> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Parabolisch: Parabel (260)

2020-07-12

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Parabolisch: Parabel (260)





Parabel 

In einer Stadt, wo Parität 
Noch in der alten Ordnung steht, 
Da, wo sich nämlich Katholiken 
Und Protestanten ineinander schicken 
Und, wie's von Vätern war erprobt, 
Jeder Gott auf seine Weise lobt, 
Da lebten wir Kinder Lutheraner 
Von etwas Predigt und Gesang, 
Waren aber dem Kling und Klang 
Der Katholiken nur zugetaner: 
Denn alles war doch gar zu schön, 
Bunter und lustiger anzusehn. 

Dieweil nun Affe, Mensch und Kind 
Zur Nachahmung geboren sind, 
Erfanden wir, die Zeit zu kürzen, 
Ein auserlesnes Pfaffenspiel: 
Zum Chorrock, der uns wohlgefiel, 
Gaben die Schwestern ihre Schürzen; 
Handtücher, mit Wirkwerk schön verziert, 
Wurden zur Stola travestiert; 
Die Mütze mußte den Bischof zieren 
Von Goldpapier mit vielen Tieren. 

So zogen wir nun im Ornat 
Durch Haus und Garten früh und spat 
Und wiederholten ohne Schonen 
Die sämtlichen heiligen Funktionen; 
Doch fehlte noch das beste Stück. 
Wir wußten wohl, ein prächtig Läuten 
Habe hier am meisten zu bedeuten; 
Und nun begünstigt' uns das Glück: 
Denn auf dem Boden hing ein Strick. 
Wir sind entzückt, und wie wir diesen 
Zum Glockenstrang sogleich erkiesen, 
Ruht er nicht einen Augenblick: 
Denn wechselnd eilten wir Geschwister, 
Einer ward um den andern Küster, 
Ein jedes drängte sich hinzu. 
Das ging nun allerliebst vonstatten, 
Und weil wir keine Glocken hatten, 
So sangen wir Bum Baum dazu. 

Vergessen wie die ältste Sage 
War der unschuld'ge Kinderscherz; 
Doch grade diese letzten Tage 
Fiel er mit einmal mir aufs Herz: 
Da sind sie ja, nach allen Stücken, 
Die neupoetischen Katholiken! 

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