> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: Die Musageten (189)

2020-07-07

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: Die Musageten (189)

Goethe Gedichte



 Die  Musageten 

Oft in tiefen Winternächten 
Rief ich an die holden Musen: 
»Keine Morgenröte leuchtet, 
Und es will kein Tag erscheinen; 
Aber bringt zur rechten Stunde 
Mir der Lampe fromm Geleuchte, 
Daß es statt Auror' und Phöbus 
Meinen stillen Fleiß belebe!« 
Doch sie ließen mich im Schlafe, 
Dumpf und unerquicklich, liegen, 
Und nach jedem späten Morgen 
Folgten ungenutzte Tage. 

Da sich nun der Frühling regte, 
Sagt ich zu den Nachtigallen: 
»Liebe Nachtigallen, schlaget 
Früh, o früh! vor meinem Fenster, 
Weckt mich aus dem vollen Schlafe, 
Der den Jüngling mächtig fesselt.« 
Doch die lieberfüllten Sänger 
Dehnten nachts vor meinem Fenster 
Ihre süßen Melodien, 
Hielten wach die liebe Seele, 
Regten zartes neues Sehnen 
Aus dem neugerührten Busen. 
Und so ging die Nacht vorüber, 
Und Aurora fand mich schlafen, 
Ja, mich weckte kaum die Sonne. 

Endlich ist es Sommer worden, 
Und beim ersten Morgenschimmer 
Reizt mich aus dem holden Schlummer 
Die geschäftig frühe Fliege. 
Unbarmherzig kehrt sie wieder, 
Wenn auch oft der halb Erwachte 
Ungeduldig sie verscheuchet, 
Lockt die unverschämten Schwestern, 
    Und von meinen Augenlidern 
    Muß der holde Schlaf entweichen. 
    Rüstig spring ich von dem Lager, 
    Suche die geliebten Musen, 
    Finde sie im Buchenhaine, 
    Mich gefällig zu empfangen, 
    Und den leidigen Insekten 
    Dank ich manche goldne Stunde. 
    Seid mir doch, ihr Unbequemen, 
    Von dem Dichter hoch gepriesen 

Keine Kommentare: