mit uns am guten Tag 
Sich im stillen freuen 
Und der Nebel trübe Nacht 
Leis und leicht zerstreuen; 
Diesen sei ein Hoch gebracht, 
Alten oder neuen. 

Breiter wallet nun der Strom, 
Mit vermehrten Wellen. 
Leben jetzt im hohen Ton 
Redliche Gesellen! 
Die sich mit gedrängter Kraft 
Brav zusammenstellen 
In des Glückes Sonnenschein 
Und in schlimmen Fällen. 

Wie wir nun zusammen sind, 
Sind zusammen viele. 
Wohl gelingen denn, wie uns, 
Andern ihre Spiele! 
Von der Quelle bis ans Meer 
Mahlet manche Mühle, 
Und das Wohl der ganzen Welt 
Ist's, worauf ich ziele. 



Keine Kommentare: