> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Kunst : Künstlers Morgenlied (239)

2020-07-10

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Kunst : Künstlers Morgenlied (239)





Künstlers  Morgenlied 

Der Tempel ist euch aufgebaut, 
Ihr hohen Musen all, 
Und hier in meinem Herzen ist 
Das Allerheiligste. 

Wenn morgens mich die Sonne weckt, 
Warm, froh ich schau umher, 
Steht rings ihr Ewiglebenden 
Im heil'gen Morgenglanz. 

Ich bet hinan, und Lobgesang 
Ist lauter mein Gebet, 
Und freudeklingend Saitenspiel 
Begleitet mein Gebet. 

Ich trete vor den Altar hin 
Und lese, wie sich's ziemt, 
Andacht liturg'scher Lektion 
Im heiligen Homer. 

Und wenn er ins Getümmel mich 
Von Löwenkriegern reißt 
Und Göttersöhn auf Wagen hoch 
Rachglühend stürmen an 

Und Roß dann vor dem Wagen stürzt 
Und drunter und drüber sich 
Freund', Feinde wälzen in Todesblut - 
Er sengte sie dahin 

Mit Flammenschwert, der Heldensohn, 
Zehntausend auf einmal, 
Bis dann auch er, gebändiget 
Von einer Götterhand, 

Ab auf den Rogus niederstürzt, 
Den er sich selbst gehäuft, 
Und Feinde nun den schönen Leib 
Verschändend tasten an: 

Da greif ich mutig auf, es wird 
Die Kohle zum Gewehr, 
Und jene meine hohe Wand 
In Schlachtfeldwogen braust. 

Hinan! Hinan! Es heulet laut 
Gebrüll der Feindeswut, 
Und Schild an Schild, und Schwert auf Helm, 
Und um den Toten Tod. 

Ich dränge mich hinan, hinan, 
Da kämpfen sie um ihn, 
Die tapfern Freunde, tapferer 
In ihrer Tränenwut. 

Ach, rettet! Kämpfet! Rettet ihn! 
Ins Lager tragt ihn fort, 
Und Balsam gießt dem Toten auf 
Und Tränen Totenehr! 

Und find ich mich zurück hierher, 
Empfängst du, Liebe, mich, 
Mein Mädchen, ach, im Bilde nur 
Und so im Bilde warm! 

Ach, wie du ruhtest neben mir 
Und schmachtetest mich an, 
Und mir's vom Aug durchs Herz hindurch 
Zum Griffel schmachtete! 

Wie ich an Aug und Wange mich 
Und Mund mich weidete, 
Und mir's im Busen jung und frisch, 
Wie einer Gottheit, war ! 

O kehre doch und bleibe dann 
In meinen Armen fest, 
Und keine, keine Schlachten mehr, 
Nut dich in meinem Arm! 

Und sollst mir, meine Liebe, sein 
Alldeutend Ideal, 
Madonna sein, ein Erstlingskind, 
Ein heiligs, an der Brust; 

Und haschen will ich, Nymphe, dich 
Im tiefen Waldgebüsch; 
    O fliehe nicht die rauhe Brust, 
    Mein aufgerecktes Ohr! 

    Und liegen will ich Mars zu dir, 
    Du Liebesgöttin stark, 
    Und ziehn ein Netz um uns herum 
    Und rufen dem Olymp, 

    Wer von den Göttern kommen will, 
    Beneiden unser Glück, 
    Und soll's die Fratze Eifersucht, 
    Am Bettfuß angebannt. 

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