> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: Das Göttliche (181)

2020-07-06

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: Das Göttliche (181)

Goethe Gedichte  Vermischte Gedichte


Das Göttliche 

Edel sei der Mensch, 
Hülfreich und gut! 
Denn das allein 
Unterscheidet ihn 
Von allen Wesen, 
Die wir kennen. 

Heil den unbekannten 
Höhern Wesen, 
Die wir ahnen! 
Ihnen gleiche der Mensch; 
Sein Beispiel lehr uns 
Jene glauben. 

Denn unfühlend 
Ist die Natur: 
Es leuchtet die Sonne 
Über Bös' und Gute, 
Und dem Verbrecher 
Glänzen wie dem Besten 
Der Mond und die Sterne. 

Wind und Ströme, 
Donner und Hagel 
Rauschen ihren Weg 
Und ergreifen, 
Vorübereilend, 
Einen um den andern. 

Auch so das Glück 
Tappt unter die Menge, 
Faßt bald des Knaben 
Lockige Unschuld, 
Bald auch den kahlen, 
Schuldigen Scheitel. 

Nach ewigen, ehrnen, 
Großen Gesetzen 
Müssen wir alle 
Unseres Daseins 
Kreise vollenden. 

Nur allein der Mensch 
Vermag das Unmögliche: 
Er unterscheidet, 
Wählet und richtet; 
Er kann dem Augenblick 
Dauer verleihen. 

Er allein darf 
Den Guten lohnen, 
       Den Bösen strafen, 
       Heilen und retten, 
       Alles Irrende, Schweifende 
       Nützlich verbinden. 

       Und wir verehren 
       Die Unsterblichen, 
       Als wären sie Menschen, 
       Täten im Großen, 
       Was der Beste im Kleinen 
       Tut oder möchte. 

       Der edle Mensch 
       Sei hülfreich und gut! 
       Unermüdet schaff er 
       Das Nützliche, Rechte, 
       Sei uns ein Vorbild 
       Jener geahneten Wesen! 

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