> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Lyrisches: Juni (278)

2020-07-14

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Lyrisches: Juni (278)





Juni 

Hinter jenem Berge wohnt 
Sie, die meine Liebe lohnt. 
Sage, Berg, was ist denn das? 
Ist mir doch, als wärst du Glas 

Und ich wär nicht weit davon; 
Denn sie kommt, ich seh es schon, 
Traurig, denn ich bin nicht da, 
Lächelnd, ja, sie weiß es ja! 

Nun stellt sich dazwischen 
Ein kühles Tal mit leichten Büschen, 
Bächen, Wiesen und dergleichen, 
Mühlen und Rändern, den schönsten Zeichen, 
Daß da gleich wird eine Fläche kommen, 
Weite Felder unbeklommen. 
Und so immer, immer heraus, 
Bis mir an Garten und Haus 

Aber wie geschicht's? 
Freut mich das alles nicht - 
Freute mich des Gesichts 
Und der zwei Äuglein Glanz, 
Freute mich des leichten Gangs, 
Und wie ich sie seh 
Vom Zopf zur Zeh! 

Sie ist fort, ich bin hier, 
Ich bin weg, bin bei ihr. 

Wandelt sie auf schroffen Hügeln, 
Eilet sie das Tal entlang, 
Da erklingt es wie mit Flügeln, 
Da bewegt sich's wie Gesang. 

Und auf diese Jugendfülle, 
Dieser Glieder frohe Pracht 
Harret einer in der Stille, 
Den sie einzig glücklich macht. 

Liebe steht ihr gar zu schön, 
Schönres hab ich nie gesehn! 
Bricht ihr doch ein Blumenflor 
Aus dem Herzen leicht hervor. 

Denk ich: Soll es doch so sein! 
Das erquickt mir Mark und Bein; 
Wähn ich wohl, wenn sie mich liebt, 
Daß es noch was Beßres gibt? 

Und noch schöner ist die Braut, 
Wenn sie sich mir ganz vertraut, 
Wenn sie spricht und mir erzählt, 
Was sie freut und was sie quält. 

Wie's ihr ist und wie's ihr war, 
Kenn ich sie doch ganz und gar. 
Wer gewänn an Seel und Leib 
Solch ein Kind und solch ein Weib! 

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