> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: Adler und Taube (177)

2020-07-06

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: Adler und Taube (177)

     Goethe Gedichte



                Adler und Taube                 

Ein Adlersjüngling hob die Flügel 
Nach Raub aus; 
Ihn traf des Jägers Pfeil und schnitt 
Der rechten Schwinge Sennkraft ab. 
Er stürzt' hinab in einen Myrtenhain, 
Fraß seinen Schmerz drei Tage lang 
Und zuckt' an Qual 
Drei lange, lange Nächte lang. 
Zuletzt heilt ihn 
Allgegenwärt'ger Balsam 
Allheilender Natur. 
Er schleicht aus dem Gebüsch hervor 
Und reckt die Flügel - ach! 
Die Schwingkraft weggeschnitten - 
Hebt sich mühsam kaum 
Am Boden weg 
Unwürd'gem Raubbedürfnis nach, 
Und ruht tieftrauernd 
Auf dem niedern Fels am Bach; 
Er blickt zur Eich hinauf, 
Hinauf zum Himmel, 
Und eine Träne füllt sein hohes Aug. 

Da kommt mutwillig durch die Myrtenäste 
Dahergerauscht ein Taubenpaar, 
Läßt sich herab und wandelt nickend 
Über goldnen Sand am Bach 
Und ruckt einander an; 
Ihr rötlich Auge buhlt umher, 
Erblickt den Innigtrauernden. 
Der Tauber schwingt neugiergesellig sich 
Zum nahen Busch und blickt 
Mit Selbstgefälligkeit ihn freundlich an. 
»Du trauerst«, liebelt er, 
»Sei guten Mutes, Freund! 
Hast du zur ruhigen Glückseligkeit 
Nicht alles hier? 
Kannst du dich nicht des goldnen Zweiges freun, 
Der vor des Tages Glut dich schützt? 
Kannst du der Abendsonne Schein 
Auf weichem Moos am Bache nicht 
Die Brust entgegenheben? 
Du wandelst durch der Blumen frischen Tau, 
Pflückst aus dem Überfluß 
Des Waldgebüsches dir 
Gelegne Speise, letzest 
Den leichten Durst am Silberquell 
O Freund, das wahre Glück 
Ist die Genügsamkeit, 
Und die Genügsamkeit 
Hat überall genug.« 
»O Weise!« sprach der Adler, und tief ernst 
Versinkt er tiefer in sich selbst, 
»O Weisheit ! Du redst wie eine Taube!« 

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