> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: Prometheus (178)

2020-07-06

J.W.v.Goethe : Ausg. letzter Hand: Vermischte Gedichte: Prometheus (178)

Goethe Gedichte



Prometheus 

  Bedecke deinen Himmel, Zeus, 
  Mit Wolkendunst, 
  Und übe, dem Knaben gleich, 
  Der Disteln köpft, 
  An Eichen dich und Bergeshöhn; 
  Mußt mir meine Erde 
  Doch lassen stehn 
  Und meine Hütte, die du nicht gebaut, 
  Und meinen Herd, 
  Um dessen Glut 
  Du mich beneidest. 

  Ich kenne nichts Ärmeres 
  Unter der Sonn als euch, Götter! 
  Ihr nähret kümmerlich 
  Von Opfersteuern 
  Und Gebetshauch 
  Eure Majestät 
  Und darbtet, wären 
Nicht Kinder und Bettler 
Hoffnungsvolle Toren. 
Da ich ein Kind war, 
Nicht wußte, wo aus noch ein, 
Kehrt ich mein verirrtes Auge 
Zur Sonne, als wenn drüber wär 
Ein Ohr, zu hören meine Klage, 
Ein Herz wie meins, 
Sich des Bedrängten zu erbarmen. 

Wer half mir 
Wider der Titanen Übermut? 
Wer rettete vom Tode mich, 
Von Sklaverei? 
Hast du nicht alles selbst vollendet, 
Heilig glühend Herz? 
Und glühtest jung und gut, 
Betrogen, Rettungsdank 
Dem Schlafenden da droben? 

Ich dich ehren? Wofür? 
Hast du die Schmerzen gelindert 
Je des Beladenen? 
Hast du die Tränen gestillet 
Je des Geängsteten? 
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet 
 Die allmächtige Zeit 
 Und das ewige Schicksal, 
 Meine Herrn und deine? 

 Wähntest du etwa, 
 Ich sollte das Leben hassen, 
 In Wüsten fliehen, 
 Weil nicht 
 alle Blütenträume reiften? 

 Hier sitz ich, forme Menschen 
 Nach meinem Bilde, 
 Ein Geschlecht, das mir gleich sei, 
 Zu leiden, zu weinen, 
 Zu genießen und zu freuen sich, 
 Und dein nicht zu achten, 
 Wie ich! 

Keine Kommentare: