> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Kantaten: Idylle (166)

2020-07-06

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Kantaten: Idylle (166)



Goethe Gedichte



 Idylle 

(Er wird angenommen, ein ländliches Chor 
habe sich versammelt und stehe im Begriff, 
       seinen Festzug anzutreten.) 

Chor 

Dem festlichen Tage 
Begegnet mit Kränzen, 
Verschlungenen Tänzen, 
Geselligen Freuden Und Reihengesang. 

Damon, 

Wie sehn ich mich aus dem Gedränge fort! 
Wie frommte mir ein wohlverborgner Ort! 
In dem Gewühl, in dieser Menge 
Wird mir die Flur, wird mir die Luft zu enge. 

Chor 

   Nun ordnet die Züge, 
   Daß jeder sich füge 
   Und einer mit allen, 
   Zu wandeln, zu wallen 
   Die Fluren entlang. 

 (Es wird angenommen, das Chor entferne sich; 
der Gesang wird immer leiser, bis er zuletzt ganz, 
          wie aus der Ferne, verhallt.) 

 Damon 

 Vergebens ruft, vergebens zieht ihr mich; 
 Es spricht mein Herz; allein es spricht mit sich. 

     Und soll ich beschauen 
     Gesegnetes Land, 
     Den Himmel, den blauen, 
     Die grünenden Gauen, 
     So will ich allein 
     Im stillen mich freun. 

     Da will ich verehren 
     Die Würde der Frauen, 
      Im Geiste sie schauen, 
      Im Geiste verehren; 
      Und Echo allein Vertraute soll sein. 

 Chor 
         (aufs leiseste, wie aus der Ferne 
mischt absatzweise in Damons Gesang die Worte:) 

  Und Echo - allein - 
  Vertraute - soll sein. 

  Menalkas

  Wie find ich dich, mein Trauter, hier! 
  Du eilest nicht zu jenen Festgesellen? 
  Nun zaudre nicht und komm mit mir, 
  In Reih und Glied auch uns zu stellen. 

  Damon 

  Willkommen, Freund! doch laß die Festlichkeit 
  Mich hier begehn im Schatten alter Buchen: 
  Die Liebe sucht die Einsamkeit; 
  Auch die Verehrung darf sie suchen. 

  Menalkas 

  Du suchest einen falschen Ruhm 
  Und willst mir heute nicht gefallen. 
  Die Liebe sei dein Eigentum; 

Doch die Verehrung teilest du mit allen! 
Wenn sich Tausende vereinen 
Und des holden Tags Erscheinen 
Mit Gesängen, 
Freudeklängen 
Herrlich, feiern, 
Dann erquickt sich Herz und Ohr; 

Und wenn Tausende beteuern, 
Die Gefühle sich erschließen 
Und die Wünsche sich ergießen, 
Reißt es kraftvoll dich empor. 

(Es wird angenommen, das Chor kehre 
 nach und nach aus der Ferne zurück) 

   Damon 

   Lieblich hör ich schon von weiten, 
   Und es reizet mich die Menge; 
   Ja, sie wallen, ja, sie schreiten 
   Von dem Hügel in das Tal. 

   Menalkas 

   Laß uns eilen, fröhlich schreiten 
   Zu dem Rhythmus der Gesänge! 
   Ja, sie kommen, sie bereiten 
Sich des Waldes grünen Saal. 

Chor (allmählich wachsend) 

Ja wir kommen, wir begleiten 
Mit dem Wohlklang der Gesänge 
Fröhlich im Verlauf der Zeiten, 
Diesen einzig schönen Tag. 

Alle 

Worauf wir zielen, 
Was alle fühlen, 
Verschweigt, verschweiget! 
Nur Freude zeiget! 
Denn die vermag's; 
Ihr wird es glücken, 
Und ihr Entzücken 
Enthält die Würde, 
Enthält den Segen 

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